gegen über zu sitzen kam, so konnte ich sehen, daß ich mich etliche mahl verfärbete. Mir war recht übel, und ich befürchtete eine Ohnmacht: darum klingelte ich, ließ mir von Elisabeth ein Glaß Wasser bringen, und tranck es aus, ohne daß es jemand beobachtete, als mein Bruder. Die- ter sagte zu Herrn Solmes: lauter List! lau- ter verdammte List! dieses, und die Furcht, daß er bey mir nicht willkommen seyn möchte, hielt Solmesen zurück: sonst merckte ich wol, daß er mehr gerühret war, als mein Bruder. Jch war doch noch besorgt, daß ich eine Ohnmacht bekommen möchte, darum hielt ich mich an Eli- sabeth/ und taumelte gantz unordentlich zum Saal hinaus. Jch machte nur noch einen Re- verentz gegen meinen Onckle, und bat um Er- laubniß, ein wenig wegzugehen, und Elisa- beth mit zu nehmen, damit ich mich an sie an- halten könnte.
Wohin wollen sie gehen? sagte mein Onckle. Wir haben noch nicht mit ihnen ausgeredet. Jch befehle ihnen, hier zu bleiben. Herr Solmes hat ihnen etwas zu eröffnen, darüber sie erstau- nen werden: und sie sollen es anhören.
Nur auf eine halbe Viertheil-Stunde (sagte ich) will ich mit ihrer Erlaubniß in die Lufft ge- hen. Jch werde wieder kommen, wenn sie es befehlen, und alles anhören, was ich hören soll, damit es ein vor allemahl überstanden seyn möge. Geht mit mir, Elisabeth!
Jch ging also ungehindert in den Garten,
setz-
Die Geſchichte
gegen uͤber zu ſitzen kam, ſo konnte ich ſehen, daß ich mich etliche mahl verfaͤrbete. Mir war recht uͤbel, und ich befuͤrchtete eine Ohnmacht: darum klingelte ich, ließ mir von Eliſabeth ein Glaß Waſſer bringen, und tranck es aus, ohne daß es jemand beobachtete, als mein Bruder. Die- ter ſagte zu Herrn Solmes: lauter Liſt! lau- ter verdammte Liſt! dieſes, und die Furcht, daß er bey mir nicht willkommen ſeyn moͤchte, hielt Solmeſen zuruͤck: ſonſt merckte ich wol, daß er mehr geruͤhret war, als mein Bruder. Jch war doch noch beſorgt, daß ich eine Ohnmacht bekommen moͤchte, darum hielt ich mich an Eli- ſabeth/ und taumelte gantz unordentlich zum Saal hinaus. Jch machte nur noch einen Re- verentz gegen meinen Onckle, und bat um Er- laubniß, ein wenig wegzugehen, und Eliſa- beth mit zu nehmen, damit ich mich an ſie an- halten koͤnnte.
Wohin wollen ſie gehen? ſagte mein Onckle. Wir haben noch nicht mit ihnen ausgeredet. Jch befehle ihnen, hier zu bleiben. Herr Solmes hat ihnen etwas zu eroͤffnen, daruͤber ſie erſtau- nen werden: und ſie ſollen es anhoͤren.
Nur auf eine halbe Viertheil-Stunde (ſagte ich) will ich mit ihrer Erlaubniß in die Lufft ge- hen. Jch werde wieder kommen, wenn ſie es befehlen, und alles anhoͤren, was ich hoͤren ſoll, damit es ein vor allemahl uͤberſtanden ſeyn moͤge. Geht mit mir, Eliſabeth!
Jch ging alſo ungehindert in den Garten,
ſetz-
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Die Geſchichte
gegen uͤber zu ſitzen kam, ſo konnte ich ſehen, daß
ich mich etliche mahl verfaͤrbete. Mir war recht
uͤbel, und ich befuͤrchtete eine Ohnmacht: darum
klingelte ich, ließ mir von Eliſabeth ein Glaß
Waſſer bringen, und tranck es aus, ohne daß
es jemand beobachtete, als mein Bruder. Die-
ter ſagte zu Herrn Solmes: lauter Liſt! lau-
ter verdammte Liſt! dieſes, und die Furcht, daß
er bey mir nicht willkommen ſeyn moͤchte, hielt
Solmeſen zuruͤck: ſonſt merckte ich wol, daß
er mehr geruͤhret war, als mein Bruder. Jch
war doch noch beſorgt, daß ich eine Ohnmacht
bekommen moͤchte, darum hielt ich mich an Eli-
ſabeth/ und taumelte gantz unordentlich zum
Saal hinaus. Jch machte nur noch einen Re-
verentz gegen meinen Onckle, und bat um Er-
laubniß, ein wenig wegzugehen, und Eliſa-
beth mit zu nehmen, damit ich mich an ſie an-
halten koͤnnte.
Wohin wollen ſie gehen? ſagte mein Onckle.
Wir haben noch nicht mit ihnen ausgeredet. Jch
befehle ihnen, hier zu bleiben. Herr Solmes
hat ihnen etwas zu eroͤffnen, daruͤber ſie erſtau-
nen werden: und ſie ſollen es anhoͤren.
Nur auf eine halbe Viertheil-Stunde (ſagte
ich) will ich mit ihrer Erlaubniß in die Lufft ge-
hen. Jch werde wieder kommen, wenn ſie es
befehlen, und alles anhoͤren, was ich hoͤren ſoll,
damit es ein vor allemahl uͤberſtanden ſeyn moͤge.
Geht mit mir, Eliſabeth!
Jch ging alſo ungehindert in den Garten,
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[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 2. Göttingen, 1748, S. 324. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748/330>, abgerufen am 15.09.2024.
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