schwister auf eine so getreue Kundschafterin ver- lassen, und weil sie wissen, daß ich mich niemanden im gantzen Hause anvertraue, und nicht einmahl versucht habe, jemanden zu gewinnen, ob ich gleich glaube, daß ich von allen Bedienten geliebet werde. Da ich auch nicht die geringste Anstalt mache, da- von zu gehen, so mögen sie desto sicherer seyn, und etwan dencken, daß ich mich endlich überreden las- sen werde; denn sonst können sie nicht anders als glauben, daß ihr hartes Verfahren hinlänglich sey, mich so weit zu bringen, daß ich mich durch einen übereilten Schritt davon zu befreyen such- te: und, GOtt vergebe es mir! ich habe fast den Argwohn, daß mein Bruder und meine Schwe- ster nicht misvergnügt darüber seyn würden, wenn ich diesen übereilten Schritt thäte.
Wenn es also dereinst nöthig seyn sollte, die- sen Schritt zu thun, (das ich doch nicht hoffen will) so muß ich mich bequemen, mit den Klei- dern die ich am Leibe habe davon zu gehen. Weil ich mich des Morgens, so bald ich das Frühftück zu mir genommen habe, völlig anzu- kleiden pflege, so oft ich nicht durch Haushal- tungs-Geschäfte abgehalten werde, so wird man desto weniger Argwohn schöpfen. Die Wäsche aber, die ich nach Jhrem gütigen Rath wegschaf- fen will, kan niemand vermissen.
Jch bleibe noch immer in meiner Gefangen- schaft bey dieser Gewohnheit, ob ich gleich we- der Besuch gebe noch annehme. Wir sind uns und unserm Geschlecht so viel schuldig, uns rein-
lich
Die Geſchichte
ſchwiſter auf eine ſo getreue Kundſchafterin ver- laſſen, und weil ſie wiſſen, daß ich mich niemanden im gantzen Hauſe anvertraue, und nicht einmahl verſucht habe, jemanden zu gewinnen, ob ich gleich glaube, daß ich von allen Bedienten geliebet werde. Da ich auch nicht die geringſte Anſtalt mache, da- von zu gehen, ſo moͤgen ſie deſto ſicherer ſeyn, und etwan dencken, daß ich mich endlich uͤberreden laſ- ſen werde; denn ſonſt koͤnnen ſie nicht anders als glauben, daß ihr hartes Verfahren hinlaͤnglich ſey, mich ſo weit zu bringen, daß ich mich durch einen uͤbereilten Schritt davon zu befreyen ſuch- te: und, GOtt vergebe es mir! ich habe faſt den Argwohn, daß mein Bruder und meine Schwe- ſter nicht misvergnuͤgt daruͤber ſeyn wuͤrden, wenn ich dieſen uͤbereilten Schritt thaͤte.
Wenn es alſo dereinſt noͤthig ſeyn ſollte, die- ſen Schritt zu thun, (das ich doch nicht hoffen will) ſo muß ich mich bequemen, mit den Klei- dern die ich am Leibe habe davon zu gehen. Weil ich mich des Morgens, ſo bald ich das Fruͤhftuͤck zu mir genommen habe, voͤllig anzu- kleiden pflege, ſo oft ich nicht durch Haushal- tungs-Geſchaͤfte abgehalten werde, ſo wird man deſto weniger Argwohn ſchoͤpfen. Die Waͤſche aber, die ich nach Jhrem guͤtigen Rath wegſchaf- fen will, kan niemand vermiſſen.
Jch bleibe noch immer in meiner Gefangen- ſchaft bey dieſer Gewohnheit, ob ich gleich we- der Beſuch gebe noch annehme. Wir ſind uns und unſerm Geſchlecht ſo viel ſchuldig, uns rein-
lich
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Die Geſchichte
ſchwiſter auf eine ſo getreue Kundſchafterin ver-
laſſen, und weil ſie wiſſen, daß ich mich niemanden
im gantzen Hauſe anvertraue, und nicht einmahl
verſucht habe, jemanden zu gewinnen, ob ich gleich
glaube, daß ich von allen Bedienten geliebet werde.
Da ich auch nicht die geringſte Anſtalt mache, da-
von zu gehen, ſo moͤgen ſie deſto ſicherer ſeyn, und
etwan dencken, daß ich mich endlich uͤberreden laſ-
ſen werde; denn ſonſt koͤnnen ſie nicht anders als
glauben, daß ihr hartes Verfahren hinlaͤnglich
ſey, mich ſo weit zu bringen, daß ich mich durch
einen uͤbereilten Schritt davon zu befreyen ſuch-
te: und, GOtt vergebe es mir! ich habe faſt den
Argwohn, daß mein Bruder und meine Schwe-
ſter nicht misvergnuͤgt daruͤber ſeyn wuͤrden, wenn
ich dieſen uͤbereilten Schritt thaͤte.
Wenn es alſo dereinſt noͤthig ſeyn ſollte, die-
ſen Schritt zu thun, (das ich doch nicht hoffen
will) ſo muß ich mich bequemen, mit den Klei-
dern die ich am Leibe habe davon zu gehen.
Weil ich mich des Morgens, ſo bald ich das
Fruͤhftuͤck zu mir genommen habe, voͤllig anzu-
kleiden pflege, ſo oft ich nicht durch Haushal-
tungs-Geſchaͤfte abgehalten werde, ſo wird man
deſto weniger Argwohn ſchoͤpfen. Die Waͤſche
aber, die ich nach Jhrem guͤtigen Rath wegſchaf-
fen will, kan niemand vermiſſen.
Jch bleibe noch immer in meiner Gefangen-
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[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 2. Göttingen, 1748, S. 238. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748/244>, abgerufen am 15.09.2024.
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