gewesener Tutor*, oder der fromme Dr. Lewin. Wenn mir einer von beyden unrecht giebt, so will ich meinem Schicksal nicht ferner widerstehen: doch unter der Bedingung, daß mein Vater vergönne, daß ich zu dem Manne, der mir aufgedrungen wird, Nein sagen dürfe, wenn mir aller beyder Urtheil günstig ist.
Jch hoffe, mein Bruder, daß Euch mein Vor- schlag desto angenehmer seyn werde, weil Jhr von Eurer Geschicklichkeit im Disputiren sehr eingenommen zu seyn scheint, und wenigstens keine geringe Meynung von der Wichtigkeit der Gründe heget, deren Jhr Euch in Eurem letz- ten Brieffe bedient habt. Da es nicht vermuth- lich ist, daß ich bey einem Feder-Kriege mit Euch etwas gewinnen werde, wenn meine Sache nicht gerecht ist; und da Jhr meynet überzeuget zu seyn, daß ich in der That unrecht habe: so müs- set Jhr billig einen unpartheyischen Richter da- von zu überzeugen suchen, daß ich Unrecht und daß Jhr Recht habet. Wenn Jhr Euch die- sen Vorschlag gefallen laßt, so ist es unumgäng- lich nöthig, daß wir unsern Streit schriftlich aus- machen. Wir müssen die Sache, darüber ge-
stritten
* Man hat dieses zweydeutige Wort lieber beybehal- ten, als ins deutsche übersetzen wollen. Es kann ei- nen Vormund bedeuten: vermuthlich aber wird es hier in dem Verstande gebraucht, den es auf Uni- versitäten hat. Jeder Student auf den Englischen Universitäten wird einem Magister zum Unterricht übergeben: dieser heißt sein Tutor.
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der Clariſſa.
geweſener Tutor*, oder der fromme Dr. Lewin. Wenn mir einer von beyden unrecht giebt, ſo will ich meinem Schickſal nicht ferner widerſtehen: doch unter der Bedingung, daß mein Vater vergoͤnne, daß ich zu dem Manne, der mir aufgedrungen wird, Nein ſagen duͤrfe, wenn mir aller beyder Urtheil guͤnſtig iſt.
Jch hoffe, mein Bruder, daß Euch mein Vor- ſchlag deſto angenehmer ſeyn werde, weil Jhr von Eurer Geſchicklichkeit im Diſputiren ſehr eingenommen zu ſeyn ſcheint, und wenigſtens keine geringe Meynung von der Wichtigkeit der Gruͤnde heget, deren Jhr Euch in Eurem letz- ten Brieffe bedient habt. Da es nicht vermuth- lich iſt, daß ich bey einem Feder-Kriege mit Euch etwas gewinnen werde, wenn meine Sache nicht gerecht iſt; und da Jhr meynet uͤberzeuget zu ſeyn, daß ich in der That unrecht habe: ſo muͤſ- ſet Jhr billig einen unpartheyiſchen Richter da- von zu uͤberzeugen ſuchen, daß ich Unrecht und daß Jhr Recht habet. Wenn Jhr Euch die- ſen Vorſchlag gefallen laßt, ſo iſt es unumgaͤng- lich noͤthig, daß wir unſern Streit ſchriftlich aus- machen. Wir muͤſſen die Sache, daruͤber ge-
ſtritten
* Man hat dieſes zweydeutige Wort lieber beybehal- ten, als ins deutſche uͤberſetzen wollen. Es kann ei- nen Vormund bedeuten: vermuthlich aber wird es hier in dem Verſtande gebraucht, den es auf Uni- verſitaͤten hat. Jeder Student auf den Engliſchen Univerſitaͤten wird einem Magiſter zum Unterricht uͤbergeben: dieſer heißt ſein Tutor.
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der Clariſſa.
geweſener Tutor *, oder der fromme Dr.
Lewin. Wenn mir einer von beyden unrecht
giebt, ſo will ich meinem Schickſal nicht ferner
widerſtehen: doch unter der Bedingung, daß
mein Vater vergoͤnne, daß ich zu dem Manne,
der mir aufgedrungen wird, Nein ſagen duͤrfe,
wenn mir aller beyder Urtheil guͤnſtig iſt.
Jch hoffe, mein Bruder, daß Euch mein Vor-
ſchlag deſto angenehmer ſeyn werde, weil Jhr
von Eurer Geſchicklichkeit im Diſputiren ſehr
eingenommen zu ſeyn ſcheint, und wenigſtens
keine geringe Meynung von der Wichtigkeit der
Gruͤnde heget, deren Jhr Euch in Eurem letz-
ten Brieffe bedient habt. Da es nicht vermuth-
lich iſt, daß ich bey einem Feder-Kriege mit Euch
etwas gewinnen werde, wenn meine Sache nicht
gerecht iſt; und da Jhr meynet uͤberzeuget zu
ſeyn, daß ich in der That unrecht habe: ſo muͤſ-
ſet Jhr billig einen unpartheyiſchen Richter da-
von zu uͤberzeugen ſuchen, daß ich Unrecht und
daß Jhr Recht habet. Wenn Jhr Euch die-
ſen Vorſchlag gefallen laßt, ſo iſt es unumgaͤng-
lich noͤthig, daß wir unſern Streit ſchriftlich aus-
machen. Wir muͤſſen die Sache, daruͤber ge-
ſtritten
* Man hat dieſes zweydeutige Wort lieber beybehal-
ten, als ins deutſche uͤberſetzen wollen. Es kann ei-
nen Vormund bedeuten: vermuthlich aber wird es
hier in dem Verſtande gebraucht, den es auf Uni-
verſitaͤten hat. Jeder Student auf den Engliſchen
Univerſitaͤten wird einem Magiſter zum Unterricht
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[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 2. Göttingen, 1748, S. 67. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa02_1748/73>, abgerufen am 15.09.2024.
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