Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 6. Göttingen, 1750.

Bild:
<< vorherige Seite




Der siebende Brief
von
Fräulein Clarissa Harlowe an Frau Judith
Norton.

Meine wertheste Frau Norton!

Jch wende mich an Sie, nach einem recht lan-
gen Stillschweigen; das aber doch keinen
Mangel der Liebe oder Pflicht zum Grunde ge-
habt; vornehmlich in der Absicht, Sie zu bitten,
daß Sie mich von zween oder dreyen Puncten
versichern, welche ich zu wissen nöthig habe.

Mein Vater, und die ganze Familie, so hat
man mir gesaget, sollen heute, wie gewöhnlich,
bey meinem Onkel Harlowe seyn. Haben Sie
die Güte, mir Nachricht zu geben, ob sie wirk-
lich da gewesen sind; ob sie bey Gelegenheit des
Geburthsfestes vergnügt waren; und ob Sie von
einer Reise oder vorgehabten Reise meines Bru-
ders mit dem Capitain Singleton und Herrn
Solmes gehöret haben.

Mir ist es wunderlich gegangen, meine liebe,
werthe und recht mütterliche Freundinn! - -
Sehr wunderlich! - - Herr Lovelace hat sich als
einen höchst grausamen und undankbaren Kerl
gegen mich bewiesen. Aber, Gott sey Dank, ich
bin von ihm entkommen. - - Weil ich unter ganz
fremden, ob gleich, wie ich denke, rechtschaffenen

Leuten




Der ſiebende Brief
von
Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Frau Judith
Norton.

Meine wertheſte Frau Norton!

Jch wende mich an Sie, nach einem recht lan-
gen Stillſchweigen; das aber doch keinen
Mangel der Liebe oder Pflicht zum Grunde ge-
habt; vornehmlich in der Abſicht, Sie zu bitten,
daß Sie mich von zween oder dreyen Puncten
verſichern, welche ich zu wiſſen noͤthig habe.

Mein Vater, und die ganze Familie, ſo hat
man mir geſaget, ſollen heute, wie gewoͤhnlich,
bey meinem Onkel Harlowe ſeyn. Haben Sie
die Guͤte, mir Nachricht zu geben, ob ſie wirk-
lich da geweſen ſind; ob ſie bey Gelegenheit des
Geburthsfeſtes vergnuͤgt waren; und ob Sie von
einer Reiſe oder vorgehabten Reiſe meines Bru-
ders mit dem Capitain Singleton und Herrn
Solmes gehoͤret haben.

Mir iſt es wunderlich gegangen, meine liebe,
werthe und recht muͤtterliche Freundinn! ‒ ‒
Sehr wunderlich! ‒ ‒ Herr Lovelace hat ſich als
einen hoͤchſt grauſamen und undankbaren Kerl
gegen mich bewieſen. Aber, Gott ſey Dank, ich
bin von ihm entkommen. ‒ ‒ Weil ich unter ganz
fremden, ob gleich, wie ich denke, rechtſchaffenen

Leuten
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0034" n="28"/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#fr">Der &#x017F;iebende Brief</hi><lb/>
von<lb/><hi rendition="#fr">Fra&#x0364;ulein Clari&#x017F;&#x017F;a Harlowe an Frau Judith<lb/>
Norton.</hi></head><lb/>
          <floatingText>
            <body>
              <dateline> <hi rendition="#et">Donner&#x017F;tags, den 29ten Jun.</hi> </dateline><lb/>
              <salute> <hi rendition="#b">Meine werthe&#x017F;te Frau Norton!</hi> </salute><lb/>
              <p><hi rendition="#in">J</hi>ch wende mich an Sie, nach einem recht lan-<lb/>
gen Still&#x017F;chweigen; das aber doch keinen<lb/>
Mangel der Liebe oder Pflicht zum Grunde ge-<lb/>
habt; vornehmlich in der Ab&#x017F;icht, Sie zu bitten,<lb/>
daß Sie mich von zween oder dreyen Puncten<lb/>
ver&#x017F;ichern, welche ich zu wi&#x017F;&#x017F;en no&#x0364;thig habe.</p><lb/>
              <p>Mein Vater, und die ganze Familie, &#x017F;o hat<lb/>
man mir ge&#x017F;aget, &#x017F;ollen heute, wie gewo&#x0364;hnlich,<lb/>
bey meinem Onkel Harlowe &#x017F;eyn. Haben Sie<lb/>
die Gu&#x0364;te, mir Nachricht zu geben, ob &#x017F;ie wirk-<lb/>
lich da gewe&#x017F;en &#x017F;ind; ob &#x017F;ie bey Gelegenheit des<lb/>
Geburthsfe&#x017F;tes vergnu&#x0364;gt waren; und ob Sie von<lb/>
einer Rei&#x017F;e oder vorgehabten Rei&#x017F;e meines Bru-<lb/>
ders mit dem Capitain Singleton und Herrn<lb/>
Solmes geho&#x0364;ret haben.</p><lb/>
              <p>Mir i&#x017F;t es wunderlich gegangen, meine liebe,<lb/>
werthe und recht mu&#x0364;tterliche Freundinn! &#x2012; &#x2012;<lb/>
Sehr wunderlich! &#x2012; &#x2012; Herr Lovelace hat &#x017F;ich als<lb/>
einen ho&#x0364;ch&#x017F;t grau&#x017F;amen und undankbaren Kerl<lb/>
gegen mich bewie&#x017F;en. Aber, Gott &#x017F;ey Dank, ich<lb/>
bin von ihm entkommen. &#x2012; &#x2012; Weil ich unter ganz<lb/>
fremden, ob gleich, wie ich denke, recht&#x017F;chaffenen<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Leuten</fw><lb/></p>
            </body>
          </floatingText>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[28/0034] Der ſiebende Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Frau Judith Norton. Donnerſtags, den 29ten Jun. Meine wertheſte Frau Norton! Jch wende mich an Sie, nach einem recht lan- gen Stillſchweigen; das aber doch keinen Mangel der Liebe oder Pflicht zum Grunde ge- habt; vornehmlich in der Abſicht, Sie zu bitten, daß Sie mich von zween oder dreyen Puncten verſichern, welche ich zu wiſſen noͤthig habe. Mein Vater, und die ganze Familie, ſo hat man mir geſaget, ſollen heute, wie gewoͤhnlich, bey meinem Onkel Harlowe ſeyn. Haben Sie die Guͤte, mir Nachricht zu geben, ob ſie wirk- lich da geweſen ſind; ob ſie bey Gelegenheit des Geburthsfeſtes vergnuͤgt waren; und ob Sie von einer Reiſe oder vorgehabten Reiſe meines Bru- ders mit dem Capitain Singleton und Herrn Solmes gehoͤret haben. Mir iſt es wunderlich gegangen, meine liebe, werthe und recht muͤtterliche Freundinn! ‒ ‒ Sehr wunderlich! ‒ ‒ Herr Lovelace hat ſich als einen hoͤchſt grauſamen und undankbaren Kerl gegen mich bewieſen. Aber, Gott ſey Dank, ich bin von ihm entkommen. ‒ ‒ Weil ich unter ganz fremden, ob gleich, wie ich denke, rechtſchaffenen Leuten

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa06_1750
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa06_1750/34
Zitationshilfe: [Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 6. Göttingen, 1750, S. 28. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa06_1750/34>, abgerufen am 19.06.2021.