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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886.

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waren, und liess nun meinen Dollmetsch auskramen, was er gesehen
hatte. Es gipfelte in dem Satze, dass es unnütz sei, vor Sen-sei*)
in der Sache noch weiter etwas zu verbergen. Dies hatte die erwar-
tete Wirkung. Der Mann führte uns in eine Kammer und zeigte mir
seine Oya-kata (Elternform) oder Ki-gata (Holzform). Es war ein
5--6 cm dickes, 90 cm langes und 30 cm breites Brett aus hartem
Sakura-Holze (Prunus pseudo-cerasus), das auf zwei Leisten ruhte.
Dieses Brett war auf der oberen Seite der Länge nach regelmässig
und auf das sorgfältigste gefalzt mit Rinnen von 2 mm Tiefe und eben
so weitem Abstand voneinander.

Beim Gebrauch wird ein grosser Bogen starken Cartonpapiers mit
Kleisterlösung durchtränkt, und dann über diese Holzform der Länge
nach gelegt, worauf man ihn mit Hülfe eines Falzbeins in jede Furche
der Unterlage einpresst, eine Arbeit, die viel Zeit und Geduld er-
fordert. Nach dem Trocknen ist die Form fest eingeprägt und der
Bogen parallelstreifig gefurcht. Er wird beiderseits mit Shibu über-
strichen und kann dann zur Darstellung der gewöhnlichen Katas, von
denen bereits die Rede war, dienen. Die dazu bestimmten angefeuch-
teten Bogen werden in jenen gefalzten Bogen fest eingeschlagen und
ein- oder zweimal unter der Presse behandelt, wie solche Bogen, die
in Krepppapier verwandelt werden sollen. Das darauf folgende Be-
streichen mit Shibu macht sie fester und dauerhafter.

Lederpapiere oder Kami-kawa.

Sie werden in verschiedenen Farben, geköpert und glatt, einfach
oder mit zum Theil erhabenen Arabesken, Blumen und andern Ver-
zierungen bedruckt und so reich ausgestattet in den Handel gebracht.
Prächtiges Aussehen, überraschende Elasticität und eine Geschmeidig-
keit, die zuweilen an Kalbsleder erinnert, besonders auf der unteren Seite,
sind hervorragende Eigenschaften derselben (s. die Probe, Tafel XIV.).
Damit verbinden sie eine ansehnliche Festigkeit, welche diejenige
unseres Wachstuchs in vielen Fällen übertrifft. Man macht daraus
Brieftaschen, Tabaksbeutel, Pfeifenfutterale, Schachteln, Kästchen und
andere Gegenstände, benutzt sie aber auch zu Bodendecken, wie
Wachstuch, und statt Tapeten. Das einfach geköperte, schwarzlackierte
Lederpapier dient auch zu den Saki-kake oder Saki-kawa, mit wel-
chen man die Füsse über den Getas oder Holzschuhen bei Regen schützt.

Kami-kawa stellt man gewöhnlich in Bogen dar, aber auch in
grösseren Stücken. Eines derselben von 36 Fuss Länge und 3 Fuss

*) Das sinico-japanische Wort Sen-sei ist der ehrenvolle Titel eines Gelehrten.

III. Kunstgewerbe und Verwandtes.
waren, und liess nun meinen Dollmetsch auskramen, was er gesehen
hatte. Es gipfelte in dem Satze, dass es unnütz sei, vor Sen-sei*)
in der Sache noch weiter etwas zu verbergen. Dies hatte die erwar-
tete Wirkung. Der Mann führte uns in eine Kammer und zeigte mir
seine Oya-kata (Elternform) oder Ki-gata (Holzform). Es war ein
5—6 cm dickes, 90 cm langes und 30 cm breites Brett aus hartem
Sakura-Holze (Prunus pseudo-cerasus), das auf zwei Leisten ruhte.
Dieses Brett war auf der oberen Seite der Länge nach regelmässig
und auf das sorgfältigste gefalzt mit Rinnen von 2 mm Tiefe und eben
so weitem Abstand voneinander.

Beim Gebrauch wird ein grosser Bogen starken Cartonpapiers mit
Kleisterlösung durchtränkt, und dann über diese Holzform der Länge
nach gelegt, worauf man ihn mit Hülfe eines Falzbeins in jede Furche
der Unterlage einpresst, eine Arbeit, die viel Zeit und Geduld er-
fordert. Nach dem Trocknen ist die Form fest eingeprägt und der
Bogen parallelstreifig gefurcht. Er wird beiderseits mit Shibu über-
strichen und kann dann zur Darstellung der gewöhnlichen Katas, von
denen bereits die Rede war, dienen. Die dazu bestimmten angefeuch-
teten Bogen werden in jenen gefalzten Bogen fest eingeschlagen und
ein- oder zweimal unter der Presse behandelt, wie solche Bogen, die
in Krepppapier verwandelt werden sollen. Das darauf folgende Be-
streichen mit Shibu macht sie fester und dauerhafter.

Lederpapiere oder Kami-kawa.

Sie werden in verschiedenen Farben, geköpert und glatt, einfach
oder mit zum Theil erhabenen Arabesken, Blumen und andern Ver-
zierungen bedruckt und so reich ausgestattet in den Handel gebracht.
Prächtiges Aussehen, überraschende Elasticität und eine Geschmeidig-
keit, die zuweilen an Kalbsleder erinnert, besonders auf der unteren Seite,
sind hervorragende Eigenschaften derselben (s. die Probe, Tafel XIV.).
Damit verbinden sie eine ansehnliche Festigkeit, welche diejenige
unseres Wachstuchs in vielen Fällen übertrifft. Man macht daraus
Brieftaschen, Tabaksbeutel, Pfeifenfutterale, Schachteln, Kästchen und
andere Gegenstände, benutzt sie aber auch zu Bodendecken, wie
Wachstuch, und statt Tapeten. Das einfach geköperte, schwarzlackierte
Lederpapier dient auch zu den Saki-kake oder Saki-kawa, mit wel-
chen man die Füsse über den Getas oder Holzschuhen bei Regen schützt.

Kami-kawa stellt man gewöhnlich in Bogen dar, aber auch in
grösseren Stücken. Eines derselben von 36 Fuss Länge und 3 Fuss

*) Das sinico-japanische Wort Sen-sei ist der ehrenvolle Titel eines Gelehrten.
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[490/0534] III. Kunstgewerbe und Verwandtes. waren, und liess nun meinen Dollmetsch auskramen, was er gesehen hatte. Es gipfelte in dem Satze, dass es unnütz sei, vor Sen-sei *) in der Sache noch weiter etwas zu verbergen. Dies hatte die erwar- tete Wirkung. Der Mann führte uns in eine Kammer und zeigte mir seine Oya-kata (Elternform) oder Ki-gata (Holzform). Es war ein 5—6 cm dickes, 90 cm langes und 30 cm breites Brett aus hartem Sakura-Holze (Prunus pseudo-cerasus), das auf zwei Leisten ruhte. Dieses Brett war auf der oberen Seite der Länge nach regelmässig und auf das sorgfältigste gefalzt mit Rinnen von 2 mm Tiefe und eben so weitem Abstand voneinander. Beim Gebrauch wird ein grosser Bogen starken Cartonpapiers mit Kleisterlösung durchtränkt, und dann über diese Holzform der Länge nach gelegt, worauf man ihn mit Hülfe eines Falzbeins in jede Furche der Unterlage einpresst, eine Arbeit, die viel Zeit und Geduld er- fordert. Nach dem Trocknen ist die Form fest eingeprägt und der Bogen parallelstreifig gefurcht. Er wird beiderseits mit Shibu über- strichen und kann dann zur Darstellung der gewöhnlichen Katas, von denen bereits die Rede war, dienen. Die dazu bestimmten angefeuch- teten Bogen werden in jenen gefalzten Bogen fest eingeschlagen und ein- oder zweimal unter der Presse behandelt, wie solche Bogen, die in Krepppapier verwandelt werden sollen. Das darauf folgende Be- streichen mit Shibu macht sie fester und dauerhafter. Lederpapiere oder Kami-kawa. Sie werden in verschiedenen Farben, geköpert und glatt, einfach oder mit zum Theil erhabenen Arabesken, Blumen und andern Ver- zierungen bedruckt und so reich ausgestattet in den Handel gebracht. Prächtiges Aussehen, überraschende Elasticität und eine Geschmeidig- keit, die zuweilen an Kalbsleder erinnert, besonders auf der unteren Seite, sind hervorragende Eigenschaften derselben (s. die Probe, Tafel XIV.). Damit verbinden sie eine ansehnliche Festigkeit, welche diejenige unseres Wachstuchs in vielen Fällen übertrifft. Man macht daraus Brieftaschen, Tabaksbeutel, Pfeifenfutterale, Schachteln, Kästchen und andere Gegenstände, benutzt sie aber auch zu Bodendecken, wie Wachstuch, und statt Tapeten. Das einfach geköperte, schwarzlackierte Lederpapier dient auch zu den Saki-kake oder Saki-kawa, mit wel- chen man die Füsse über den Getas oder Holzschuhen bei Regen schützt. Kami-kawa stellt man gewöhnlich in Bogen dar, aber auch in grösseren Stücken. Eines derselben von 36 Fuss Länge und 3 Fuss *) Das sinico-japanische Wort Sen-sei ist der ehrenvolle Titel eines Gelehrten.

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Zitationshilfe: Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886, S. 490. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan02_1886/534>, abgerufen am 10.04.2021.