Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Ranke, Leopold von: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. 4. Berlin, 1843.

Bild:
<< vorherige Seite

Siebentes Buch. Erstes Capitel.
von einem Zuge auf Constantinopel für den nächsten Som-
mer habe man ihn sprechen hören. 1 In der Christenheit
erneuerten sich hie und da die alten Weissagungen von einem
Kaiser, der die ganze Welt überwinden, die Anbetung des
Kreuzes bei Todesstrafe gebieten, dann aber in Jerusalem von
einem Engel Gottes die Krone empfangen und daselbst ster-
ben werde. In Carl V glaubte man diesen Kaiser zu sehen.

Allein die Angelegenheiten der christlichen Welt lagen nicht
so einfach, daß alle ihre Kräfte in einer einzigen großen Rich-
tung sich bewegen, oder gar einem einzigen Oberhaupt sich
hätten unterordnen sollen.

Wie der Absicht gegen Frankreich und Deutschland die
Nothwendigkeit, die Osmanen abzuwehren, in den Weg getre-
ten war, so ward jetzt die Tendenz gegen den allgemeinen Feind
durch die drohende Haltung von Frankreich zurückgedrängt.

Entzweiung und Krieg mit Frankreich 1536.

Wir wissen, wie König Franz I, ohne sich durch den
Vertrag von Cambrai für gebunden zu achten, im Namen
seiner Kinder seine alten italienischen Ansprüche erneuert, und
durch Verschwägerung mit dem Hause Medici verstärkt, er-
weitert hatte, wie alle seine politischen Verbindungen dahin
zielten, dieselben noch einmal durchzusetzen.

Nur mit großer Mühe war in den letzten Jahren der Friede
erhalten worden; 2 der König rechnete es sich hoch an, daß er
nicht während des Tunisischen Krieges losgebrochen war.


1 Conde de Nieva: carta cifrada bei Sandoval II, p. 301.
2 Der Admiral sagt der Königin Maria: que si el empera-
dor no hazia alguna cosa despues retornado deste viaje de africa
por el rey -- -- que el rey tenia occasion de quedar desesperado.

Siebentes Buch. Erſtes Capitel.
von einem Zuge auf Conſtantinopel für den nächſten Som-
mer habe man ihn ſprechen hören. 1 In der Chriſtenheit
erneuerten ſich hie und da die alten Weiſſagungen von einem
Kaiſer, der die ganze Welt überwinden, die Anbetung des
Kreuzes bei Todesſtrafe gebieten, dann aber in Jeruſalem von
einem Engel Gottes die Krone empfangen und daſelbſt ſter-
ben werde. In Carl V glaubte man dieſen Kaiſer zu ſehen.

Allein die Angelegenheiten der chriſtlichen Welt lagen nicht
ſo einfach, daß alle ihre Kräfte in einer einzigen großen Rich-
tung ſich bewegen, oder gar einem einzigen Oberhaupt ſich
hätten unterordnen ſollen.

Wie der Abſicht gegen Frankreich und Deutſchland die
Nothwendigkeit, die Osmanen abzuwehren, in den Weg getre-
ten war, ſo ward jetzt die Tendenz gegen den allgemeinen Feind
durch die drohende Haltung von Frankreich zurückgedrängt.

Entzweiung und Krieg mit Frankreich 1536.

Wir wiſſen, wie König Franz I, ohne ſich durch den
Vertrag von Cambrai für gebunden zu achten, im Namen
ſeiner Kinder ſeine alten italieniſchen Anſprüche erneuert, und
durch Verſchwägerung mit dem Hauſe Medici verſtärkt, er-
weitert hatte, wie alle ſeine politiſchen Verbindungen dahin
zielten, dieſelben noch einmal durchzuſetzen.

Nur mit großer Mühe war in den letzten Jahren der Friede
erhalten worden; 2 der König rechnete es ſich hoch an, daß er
nicht während des Tuniſiſchen Krieges losgebrochen war.


1 Conde de Nieva: carta cifrada bei Sandoval II, p. 301.
2 Der Admiral ſagt der Koͤnigin Maria: que si el empera-
dor no hazia alguna cosa despues retornado deste viaje de africa
por el rey — — que el rey tenia occasion de quedar desesperado.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0032" n="20"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Siebentes Buch. Er&#x017F;tes Capitel</hi>.</fw><lb/>
von einem Zuge auf <placeName>Con&#x017F;tantinopel</placeName> für den näch&#x017F;ten Som-<lb/>
mer habe man ihn &#x017F;prechen hören. <note place="foot" n="1"><hi rendition="#aq"><persName ref="nognd">Conde de Nieva</persName>: carta cifrada</hi> bei <persName ref="http://d-nb.info/gnd/100271227">Sandoval</persName> <hi rendition="#aq">II, p.</hi> 301.</note> In der Chri&#x017F;tenheit<lb/>
erneuerten &#x017F;ich hie und da die alten Wei&#x017F;&#x017F;agungen von einem<lb/>
Kai&#x017F;er, der die ganze Welt überwinden, die Anbetung des<lb/>
Kreuzes bei Todes&#x017F;trafe gebieten, dann aber in <placeName>Jeru&#x017F;alem</placeName> von<lb/>
einem Engel Gottes die Krone empfangen und da&#x017F;elb&#x017F;t &#x017F;ter-<lb/>
ben werde. In <persName ref="http://d-nb.info/gnd/118560093">Carl <hi rendition="#aq">V</hi></persName> glaubte man die&#x017F;en Kai&#x017F;er zu &#x017F;ehen.</p><lb/>
            <p>Allein die Angelegenheiten der chri&#x017F;tlichen Welt lagen nicht<lb/>
&#x017F;o einfach, daß alle ihre Kräfte in einer einzigen großen Rich-<lb/>
tung &#x017F;ich bewegen, oder gar einem einzigen Oberhaupt &#x017F;ich<lb/>
hätten unterordnen &#x017F;ollen.</p><lb/>
            <p>Wie der Ab&#x017F;icht gegen <placeName>Frankreich</placeName> und <placeName>Deut&#x017F;chland</placeName> die<lb/>
Nothwendigkeit, die Osmanen abzuwehren, in den Weg getre-<lb/><choice><sic>treten</sic><corr>ten</corr></choice> war, &#x017F;o ward jetzt die Tendenz gegen den allgemeinen Feind<lb/>
durch die drohende Haltung von <placeName>Frankreich</placeName> zurückgedrängt.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>Entzweiung und Krieg mit <placeName>Frankreich</placeName> 1536.</head><lb/>
            <p>Wir wi&#x017F;&#x017F;en, wie König <persName ref="http://d-nb.info/gnd/118534947">Franz <hi rendition="#aq">I</hi></persName>, ohne &#x017F;ich durch den<lb/>
Vertrag von <placeName>Cambrai</placeName> für gebunden zu achten, im Namen<lb/>
&#x017F;einer Kinder &#x017F;eine alten italieni&#x017F;chen An&#x017F;prüche erneuert, und<lb/>
durch Ver&#x017F;chwägerung mit dem Hau&#x017F;e Medici ver&#x017F;tärkt, er-<lb/>
weitert hatte, wie alle &#x017F;eine politi&#x017F;chen Verbindungen dahin<lb/>
zielten, die&#x017F;elben noch einmal durchzu&#x017F;etzen.</p><lb/>
            <p>Nur mit großer Mühe war in den letzten Jahren der Friede<lb/>
erhalten worden; <note place="foot" n="2">Der Admiral &#x017F;agt der Ko&#x0364;nigin <persName ref="http://d-nb.info/gnd/119170531">Maria</persName>: <hi rendition="#aq">que si el empera-<lb/>
dor no hazia alguna cosa despues retornado deste viaje de <placeName>africa</placeName><lb/>
por el rey &#x2014; &#x2014; que el rey tenia occasion de quedar desesperado.</hi></note> der König rechnete es &#x017F;ich hoch an, daß er<lb/>
nicht während des Tuni&#x017F;i&#x017F;chen Krieges losgebrochen war.</p><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[20/0032] Siebentes Buch. Erſtes Capitel. von einem Zuge auf Conſtantinopel für den nächſten Som- mer habe man ihn ſprechen hören. 1 In der Chriſtenheit erneuerten ſich hie und da die alten Weiſſagungen von einem Kaiſer, der die ganze Welt überwinden, die Anbetung des Kreuzes bei Todesſtrafe gebieten, dann aber in Jeruſalem von einem Engel Gottes die Krone empfangen und daſelbſt ſter- ben werde. In Carl V glaubte man dieſen Kaiſer zu ſehen. Allein die Angelegenheiten der chriſtlichen Welt lagen nicht ſo einfach, daß alle ihre Kräfte in einer einzigen großen Rich- tung ſich bewegen, oder gar einem einzigen Oberhaupt ſich hätten unterordnen ſollen. Wie der Abſicht gegen Frankreich und Deutſchland die Nothwendigkeit, die Osmanen abzuwehren, in den Weg getre- ten war, ſo ward jetzt die Tendenz gegen den allgemeinen Feind durch die drohende Haltung von Frankreich zurückgedrängt. Entzweiung und Krieg mit Frankreich 1536. Wir wiſſen, wie König Franz I, ohne ſich durch den Vertrag von Cambrai für gebunden zu achten, im Namen ſeiner Kinder ſeine alten italieniſchen Anſprüche erneuert, und durch Verſchwägerung mit dem Hauſe Medici verſtärkt, er- weitert hatte, wie alle ſeine politiſchen Verbindungen dahin zielten, dieſelben noch einmal durchzuſetzen. Nur mit großer Mühe war in den letzten Jahren der Friede erhalten worden; 2 der König rechnete es ſich hoch an, daß er nicht während des Tuniſiſchen Krieges losgebrochen war. 1 Conde de Nieva: carta cifrada bei Sandoval II, p. 301. 2 Der Admiral ſagt der Koͤnigin Maria: que si el empera- dor no hazia alguna cosa despues retornado deste viaje de africa por el rey — — que el rey tenia occasion de quedar desesperado.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/ranke_reformation04_1843
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/ranke_reformation04_1843/32
Zitationshilfe: Ranke, Leopold von: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. 4. Berlin, 1843, S. 20. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ranke_reformation04_1843/32>, abgerufen am 19.04.2021.