wohl, mit welchem Eifer manche Reichsstadt, z. B. Nürn- berg, die beginnende Bewegung in ihrem eignen Gebiet zu unterdrücken bemüht war: wir sehen allenthalben, wie die den bäurischen entsprechenden städtischen Gährungen nur durch die Gelegenheit hervorgerufen werden, -- so springt doch in die Augen, wie stark und umfassend durch das Hinzutreten dieses zweiten Elementes die Empörung, die allgemeine Gefahr werden mußte.
Da ist nun überaus merkwürdig, welche Ideen in diesem Moment emporstiegen.
Die Bauern in Franken faßten Pläne zu einer Re- formation des Reiches.
So tief lag diese Bestrebung, man möchte sagen, im Blute der Nation. Was die Fürsten auf so vielen Reichs- tagen vergebens versucht hatten, was auch Sickingen drei Jahr früher mit den Rittern auf seine Weise auszufüh- ren beabsichtigt, das glaubten jetzt die Bauern durchsetzen zu können: natürlich in einem Sinne der ihrer Erhebung überhaupt entsprach.
Man wollte vor allem versuchen, der in sich zügel- losen Bewegung eine allgemeine Leitung zu geben. In Heilbronn sollte eine gemeinschaftliche Canzlei für alle Hau- fen, eine Art von Regierung eingerichtet werden. Die Massen selbst sollten nach Hause an ihr Tagewerk gehn, nur ein Aufgebot sollte im Felde bleiben, und es sein Ge- schäft seyn lassen, die noch Unüberwundenen zur Annahme der zwölf Artikel zu nöthigen.
Indem man dann weiter an eine definitive Einrichtung dachte, war die vornehmste Idee, die alles beherrschte, fol-
Drittes Buch. Sechstes Capitel.
wohl, mit welchem Eifer manche Reichsſtadt, z. B. Nürn- berg, die beginnende Bewegung in ihrem eignen Gebiet zu unterdrücken bemüht war: wir ſehen allenthalben, wie die den bäuriſchen entſprechenden ſtädtiſchen Gährungen nur durch die Gelegenheit hervorgerufen werden, — ſo ſpringt doch in die Augen, wie ſtark und umfaſſend durch das Hinzutreten dieſes zweiten Elementes die Empörung, die allgemeine Gefahr werden mußte.
Da iſt nun überaus merkwürdig, welche Ideen in dieſem Moment emporſtiegen.
Die Bauern in Franken faßten Pläne zu einer Re- formation des Reiches.
So tief lag dieſe Beſtrebung, man möchte ſagen, im Blute der Nation. Was die Fürſten auf ſo vielen Reichs- tagen vergebens verſucht hatten, was auch Sickingen drei Jahr früher mit den Rittern auf ſeine Weiſe auszufüh- ren beabſichtigt, das glaubten jetzt die Bauern durchſetzen zu können: natürlich in einem Sinne der ihrer Erhebung überhaupt entſprach.
Man wollte vor allem verſuchen, der in ſich zügel- loſen Bewegung eine allgemeine Leitung zu geben. In Heilbronn ſollte eine gemeinſchaftliche Canzlei für alle Hau- fen, eine Art von Regierung eingerichtet werden. Die Maſſen ſelbſt ſollten nach Hauſe an ihr Tagewerk gehn, nur ein Aufgebot ſollte im Felde bleiben, und es ſein Ge- ſchäft ſeyn laſſen, die noch Unüberwundenen zur Annahme der zwölf Artikel zu nöthigen.
Indem man dann weiter an eine definitive Einrichtung dachte, war die vornehmſte Idee, die alles beherrſchte, fol-
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[202/0212]
Drittes Buch. Sechstes Capitel.
wohl, mit welchem Eifer manche Reichsſtadt, z. B. Nürn-
berg, die beginnende Bewegung in ihrem eignen Gebiet
zu unterdrücken bemüht war: wir ſehen allenthalben, wie
die den bäuriſchen entſprechenden ſtädtiſchen Gährungen
nur durch die Gelegenheit hervorgerufen werden, — ſo
ſpringt doch in die Augen, wie ſtark und umfaſſend durch
das Hinzutreten dieſes zweiten Elementes die Empörung,
die allgemeine Gefahr werden mußte.
Da iſt nun überaus merkwürdig, welche Ideen in
dieſem Moment emporſtiegen.
Die Bauern in Franken faßten Pläne zu einer Re-
formation des Reiches.
So tief lag dieſe Beſtrebung, man möchte ſagen, im
Blute der Nation. Was die Fürſten auf ſo vielen Reichs-
tagen vergebens verſucht hatten, was auch Sickingen drei
Jahr früher mit den Rittern auf ſeine Weiſe auszufüh-
ren beabſichtigt, das glaubten jetzt die Bauern durchſetzen
zu können: natürlich in einem Sinne der ihrer Erhebung
überhaupt entſprach.
Man wollte vor allem verſuchen, der in ſich zügel-
loſen Bewegung eine allgemeine Leitung zu geben. In
Heilbronn ſollte eine gemeinſchaftliche Canzlei für alle Hau-
fen, eine Art von Regierung eingerichtet werden. Die
Maſſen ſelbſt ſollten nach Hauſe an ihr Tagewerk gehn,
nur ein Aufgebot ſollte im Felde bleiben, und es ſein Ge-
ſchäft ſeyn laſſen, die noch Unüberwundenen zur Annahme
der zwölf Artikel zu nöthigen.
Indem man dann weiter an eine definitive Einrichtung
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Ranke, Leopold von: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. 2. Berlin, 1839, S. 202. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ranke_reformation02_1839/212>, abgerufen am 10.08.2024.
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