be verdienet: und er fängt wie ein entsündigtes Beichtkind ein neues Kerbholtz an, nachdem er das vorige abgethan hat. Denn ein Auge, das ihm einmahl so günstig ist, wird seine Fehler nicht vergrösseren, und ein Frauenzimmer, das stets geneigt ist das beste zu hoffen/ wird alle Be- schuldigungen für Verläumdungen oder vorge- saßte Meinungen halten, denen die christliche Liebe nur irgends diesen Nahmen geben kan. Sind ja einmahl die Nachrichten gar zu gewiß, als daß man sie in Zweiffel ziehen könnte, so wird doch die Hoffnung künftiger Besserung vor ihn sprechen. Er predigt selbst genug von die- ser Hoffnung, und die Frauensperson darf nicht ungläubig seyn, sonst wäre es eben so viel, als zweiffelte sie an der Macht, die ihre eigene Vor- züge über das andere Geschlecht haben. So kan man eine Frauensperson lencken, daß sie um ei- ner kleinen und wol noch dazu eingebildeten Tu- gend willen ein offenbahres und schreiendes La- ster übersiehet.
Jch habe jetzt eine neue Veranlassung, über Jhren Brief diese Predigt zu halten. Jch will nichts davon schreiben, bis ich alles mit Gewiß- heit weiß. Jst die Sache wahr, wie ich starck glaube, so ist der Mensch ein eingefleischter Teuf- fel, und Sie haben Ursache, noch eher auf (bald sagte ich, auf Herrn Solmes/ allein vergeben Sie mir dieses Wort!) zu dencken, als auf ihn.
Doch dem sey wie ihm wolle: ich will Jhnen
zum
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der Clariſſa.
be verdienet: und er faͤngt wie ein entſuͤndigtes Beichtkind ein neues Kerbholtz an, nachdem er das vorige abgethan hat. Denn ein Auge, das ihm einmahl ſo guͤnſtig iſt, wird ſeine Fehler nicht vergroͤſſeren, und ein Frauenzimmer, das ſtets geneigt iſt das beſte zu hoffen/ wird alle Be- ſchuldigungen fuͤr Verlaͤumdungen oder vorge- ſaßte Meinungen halten, denen die chriſtliche Liebe nur irgends dieſen Nahmen geben kan. Sind ja einmahl die Nachrichten gar zu gewiß, als daß man ſie in Zweiffel ziehen koͤnnte, ſo wird doch die Hoffnung kuͤnftiger Beſſerung vor ihn ſprechen. Er predigt ſelbſt genug von die- ſer Hoffnung, und die Frauensperſon darf nicht unglaͤubig ſeyn, ſonſt waͤre es eben ſo viel, als zweiffelte ſie an der Macht, die ihre eigene Vor- zuͤge uͤber das andere Geſchlecht haben. So kan man eine Frauensperſon lencken, daß ſie um ei- ner kleinen und wol noch dazu eingebildeten Tu- gend willen ein offenbahres und ſchreiendes La- ſter uͤberſiehet.
Jch habe jetzt eine neue Veranlaſſung, uͤber Jhren Brief dieſe Predigt zu halten. Jch will nichts davon ſchreiben, bis ich alles mit Gewiß- heit weiß. Jſt die Sache wahr, wie ich ſtarck glaube, ſo iſt der Menſch ein eingefleiſchter Teuf- fel, und Sie haben Urſache, noch eher auf (bald ſagte ich, auf Herrn Solmes/ allein vergeben Sie mir dieſes Wort!) zu dencken, als auf ihn.
Doch dem ſey wie ihm wolle: ich will Jhnen
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der Clariſſa.
be verdienet: und er faͤngt wie ein entſuͤndigtes
Beichtkind ein neues Kerbholtz an, nachdem er
das vorige abgethan hat. Denn ein Auge, das
ihm einmahl ſo guͤnſtig iſt, wird ſeine Fehler nicht
vergroͤſſeren, und ein Frauenzimmer, das ſtets
geneigt iſt das beſte zu hoffen/ wird alle Be-
ſchuldigungen fuͤr Verlaͤumdungen oder vorge-
ſaßte Meinungen halten, denen die chriſtliche
Liebe nur irgends dieſen Nahmen geben kan.
Sind ja einmahl die Nachrichten gar zu gewiß,
als daß man ſie in Zweiffel ziehen koͤnnte, ſo
wird doch die Hoffnung kuͤnftiger Beſſerung vor
ihn ſprechen. Er predigt ſelbſt genug von die-
ſer Hoffnung, und die Frauensperſon darf nicht
unglaͤubig ſeyn, ſonſt waͤre es eben ſo viel, als
zweiffelte ſie an der Macht, die ihre eigene Vor-
zuͤge uͤber das andere Geſchlecht haben. So kan
man eine Frauensperſon lencken, daß ſie um ei-
ner kleinen und wol noch dazu eingebildeten Tu-
gend willen ein offenbahres und ſchreiendes La-
ſter uͤberſiehet.
Jch habe jetzt eine neue Veranlaſſung, uͤber
Jhren Brief dieſe Predigt zu halten. Jch will
nichts davon ſchreiben, bis ich alles mit Gewiß-
heit weiß. Jſt die Sache wahr, wie ich ſtarck
glaube, ſo iſt der Menſch ein eingefleiſchter Teuf-
fel, und Sie haben Urſache, noch eher auf (bald
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[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 2. Göttingen, 1748, S. 227. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748/233>, abgerufen am 15.09.2024.
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