"ders völlig befreyet wäre. Es könnte ihm die- "ses ohnmöglich gleichgültig seyn, da alle Welt "sagte, daß man um seinetwillen so hart mit mir "umginge. Allein er müsse hiebey eine An- "merckung machen: wenn die Meinigen wüß- "ten, wie fremde ich mit ihm umginge, so wür- "de bey ihnen die Ursache wegfallen, um de- "rentwillen sie mich einsperreten: und noch ei- "ne Anmerckung: Die Meinigen müßten ge- "wiß glauben, daß er verdiene etwas günstiger "von mir angesehen zu werden, und daß ich ihm "auch in der That geneigter sey. Denn ich be- "gegnete ihm wahrhaftig so, wie es meine An- "verwanten aus Rachbegierde gegen ihn wünsch- "ten, das eintzige ausgenommen, daß ich noch "die Gütigkeit hätte, Briefe mit ihm zu wech- "seln. Er schätze diese Gütigkeit unendlich hoch, "und es käme ihm nichts zu geringe, nichts zu "schimpflich vor, das er nicht gern übernehme, "um dieses Vortheils noch länger zu genies- "sen.
"Er gelobt aufs neue Besserung an. Er "schreibt, er sey überzeuget, daß er schon lange "auf einem gefährlichen Wege gewandelt habe, "und sehr weit darauf gekommen sey: und daß "er nun hohe Zeit habe, auf eine Rückkehr zu "dencken. Wer ein allzulustiges Leben geführt "habe, und es ändere, ehe ihn Alter oder Unglück "dazu nöthigten, bey dem müsse gewiß eine wahre "Ueberzeugung von der Thorheit seiner Aus- "schweifungen zum Grunde liegen.
"Er
Die Geſchichte
„ders voͤllig befreyet waͤre. Es koͤnnte ihm die- „ſes ohnmoͤglich gleichguͤltig ſeyn, da alle Welt „ſagte, daß man um ſeinetwillen ſo hart mit mir „umginge. Allein er muͤſſe hiebey eine An- „merckung machen: wenn die Meinigen wuͤß- „ten, wie fremde ich mit ihm umginge, ſo wuͤr- „de bey ihnen die Urſache wegfallen, um de- „rentwillen ſie mich einſperreten: und noch ei- „ne Anmerckung: Die Meinigen muͤßten ge- „wiß glauben, daß er verdiene etwas guͤnſtiger „von mir angeſehen zu werden, und daß ich ihm „auch in der That geneigter ſey. Denn ich be- „gegnete ihm wahrhaftig ſo, wie es meine An- „verwanten aus Rachbegierde gegen ihn wuͤnſch- „ten, das eintzige ausgenommen, daß ich noch „die Guͤtigkeit haͤtte, Briefe mit ihm zu wech- „ſeln. Er ſchaͤtze dieſe Guͤtigkeit unendlich hoch, „und es kaͤme ihm nichts zu geringe, nichts zu „ſchimpflich vor, das er nicht gern uͤbernehme, „um dieſes Vortheils noch laͤnger zu genieſ- „ſen.
„Er gelobt aufs neue Beſſerung an. Er „ſchreibt, er ſey uͤberzeuget, daß er ſchon lange „auf einem gefaͤhrlichen Wege gewandelt habe, „und ſehr weit darauf gekommen ſey: und daß „er nun hohe Zeit habe, auf eine Ruͤckkehr zu „dencken. Wer ein allzuluſtiges Leben gefuͤhrt „habe, und es aͤndere, ehe ihn Alter oder Ungluͤck „dazu noͤthigten, bey dem muͤſſe gewiß eine wahre „Ueberzeugung von der Thorheit ſeiner Aus- „ſchweifungen zum Grunde liegen.
„Er
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Die Geſchichte
„ders voͤllig befreyet waͤre. Es koͤnnte ihm die-
„ſes ohnmoͤglich gleichguͤltig ſeyn, da alle Welt
„ſagte, daß man um ſeinetwillen ſo hart mit mir
„umginge. Allein er muͤſſe hiebey eine An-
„merckung machen: wenn die Meinigen wuͤß-
„ten, wie fremde ich mit ihm umginge, ſo wuͤr-
„de bey ihnen die Urſache wegfallen, um de-
„rentwillen ſie mich einſperreten: und noch ei-
„ne Anmerckung: Die Meinigen muͤßten ge-
„wiß glauben, daß er verdiene etwas guͤnſtiger
„von mir angeſehen zu werden, und daß ich ihm
„auch in der That geneigter ſey. Denn ich be-
„gegnete ihm wahrhaftig ſo, wie es meine An-
„verwanten aus Rachbegierde gegen ihn wuͤnſch-
„ten, das eintzige ausgenommen, daß ich noch
„die Guͤtigkeit haͤtte, Briefe mit ihm zu wech-
„ſeln. Er ſchaͤtze dieſe Guͤtigkeit unendlich hoch,
„und es kaͤme ihm nichts zu geringe, nichts zu
„ſchimpflich vor, das er nicht gern uͤbernehme,
„um dieſes Vortheils noch laͤnger zu genieſ-
„ſen.
„Er gelobt aufs neue Beſſerung an. Er
„ſchreibt, er ſey uͤberzeuget, daß er ſchon lange
„auf einem gefaͤhrlichen Wege gewandelt habe,
„und ſehr weit darauf gekommen ſey: und daß
„er nun hohe Zeit habe, auf eine Ruͤckkehr zu
„dencken. Wer ein allzuluſtiges Leben gefuͤhrt
„habe, und es aͤndere, ehe ihn Alter oder Ungluͤck
„dazu noͤthigten, bey dem muͤſſe gewiß eine wahre
„Ueberzeugung von der Thorheit ſeiner Aus-
„ſchweifungen zum Grunde liegen.
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[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 2. Göttingen, 1748, S. 174. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748/180>, abgerufen am 15.09.2024.
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