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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886.

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I. Land- und Forstwirthschaft.
tige Einnahme von ihnen herzuleiten wusste, so dass es auch an der
nöthigen Statistik über Production und Consum nicht fehlt. Da sie
wenigstens in dieser Beziehung alle übrigen an Bedeutung übertreffen,
setze ich sie an die Spitze der nachstehenden Liste und wende mich
ihnen zunächst zu.

1. Sake oder Seishau ist das eigenartige berauschende Getränk
Japans und seiner beiden westlichen Nachbarn. Dasselbe wird, wie
bekannt ist, aus Reis bereitet, hat aber mit dem indischen Arac wenig
Aehnlichkeit. Auch deuten die häufig angewandten Bezeichnungen
"Reisbier" und "Reisbranntwein" keineswegs genügend seinen wahren
Charakter an, der sich insbesondere im Alkoholgehalte von Bier und
Schnaps wesentlich entfernt und wie Wein eine Mittelstellung zwischen
beiden einnimmt. Wenige Fremde können sich mit dem eigenartigen
Geschmack des Sake befreunden. Den Japanern aber sagt dies Ge-
tränke so zu, dass sie nicht versäumen, bei ihren Tempelfesten nach
alter Sitte auch den Göttern neben beliebter Speise davon vorzusetzen.
Dieser geweihte Sake wird Miki*) oder o Miki genannt. Und wie
die Bewohner Japans überhaupt Freunde eines warmen Trunkes sind,
selbst des warmen Wassers, wenn Thee und Sake fehlen, so trinken
sie auch diesen aus ihren Porzellan- oder lackierten Holzschalen gern
erwärmt.

Nachdem im Jahre 1874 Oberstabsarzt Hoffmann die erste kurze
Beschreibung der Sakefabrikation nach eigener Anschauung gegeben
hatte**), folgte vier Jahre später von Korschelt eine eingehendere wis-
senschaftliche Arbeit über den Gegenstand***) und endlich 1881 eine
zweite von Atkinson, eine beachtenswerthe Abhandlung+), welche die
vorausgegangene von Korschelt in vielen Stücken ergänzt und gleich
jener auch für das hier Folgende mitbenutzt wurde.

Wie es scheint, lernten die Japaner den Sake zu Anfang des
dritten Jahrhunderts während ihrer ersten Expedition nach Korea näher
kennen, wenigstens datiert man die Einführung seiner Fabrikation
aus dieser Zeit. Es war das chinesische Verfahren und wurde auch
von China aus weiter vervollkommnet. Eine grosse Schwierigkeit bot
viele Jahrhunderte hindurch die Sommerhitze, indem sie das Getränke

*) Mi ist ein ehrendes Präfix, wie in Mikado, Midera und Ke oder Ki,
der älteste Name für Sake.
**) "Sake- und Myrin-Bereitung" von Hoffmann. Mitth. der deutsch. Ges.
Ostasiens. 6. Heft 1874.
***) "Ueber Sake" von O. Korschelt. 16. Heft 1878 derselben Zeitschrift.
+) "The Chemistry of Sake-Brewing by R. W. Atkinson". Memoirs of the
Science department Tokio. Daigaku 1881.

I. Land- und Forstwirthschaft.
tige Einnahme von ihnen herzuleiten wusste, so dass es auch an der
nöthigen Statistik über Production und Consum nicht fehlt. Da sie
wenigstens in dieser Beziehung alle übrigen an Bedeutung übertreffen,
setze ich sie an die Spitze der nachstehenden Liste und wende mich
ihnen zunächst zu.

1. Sake oder Seishû ist das eigenartige berauschende Getränk
Japans und seiner beiden westlichen Nachbarn. Dasselbe wird, wie
bekannt ist, aus Reis bereitet, hat aber mit dem indischen Arac wenig
Aehnlichkeit. Auch deuten die häufig angewandten Bezeichnungen
»Reisbier« und »Reisbranntwein« keineswegs genügend seinen wahren
Charakter an, der sich insbesondere im Alkoholgehalte von Bier und
Schnaps wesentlich entfernt und wie Wein eine Mittelstellung zwischen
beiden einnimmt. Wenige Fremde können sich mit dem eigenartigen
Geschmack des Sake befreunden. Den Japanern aber sagt dies Ge-
tränke so zu, dass sie nicht versäumen, bei ihren Tempelfesten nach
alter Sitte auch den Göttern neben beliebter Speise davon vorzusetzen.
Dieser geweihte Sake wird Miki*) oder ô Miki genannt. Und wie
die Bewohner Japans überhaupt Freunde eines warmen Trunkes sind,
selbst des warmen Wassers, wenn Thee und Sake fehlen, so trinken
sie auch diesen aus ihren Porzellan- oder lackierten Holzschalen gern
erwärmt.

Nachdem im Jahre 1874 Oberstabsarzt Hoffmann die erste kurze
Beschreibung der Sakefabrikation nach eigener Anschauung gegeben
hatte**), folgte vier Jahre später von Korschelt eine eingehendere wis-
senschaftliche Arbeit über den Gegenstand***) und endlich 1881 eine
zweite von Atkinson, eine beachtenswerthe Abhandlung†), welche die
vorausgegangene von Korschelt in vielen Stücken ergänzt und gleich
jener auch für das hier Folgende mitbenutzt wurde.

Wie es scheint, lernten die Japaner den Sake zu Anfang des
dritten Jahrhunderts während ihrer ersten Expedition nach Korea näher
kennen, wenigstens datiert man die Einführung seiner Fabrikation
aus dieser Zeit. Es war das chinesische Verfahren und wurde auch
von China aus weiter vervollkommnet. Eine grosse Schwierigkeit bot
viele Jahrhunderte hindurch die Sommerhitze, indem sie das Getränke

*) Mi ist ein ehrendes Präfix, wie in Mikado, Midera und Ke oder Ki,
der älteste Name für Sake.
**) »Sake- und Myrin-Bereitung« von Hoffmann. Mitth. der deutsch. Ges.
Ostasiens. 6. Heft 1874.
***) »Ueber Sake« von O. Korschelt. 16. Heft 1878 derselben Zeitschrift.
†) »The Chemistry of Saké-Brewing by R. W. Atkinson«. Memoirs of the
Science department Tôkio. Daigaku 1881.
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[112/0132] I. Land- und Forstwirthschaft. tige Einnahme von ihnen herzuleiten wusste, so dass es auch an der nöthigen Statistik über Production und Consum nicht fehlt. Da sie wenigstens in dieser Beziehung alle übrigen an Bedeutung übertreffen, setze ich sie an die Spitze der nachstehenden Liste und wende mich ihnen zunächst zu. 1. Sake oder Seishû ist das eigenartige berauschende Getränk Japans und seiner beiden westlichen Nachbarn. Dasselbe wird, wie bekannt ist, aus Reis bereitet, hat aber mit dem indischen Arac wenig Aehnlichkeit. Auch deuten die häufig angewandten Bezeichnungen »Reisbier« und »Reisbranntwein« keineswegs genügend seinen wahren Charakter an, der sich insbesondere im Alkoholgehalte von Bier und Schnaps wesentlich entfernt und wie Wein eine Mittelstellung zwischen beiden einnimmt. Wenige Fremde können sich mit dem eigenartigen Geschmack des Sake befreunden. Den Japanern aber sagt dies Ge- tränke so zu, dass sie nicht versäumen, bei ihren Tempelfesten nach alter Sitte auch den Göttern neben beliebter Speise davon vorzusetzen. Dieser geweihte Sake wird Miki *) oder ô Miki genannt. Und wie die Bewohner Japans überhaupt Freunde eines warmen Trunkes sind, selbst des warmen Wassers, wenn Thee und Sake fehlen, so trinken sie auch diesen aus ihren Porzellan- oder lackierten Holzschalen gern erwärmt. Nachdem im Jahre 1874 Oberstabsarzt Hoffmann die erste kurze Beschreibung der Sakefabrikation nach eigener Anschauung gegeben hatte **), folgte vier Jahre später von Korschelt eine eingehendere wis- senschaftliche Arbeit über den Gegenstand ***) und endlich 1881 eine zweite von Atkinson, eine beachtenswerthe Abhandlung †), welche die vorausgegangene von Korschelt in vielen Stücken ergänzt und gleich jener auch für das hier Folgende mitbenutzt wurde. Wie es scheint, lernten die Japaner den Sake zu Anfang des dritten Jahrhunderts während ihrer ersten Expedition nach Korea näher kennen, wenigstens datiert man die Einführung seiner Fabrikation aus dieser Zeit. Es war das chinesische Verfahren und wurde auch von China aus weiter vervollkommnet. Eine grosse Schwierigkeit bot viele Jahrhunderte hindurch die Sommerhitze, indem sie das Getränke *) Mi ist ein ehrendes Präfix, wie in Mikado, Midera und Ke oder Ki, der älteste Name für Sake. **) »Sake- und Myrin-Bereitung« von Hoffmann. Mitth. der deutsch. Ges. Ostasiens. 6. Heft 1874. ***) »Ueber Sake« von O. Korschelt. 16. Heft 1878 derselben Zeitschrift. †) »The Chemistry of Saké-Brewing by R. W. Atkinson«. Memoirs of the Science department Tôkio. Daigaku 1881.

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886, S. 112. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan02_1886/132>, abgerufen am 09.05.2021.