der Tugend seyn. Man pflege nur das hülfloß und unvertheidigt zu lassen/ dessen man sich schäme: und dieses wolle Sie nicht gern von ihm hoffen. Das Laster sey feige und verberge sich, wenn es eine solche Tugend vor sich finde/ die durch Er- känntniß eigener Schönheit und Vorzüge muthig sey. Sie wissen, dieses Frauenzimmer legte ihre Gedancken in des Herrn DoctorLewins Mund, wie sie zu thun pflegt, wenn sie nicht gern für das angesehen seyn will, was sie doch schon in so jungen Jahren ist: und um ihren mittelmäßigen Gedancken, wie sie ihr demüthiger Mund nennet, ein mehreres Gewicht zu geben.
Ueberhaupt sagte Herr Hickman/ nachdem er sich wieder erholt hatte, er könne von Lowelaces Tugend keine gute Meinung haben, nachdem er dergleichen in der Stadt gehört habe. Doch hät- ten seine beyden Bekannten vorgegeben, er sey jetzt viel ordentlicher als sonst, und habe einen sehr gu- ten Entschluß gefasset, den der alte Tom Wahr- ton also ausgedrucket: niemand heraus zu fodern, und niemanden auszubleiben, der ihn herausfodert. Er sey überhaupt ein braver Kerl, und die an- genehmste Gesellschaft von der Welt. Er könnte vielleicht dereinst eine sehr vornehme Person im Kö- nigreiche spielen: denn nichts sey, das man nicht von seinem Gemüthe erwarten dürffe. - -
Jch fürchte, dieses sey mehr als zu wahr. Mehr konnte Hickman nicht von ihm in Erfah- rung bringen: ist aber dieses nicht genug, mein
Hertz,
Die Geſchichte
der Tugend ſeyn. Man pflege nur das huͤlfloß und unvertheidigt zu laſſen/ deſſen man ſich ſchaͤme: und dieſes wolle Sie nicht gern von ihm hoffen. Das Laſter ſey feige und verberge ſich, wenn es eine ſolche Tugend vor ſich finde/ die durch Er- kaͤnntniß eigener Schoͤnheit und Vorzuͤge muthig ſey. Sie wiſſen, dieſes Frauenzimmer legte ihre Gedancken in des Herrn DoctorLewins Mund, wie ſie zu thun pflegt, wenn ſie nicht gern fuͤr das angeſehen ſeyn will, was ſie doch ſchon in ſo jungen Jahren iſt: und um ihren mittelmaͤßigen Gedancken, wie ſie ihr demuͤthiger Mund nennet, ein mehreres Gewicht zu geben.
Ueberhaupt ſagte Herr Hickman/ nachdem er ſich wieder erholt hatte, er koͤnne von Lowelaces Tugend keine gute Meinung haben, nachdem er dergleichen in der Stadt gehoͤrt habe. Doch haͤt- ten ſeine beyden Bekannten vorgegeben, er ſey jetzt viel ordentlicher als ſonſt, und habe einen ſehr gu- ten Entſchluß gefaſſet, den der alte Tom Wahr- ton alſo ausgedrucket: niemand heraus zu fodern, und niemanden auszubleiben, der ihn herausfodert. Er ſey uͤberhaupt ein braver Kerl, und die an- genehmſte Geſellſchaft von der Welt. Er koͤnnte vielleicht dereinſt eine ſehr vornehme Perſon im Koͤ- nigreiche ſpielen: denn nichts ſey, das man nicht von ſeinem Gemuͤthe erwarten duͤrffe. ‒ ‒
Jch fuͤrchte, dieſes ſey mehr als zu wahr. Mehr konnte Hickman nicht von ihm in Erfah- rung bringen: iſt aber dieſes nicht genug, mein
Hertz,
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Die Geſchichte
der Tugend ſeyn. Man pflege nur das
huͤlfloß und unvertheidigt zu laſſen/ deſſen
man ſich ſchaͤme: und dieſes wolle Sie
nicht gern von ihm hoffen. Das Laſter ſey
feige und verberge ſich, wenn es eine ſolche
Tugend vor ſich finde/ die durch Er-
kaͤnntniß eigener Schoͤnheit und Vorzuͤge
muthig ſey. Sie wiſſen, dieſes Frauenzimmer
legte ihre Gedancken in des Herrn Doctor Lewins
Mund, wie ſie zu thun pflegt, wenn ſie nicht gern
fuͤr das angeſehen ſeyn will, was ſie doch ſchon in
ſo jungen Jahren iſt: und um ihren mittelmaͤßigen
Gedancken, wie ſie ihr demuͤthiger Mund nennet,
ein mehreres Gewicht zu geben.
Ueberhaupt ſagte Herr Hickman/ nachdem er
ſich wieder erholt hatte, er koͤnne von Lowelaces
Tugend keine gute Meinung haben, nachdem er
dergleichen in der Stadt gehoͤrt habe. Doch haͤt-
ten ſeine beyden Bekannten vorgegeben, er ſey jetzt
viel ordentlicher als ſonſt, und habe einen ſehr gu-
ten Entſchluß gefaſſet, den der alte Tom Wahr-
ton alſo ausgedrucket: niemand heraus zu fodern,
und niemanden auszubleiben, der ihn herausfodert.
Er ſey uͤberhaupt ein braver Kerl, und die an-
genehmſte Geſellſchaft von der Welt. Er koͤnnte
vielleicht dereinſt eine ſehr vornehme Perſon im Koͤ-
nigreiche ſpielen: denn nichts ſey, das man nicht
von ſeinem Gemuͤthe erwarten duͤrffe. ‒ ‒
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[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 2. Göttingen, 1748, S. 26. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748/32>, abgerufen am 15.09.2024.
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