ich hatte angefangen den Brief vorzulesen, und dachte auf nichts weniger als auf eine so witzige Ausflucht. Sie verlangte von mir, ich solte den gantzen Brief vorlesen: ach! ihr liebes Kind! ihr liebes Kind müßte zu nichts gezwun- gen werden! Wir fragten sie aber: ob sie Lust zu einem Schwieger-Sohne hätte, der der gantzen Familie Trotz böte, und der beynahe ih- res Sohnes Mörder geworden wäre? ob sie von ihrer Tochter etwas hätte erhalten können? ob sie so viel Zärtlichkeit gegen Euch haben kön- ne, nachdem Jhr nach aller Vermuthung ge- sucht hättet, ihr etwas aufzubinden, da Jhr ver- sichert, Euer Hertz sey ungebunden? Auf diese Fragen sahe sie sich in der Stube um, wie ih- re Schwester: sie kam wieder zu sich selbst, und fassete von neuen den Schluß, ihre Auctorität sehen zu lassen, nicht aber wie Jhr schreibet, wi- tzige Schöne, ihr Recht über ein rebellisches Kind, daß sich von dem Gehorsam gegen seine Eltern losreissen wollen, einem andern zu übertragen.
Es scheint, Kind, daß ihr sehr hohe Begriffe von den Pflichten des Ehestandes habt: ob ich gleich Bürge dafür werden wolte, daß Jhr eben so gut wie alle Eures Geschlechts, eine oder zwey Personen ausgenommen, welche ich die Ehre ha- be zu kennen, in der Kirche etwas versprechen werdet, daß Jhr nie gesinnet seyd zu halten. Allein, süsses Kind! (um Euch eben so zu nen- nen, als Eure werthe Mutter Frau Norton Euch nennet) so lange Jhr noch nicht verheyrathet
seyd,
Die Geſchichte
ich hatte angefangen den Brief vorzuleſen, und dachte auf nichts weniger als auf eine ſo witzige Ausflucht. Sie verlangte von mir, ich ſolte den gantzen Brief vorleſen: ach! ihr liebes Kind! ihr liebes Kind muͤßte zu nichts gezwun- gen werden! Wir fragten ſie aber: ob ſie Luſt zu einem Schwieger-Sohne haͤtte, der der gantzen Familie Trotz boͤte, und der beynahe ih- res Sohnes Moͤrder geworden waͤre? ob ſie von ihrer Tochter etwas haͤtte erhalten koͤnnen? ob ſie ſo viel Zaͤrtlichkeit gegen Euch haben koͤn- ne, nachdem Jhr nach aller Vermuthung ge- ſucht haͤttet, ihr etwas aufzubinden, da Jhr ver- ſichert, Euer Hertz ſey ungebunden? Auf dieſe Fragen ſahe ſie ſich in der Stube um, wie ih- re Schweſter: ſie kam wieder zu ſich ſelbſt, und faſſete von neuen den Schluß, ihre Auctoritaͤt ſehen zu laſſen, nicht aber wie Jhr ſchreibet, wi- tzige Schoͤne, ihr Recht uͤber ein rebelliſches Kind, daß ſich von dem Gehorſam gegen ſeine Eltern losreiſſen wollen, einem andern zu uͤbertragen.
Es ſcheint, Kind, daß ihr ſehr hohe Begriffe von den Pflichten des Eheſtandes habt: ob ich gleich Buͤrge dafuͤr werden wolte, daß Jhr eben ſo gut wie alle Eures Geſchlechts, eine oder zwey Perſonen ausgenommen, welche ich die Ehre ha- be zu kennen, in der Kirche etwas verſprechen werdet, daß Jhr nie geſinnet ſeyd zu halten. Allein, ſuͤſſes Kind! (um Euch eben ſo zu nen- nen, als Eure werthe Mutter Frau Norton Euch nennet) ſo lange Jhr noch nicht verheyrathet
ſeyd,
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[52/0058]
Die Geſchichte
ich hatte angefangen den Brief vorzuleſen, und
dachte auf nichts weniger als auf eine ſo witzige
Ausflucht. Sie verlangte von mir, ich ſolte den
gantzen Brief vorleſen: ach! ihr liebes Kind!
ihr liebes Kind muͤßte zu nichts gezwun-
gen werden! Wir fragten ſie aber: ob ſie
Luſt zu einem Schwieger-Sohne haͤtte, der der
gantzen Familie Trotz boͤte, und der beynahe ih-
res Sohnes Moͤrder geworden waͤre? ob ſie
von ihrer Tochter etwas haͤtte erhalten koͤnnen?
ob ſie ſo viel Zaͤrtlichkeit gegen Euch haben koͤn-
ne, nachdem Jhr nach aller Vermuthung ge-
ſucht haͤttet, ihr etwas aufzubinden, da Jhr ver-
ſichert, Euer Hertz ſey ungebunden? Auf dieſe
Fragen ſahe ſie ſich in der Stube um, wie ih-
re Schweſter: ſie kam wieder zu ſich ſelbſt, und
faſſete von neuen den Schluß, ihre Auctoritaͤt
ſehen zu laſſen, nicht aber wie Jhr ſchreibet, wi-
tzige Schoͤne, ihr Recht uͤber ein rebelliſches Kind,
daß ſich von dem Gehorſam gegen ſeine Eltern
losreiſſen wollen, einem andern zu uͤbertragen.
Es ſcheint, Kind, daß ihr ſehr hohe Begriffe
von den Pflichten des Eheſtandes habt: ob ich
gleich Buͤrge dafuͤr werden wolte, daß Jhr eben
ſo gut wie alle Eures Geſchlechts, eine oder zwey
Perſonen ausgenommen, welche ich die Ehre ha-
be zu kennen, in der Kirche etwas verſprechen
werdet, daß Jhr nie geſinnet ſeyd zu halten.
Allein, ſuͤſſes Kind! (um Euch eben ſo zu nen-
nen, als Eure werthe Mutter Frau Norton Euch
nennet) ſo lange Jhr noch nicht verheyrathet
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[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 2. Göttingen, 1748, S. 52. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748/58>, abgerufen am 15.09.2024.
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