Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 3. Göttingen, 1749.

Bild:
<< vorherige Seite



scheidenden Augenblick geschahe, so heftig, so
aufrichtig gereuen? Nimm dich in Acht, meine
Schöne. Denn das Hertz, in dem dir die Liebe
einen Tempel geweyhet hat, brennet von Eifer-
sucht.

Jch kann es ihr zwar nicht übel nehmen, daß
ihr eine so plötzliche Veränderung empfindlich ist,
und ihre Zuneigung zu mir abkühlet. Wenn sie
siehet, wie heilig ich alle ihre Befehle beobachte,
so wird sie hoffentlich zwischen ihrem vorigen Ge-
fängniß und ihrer jetzigen Freyheit einen Unter-
scheid finden, und einige Triebe der Danckbarkeit
gegen mich empfinden.

Sie kommt, sie kommt. Eben gehet die Son-
ne auf, sie zu empfangen. Lebe wohl! sey halb
so glücklich als ich, (denn alle meine Zweiffeln ver-
schwinden jetzt, wie ein Nebel vor der Sonne) so
wirst du nächst mir der glücklichste Mensch in der
Welt seyn.



Der fünfte Brief
von
Fräulein Clarissa Harlowe an Fräulein
Howe.

Jch will meine betrübte Erzählung fortsetzen.

Nachdem ich in der Uebereilung bis an den
Wagen gekommen war, so würde es ver-

geblich



ſcheidenden Augenblick geſchahe, ſo heftig, ſo
aufrichtig gereuen? Nimm dich in Acht, meine
Schoͤne. Denn das Hertz, in dem dir die Liebe
einen Tempel geweyhet hat, brennet von Eifer-
ſucht.

Jch kann es ihr zwar nicht uͤbel nehmen, daß
ihr eine ſo ploͤtzliche Veraͤnderung empfindlich iſt,
und ihre Zuneigung zu mir abkuͤhlet. Wenn ſie
ſiehet, wie heilig ich alle ihre Befehle beobachte,
ſo wird ſie hoffentlich zwiſchen ihrem vorigen Ge-
faͤngniß und ihrer jetzigen Freyheit einen Unter-
ſcheid finden, und einige Triebe der Danckbarkeit
gegen mich empfinden.

Sie kommt, ſie kommt. Eben gehet die Son-
ne auf, ſie zu empfangen. Lebe wohl! ſey halb
ſo gluͤcklich als ich, (denn alle meine Zweiffeln ver-
ſchwinden jetzt, wie ein Nebel vor der Sonne) ſo
wirſt du naͤchſt mir der gluͤcklichſte Menſch in der
Welt ſeyn.



Der fuͤnfte Brief
von
Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fraͤulein
Howe.

Jch will meine betruͤbte Erzaͤhlung fortſetzen.

Nachdem ich in der Uebereilung bis an den
Wagen gekommen war, ſo wuͤrde es ver-

geblich
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0062" n="48"/><milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
&#x017F;cheidenden Augenblick ge&#x017F;chahe, &#x017F;o heftig, &#x017F;o<lb/>
aufrichtig gereuen? Nimm dich in Acht, meine<lb/>
Scho&#x0364;ne. Denn das Hertz, in dem dir die Liebe<lb/>
einen Tempel geweyhet hat, brennet von Eifer-<lb/>
&#x017F;ucht.</p><lb/>
          <p>Jch kann es ihr zwar nicht u&#x0364;bel nehmen, daß<lb/>
ihr eine &#x017F;o plo&#x0364;tzliche Vera&#x0364;nderung empfindlich i&#x017F;t,<lb/>
und ihre Zuneigung zu mir abku&#x0364;hlet. Wenn &#x017F;ie<lb/>
&#x017F;iehet, wie heilig ich alle ihre Befehle beobachte,<lb/>
&#x017F;o wird &#x017F;ie hoffentlich zwi&#x017F;chen ihrem vorigen Ge-<lb/>
fa&#x0364;ngniß und ihrer jetzigen Freyheit einen Unter-<lb/>
&#x017F;cheid finden, und einige Triebe der Danckbarkeit<lb/>
gegen mich empfinden.</p><lb/>
          <p>Sie kommt, &#x017F;ie kommt. Eben gehet die Son-<lb/>
ne auf, &#x017F;ie zu empfangen. Lebe wohl! &#x017F;ey halb<lb/>
&#x017F;o glu&#x0364;cklich als ich, (denn alle meine Zweiffeln ver-<lb/>
&#x017F;chwinden jetzt, wie ein Nebel vor der Sonne) &#x017F;o<lb/>
wir&#x017F;t du na&#x0364;ch&#x017F;t mir der glu&#x0364;cklich&#x017F;te Men&#x017F;ch in der<lb/>
Welt &#x017F;eyn.</p>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#fr">Der fu&#x0364;nfte Brief</hi><lb/>
von<lb/><hi rendition="#fr">Fra&#x0364;ulein Clari&#x017F;&#x017F;a Harlowe an Fra&#x0364;ulein<lb/>
Howe.</hi></head><lb/>
          <dateline> <hi rendition="#et">Mittewochens den 12. April.</hi> </dateline><lb/>
          <p>Jch will meine betru&#x0364;bte Erza&#x0364;hlung fort&#x017F;etzen.</p><lb/>
          <p><hi rendition="#in">N</hi>achdem ich in der Uebereilung bis an den<lb/>
Wagen gekommen war, &#x017F;o wu&#x0364;rde es ver-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">geblich</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[48/0062] ſcheidenden Augenblick geſchahe, ſo heftig, ſo aufrichtig gereuen? Nimm dich in Acht, meine Schoͤne. Denn das Hertz, in dem dir die Liebe einen Tempel geweyhet hat, brennet von Eifer- ſucht. Jch kann es ihr zwar nicht uͤbel nehmen, daß ihr eine ſo ploͤtzliche Veraͤnderung empfindlich iſt, und ihre Zuneigung zu mir abkuͤhlet. Wenn ſie ſiehet, wie heilig ich alle ihre Befehle beobachte, ſo wird ſie hoffentlich zwiſchen ihrem vorigen Ge- faͤngniß und ihrer jetzigen Freyheit einen Unter- ſcheid finden, und einige Triebe der Danckbarkeit gegen mich empfinden. Sie kommt, ſie kommt. Eben gehet die Son- ne auf, ſie zu empfangen. Lebe wohl! ſey halb ſo gluͤcklich als ich, (denn alle meine Zweiffeln ver- ſchwinden jetzt, wie ein Nebel vor der Sonne) ſo wirſt du naͤchſt mir der gluͤcklichſte Menſch in der Welt ſeyn. Der fuͤnfte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fraͤulein Howe. Mittewochens den 12. April. Jch will meine betruͤbte Erzaͤhlung fortſetzen. Nachdem ich in der Uebereilung bis an den Wagen gekommen war, ſo wuͤrde es ver- geblich

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa03_1749
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa03_1749/62
Zitationshilfe: [Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 3. Göttingen, 1749, S. 48. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa03_1749/62>, abgerufen am 10.04.2021.