nett in ihrem Anzuge. Jch glaube, sie hat alle Gedanken auf unser Geschlecht aufgegeben. Aber wenn die glüende Asche, um das halb verbrannte Scheitholz zusammen geschüret wird, so wird es noch so viel Feuer geben, daß es wieder anbrennet, und einen halb erfrornen Menschen, der dabei stehet, hinlänglich er- wärmet.
Frau Bevis hat ein gutes Ansehen, sie ist nemlich stark von Person. Sie liebt das Lu- stige, und ich getraue mich zu behaupten, daß sie nie eine ganze Woche traurig gewesen ist. Sie mag etwa fünf und zwanzig Jahre alt seyn. Mowbray, denke ich, wird nicht viel Mühe mit ihr haben, denn einer kann nicht alles al- lein thun. Jndessen gewähren zuweilen Frauen- zimmer von einem so freien Wesen, wenn es zur Hauptsache kommt, weniger, als ihr ange- nehmes Zudrängen einer Mannsperson zu ver- sprechen schien, die eine Absicht darauf hat.
Jungfer Rawlins ist ein junges Mädgen, das Annehmlichkeiten genug besitzet, ob sie gleich nicht für schön gelten kann. Sie hat Verstand, und will dafür angesehen seyn, daß sie die Welt kennet, wie man zu sagen pfleget. Aber sie hat ihre Kenntniß mehr aus Büchern, als aus der Erfahrung. Eine elende Kenntniß, Bru- der, die für ABCschützen gehöret, und allezeit eine Person, welche ihr zu viel trauet, zu der Zeit im Stiche lässet, da sie ihr die meisten Dien- ste thun sollte! Denn solche junge Damen ver-
lassen
nett in ihrem Anzuge. Jch glaube, ſie hat alle Gedanken auf unſer Geſchlecht aufgegeben. Aber wenn die gluͤende Aſche, um das halb verbrannte Scheitholz zuſammen geſchuͤret wird, ſo wird es noch ſo viel Feuer geben, daß es wieder anbrennet, und einen halb erfrornen Menſchen, der dabei ſtehet, hinlaͤnglich er- waͤrmet.
Frau Bevis hat ein gutes Anſehen, ſie iſt nemlich ſtark von Perſon. Sie liebt das Lu- ſtige, und ich getraue mich zu behaupten, daß ſie nie eine ganze Woche traurig geweſen iſt. Sie mag etwa fuͤnf und zwanzig Jahre alt ſeyn. Mowbray, denke ich, wird nicht viel Muͤhe mit ihr haben, denn einer kann nicht alles al- lein thun. Jndeſſen gewaͤhren zuweilen Frauen- zimmer von einem ſo freien Weſen, wenn es zur Hauptſache kommt, weniger, als ihr ange- nehmes Zudraͤngen einer Mannsperſon zu ver- ſprechen ſchien, die eine Abſicht darauf hat.
Jungfer Rawlins iſt ein junges Maͤdgen, das Annehmlichkeiten genug beſitzet, ob ſie gleich nicht fuͤr ſchoͤn gelten kann. Sie hat Verſtand, und will dafuͤr angeſehen ſeyn, daß ſie die Welt kennet, wie man zu ſagen pfleget. Aber ſie hat ihre Kenntniß mehr aus Buͤchern, als aus der Erfahrung. Eine elende Kenntniß, Bru- der, die fuͤr ABCſchuͤtzen gehoͤret, und allezeit eine Perſon, welche ihr zu viel trauet, zu der Zeit im Stiche laͤſſet, da ſie ihr die meiſten Dien- ſte thun ſollte! Denn ſolche junge Damen ver-
laſſen
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nett in ihrem Anzuge. Jch glaube, ſie hat
alle Gedanken auf unſer Geſchlecht aufgegeben.
Aber wenn die gluͤende Aſche, um das halb
verbrannte Scheitholz zuſammen geſchuͤret
wird, ſo wird es noch ſo viel Feuer geben, daß
es wieder anbrennet, und einen halb erfrornen
Menſchen, der dabei ſtehet, hinlaͤnglich er-
waͤrmet.
Frau Bevis hat ein gutes Anſehen, ſie iſt
nemlich ſtark von Perſon. Sie liebt das Lu-
ſtige, und ich getraue mich zu behaupten, daß ſie
nie eine ganze Woche traurig geweſen iſt. Sie
mag etwa fuͤnf und zwanzig Jahre alt ſeyn.
Mowbray, denke ich, wird nicht viel Muͤhe
mit ihr haben, denn einer kann nicht alles al-
lein thun. Jndeſſen gewaͤhren zuweilen Frauen-
zimmer von einem ſo freien Weſen, wenn es
zur Hauptſache kommt, weniger, als ihr ange-
nehmes Zudraͤngen einer Mannsperſon zu ver-
ſprechen ſchien, die eine Abſicht darauf hat.
Jungfer Rawlins iſt ein junges Maͤdgen,
das Annehmlichkeiten genug beſitzet, ob ſie gleich
nicht fuͤr ſchoͤn gelten kann. Sie hat Verſtand,
und will dafuͤr angeſehen ſeyn, daß ſie die Welt
kennet, wie man zu ſagen pfleget. Aber ſie
hat ihre Kenntniß mehr aus Buͤchern, als aus
der Erfahrung. Eine elende Kenntniß, Bru-
der, die fuͤr ABCſchuͤtzen gehoͤret, und allezeit
eine Perſon, welche ihr zu viel trauet, zu der
Zeit im Stiche laͤſſet, da ſie ihr die meiſten Dien-
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[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 8. Göttingen, 1753, S. 203. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa08_1753/211>, abgerufen am 23.09.2024.
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