aber in das Lesen und sagte: es würde meine Schuld nicht seyn, wenn die Person, die man so herunter setzte, mir nicht so gleichgültig bliebe, als irgend ein Mensch in der Welt seyn kan, den ich nie gesehen habe. Wenn ich ihn jetzt mit andern Augen ansehe, (welches ich weder be- jahen noch leugnen will) so sind die sonderbahren Mittel Schuld daran, die man gebraucht hat, ihn mir verhaßt zu machen. Lassen sie uns nicht durch ein gemeinschaftliches Leiden verbunden werden, so wird nie eine andere Verbindung statt haben. Wenn mein Anerbieten, unverheyra- thet zu bleiben, angenommen wird, so will ich gegen ihn eben so gleichgültig seyn, als gegen diesen Herrn.
Stille! Fahren sie fort zu lesen Herr Sol- mes: und hören sie zu: schrie mein Onckle.
Aber zu welchem Nutzen? sagte ich. Hat nicht Herr Solmes seine Absichten dabey? Kan auch noch etwas schlimmers von Herrn Lovelace gesagt werden, als was ich seit eini- gen Monathen von ihm gehört habe?
Mein Onckle antwortete: der Brief, den Herr Solmes vorlesen wird, und was er ihnen noch sonst sagen kan, ist ein vollständiger Beweiß von allen dem, was sie bisher gehöret haben.
Jst denn der arme Mann vorhin ohne voll- ständigen Beweiß so schwartz abgemahlt wor- den? Jch bitte sie, bringen sie mir nicht eine gar zu gute Meinung von Herrn Lovelace bey. Jch muß nach und nach besser von ihm zu den-
cken
der Clariſſa.
aber in das Leſen und ſagte: es wuͤrde meine Schuld nicht ſeyn, wenn die Perſon, die man ſo herunter ſetzte, mir nicht ſo gleichguͤltig bliebe, als irgend ein Menſch in der Welt ſeyn kan, den ich nie geſehen habe. Wenn ich ihn jetzt mit andern Augen anſehe, (welches ich weder be- jahen noch leugnen will) ſo ſind die ſonderbahren Mittel Schuld daran, die man gebraucht hat, ihn mir verhaßt zu machen. Laſſen ſie uns nicht durch ein gemeinſchaftliches Leiden verbunden werden, ſo wird nie eine andere Verbindung ſtatt haben. Wenn mein Anerbieten, unverheyra- thet zu bleiben, angenommen wird, ſo will ich gegen ihn eben ſo gleichguͤltig ſeyn, als gegen dieſen Herrn.
Stille! Fahren ſie fort zu leſen Herr Sol- mes: und hoͤren ſie zu: ſchrie mein Onckle.
Aber zu welchem Nutzen? ſagte ich. Hat nicht Herr Solmes ſeine Abſichten dabey? Kan auch noch etwas ſchlimmers von Herrn Lovelace geſagt werden, als was ich ſeit eini- gen Monathen von ihm gehoͤrt habe?
Mein Onckle antwortete: der Brief, den Herr Solmes vorleſen wird, und was er ihnen noch ſonſt ſagen kan, iſt ein vollſtaͤndiger Beweiß von allen dem, was ſie bisher gehoͤret haben.
Jſt denn der arme Mann vorhin ohne voll- ſtaͤndigen Beweiß ſo ſchwartz abgemahlt wor- den? Jch bitte ſie, bringen ſie mir nicht eine gar zu gute Meinung von Herrn Lovelace bey. Jch muß nach und nach beſſer von ihm zu den-
cken
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><p><pbfacs="#f0353"n="347"/><fwplace="top"type="header"><hirendition="#b"><hirendition="#g">der Clariſſa</hi>.</hi></fw><lb/>
aber in das Leſen und ſagte: es wuͤrde <hirendition="#fr">meine</hi><lb/>
Schuld nicht ſeyn, wenn die Perſon, die man ſo<lb/>
herunter ſetzte, mir nicht ſo gleichguͤltig bliebe,<lb/>
als irgend ein Menſch in der Welt ſeyn kan,<lb/>
den ich nie geſehen habe. Wenn ich ihn jetzt<lb/>
mit andern Augen anſehe, (welches ich weder be-<lb/>
jahen noch leugnen will) ſo ſind die ſonderbahren<lb/>
Mittel Schuld daran, die man gebraucht hat,<lb/>
ihn mir verhaßt zu machen. Laſſen ſie uns nicht<lb/>
durch ein gemeinſchaftliches Leiden verbunden<lb/>
werden, ſo wird nie eine andere Verbindung ſtatt<lb/>
haben. Wenn mein Anerbieten, unverheyra-<lb/>
thet zu bleiben, angenommen wird, ſo will ich<lb/>
gegen ihn eben ſo gleichguͤltig ſeyn, als gegen<lb/>
dieſen Herrn.</p><lb/><p>Stille! Fahren ſie fort zu leſen Herr Sol-<lb/>
mes: und hoͤren ſie zu: ſchrie mein Onckle.</p><lb/><p>Aber zu welchem Nutzen? ſagte ich. Hat<lb/>
nicht Herr <hirendition="#fr">Solmes</hi>ſeine Abſichten dabey?<lb/>
Kan auch noch etwas ſchlimmers von Herrn<lb/><hirendition="#fr">Lovelace</hi> geſagt werden, als was ich ſeit eini-<lb/>
gen Monathen von ihm gehoͤrt habe?</p><lb/><p>Mein Onckle antwortete: der Brief, den Herr<lb/><hirendition="#fr">Solmes</hi> vorleſen wird, und was er ihnen noch<lb/>ſonſt ſagen kan, iſt <hirendition="#fr">ein vollſtaͤndiger Beweiß</hi><lb/>
von allen dem, was ſie bisher gehoͤret haben.</p><lb/><p>Jſt denn der arme Mann vorhin <hirendition="#fr">ohne voll-<lb/>ſtaͤndigen Beweiß</hi>ſo ſchwartz abgemahlt wor-<lb/>
den? Jch bitte ſie, bringen ſie mir nicht eine gar<lb/>
zu gute Meinung von Herrn <hirendition="#fr">Lovelace</hi> bey.<lb/>
Jch muß nach und nach beſſer von ihm zu den-<lb/><fwplace="bottom"type="catch">cken</fw><lb/></p></div></div></body></text></TEI>
[347/0353]
der Clariſſa.
aber in das Leſen und ſagte: es wuͤrde meine
Schuld nicht ſeyn, wenn die Perſon, die man ſo
herunter ſetzte, mir nicht ſo gleichguͤltig bliebe,
als irgend ein Menſch in der Welt ſeyn kan,
den ich nie geſehen habe. Wenn ich ihn jetzt
mit andern Augen anſehe, (welches ich weder be-
jahen noch leugnen will) ſo ſind die ſonderbahren
Mittel Schuld daran, die man gebraucht hat,
ihn mir verhaßt zu machen. Laſſen ſie uns nicht
durch ein gemeinſchaftliches Leiden verbunden
werden, ſo wird nie eine andere Verbindung ſtatt
haben. Wenn mein Anerbieten, unverheyra-
thet zu bleiben, angenommen wird, ſo will ich
gegen ihn eben ſo gleichguͤltig ſeyn, als gegen
dieſen Herrn.
Stille! Fahren ſie fort zu leſen Herr Sol-
mes: und hoͤren ſie zu: ſchrie mein Onckle.
Aber zu welchem Nutzen? ſagte ich. Hat
nicht Herr Solmes ſeine Abſichten dabey?
Kan auch noch etwas ſchlimmers von Herrn
Lovelace geſagt werden, als was ich ſeit eini-
gen Monathen von ihm gehoͤrt habe?
Mein Onckle antwortete: der Brief, den Herr
Solmes vorleſen wird, und was er ihnen noch
ſonſt ſagen kan, iſt ein vollſtaͤndiger Beweiß
von allen dem, was ſie bisher gehoͤret haben.
Jſt denn der arme Mann vorhin ohne voll-
ſtaͤndigen Beweiß ſo ſchwartz abgemahlt wor-
den? Jch bitte ſie, bringen ſie mir nicht eine gar
zu gute Meinung von Herrn Lovelace bey.
Jch muß nach und nach beſſer von ihm zu den-
cken
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 2. Göttingen, 1748, S. 347. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748/353>, abgerufen am 15.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.