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Riehl, Wilhelm Heinrich: Jörg Muckenbuber. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 8. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 67–94. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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die ganze mächtige Liebe zur Freiheit. Wenn ich hinaus könnte! rief sie, nicht entfliehen wollte ich; ich wollte fortgehen, um wiederzukommen, um meinen Ulmer Freunden alle die erlittene Schmach zu erzählen, wiederzukommen mit den Zeugnissen und Zeugen meiner Unschuld, -- ich will gar nicht einmal die Freiheit, ich will nur meine Ehre und Reputation retten -- -- ! Sie brachte den Satz nicht recht zu Ende, doch hatte ihn Jörg verstanden.

Schon lange arbeitete er daran, die dünne Scheidewand zwischen den beiden Kerkern zu durchbrechen; er war bisher, bloß mit einem kleinen Stückchen Eisen bewehrt, nur langsam vorgeschritten; nach jenem Ausruf der Hollin aber schaffte er Tag und Nacht mit Riesenkraft, und in der dritten Nacht konnte er's versuchen, durch das Loch, welches er im dunkelsten Winkel geöffnet, hindurchzukriechen.

Da war keine Zeit zu verlieren. Heute Nacht stand Jörg's Thür wieder offen: also gab es kurzen Abschied. Frau Hollin kroch herüber in des Nachbars Zelle. Da umfaßte Jörg, am ganzen Leibe zitternd, des alten Weibes Knie und rief -- als wolle er in dieses einzige Wort die ganze Fülle seines Gehorsams und seines Dankes schütten --: Mutter! -- und sie fuhr ihm mit der Hand übers Gesicht, im schwarzen Dunkel seine Züge befühlend, und rief: Mein armer, unglücklicher Sohn!

Dann trennten sich die beiden Freunde, die sich

die ganze mächtige Liebe zur Freiheit. Wenn ich hinaus könnte! rief sie, nicht entfliehen wollte ich; ich wollte fortgehen, um wiederzukommen, um meinen Ulmer Freunden alle die erlittene Schmach zu erzählen, wiederzukommen mit den Zeugnissen und Zeugen meiner Unschuld, — ich will gar nicht einmal die Freiheit, ich will nur meine Ehre und Reputation retten — — ! Sie brachte den Satz nicht recht zu Ende, doch hatte ihn Jörg verstanden.

Schon lange arbeitete er daran, die dünne Scheidewand zwischen den beiden Kerkern zu durchbrechen; er war bisher, bloß mit einem kleinen Stückchen Eisen bewehrt, nur langsam vorgeschritten; nach jenem Ausruf der Hollin aber schaffte er Tag und Nacht mit Riesenkraft, und in der dritten Nacht konnte er's versuchen, durch das Loch, welches er im dunkelsten Winkel geöffnet, hindurchzukriechen.

Da war keine Zeit zu verlieren. Heute Nacht stand Jörg's Thür wieder offen: also gab es kurzen Abschied. Frau Hollin kroch herüber in des Nachbars Zelle. Da umfaßte Jörg, am ganzen Leibe zitternd, des alten Weibes Knie und rief — als wolle er in dieses einzige Wort die ganze Fülle seines Gehorsams und seines Dankes schütten —: Mutter! — und sie fuhr ihm mit der Hand übers Gesicht, im schwarzen Dunkel seine Züge befühlend, und rief: Mein armer, unglücklicher Sohn!

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[0023] die ganze mächtige Liebe zur Freiheit. Wenn ich hinaus könnte! rief sie, nicht entfliehen wollte ich; ich wollte fortgehen, um wiederzukommen, um meinen Ulmer Freunden alle die erlittene Schmach zu erzählen, wiederzukommen mit den Zeugnissen und Zeugen meiner Unschuld, — ich will gar nicht einmal die Freiheit, ich will nur meine Ehre und Reputation retten — — ! Sie brachte den Satz nicht recht zu Ende, doch hatte ihn Jörg verstanden. Schon lange arbeitete er daran, die dünne Scheidewand zwischen den beiden Kerkern zu durchbrechen; er war bisher, bloß mit einem kleinen Stückchen Eisen bewehrt, nur langsam vorgeschritten; nach jenem Ausruf der Hollin aber schaffte er Tag und Nacht mit Riesenkraft, und in der dritten Nacht konnte er's versuchen, durch das Loch, welches er im dunkelsten Winkel geöffnet, hindurchzukriechen. Da war keine Zeit zu verlieren. Heute Nacht stand Jörg's Thür wieder offen: also gab es kurzen Abschied. Frau Hollin kroch herüber in des Nachbars Zelle. Da umfaßte Jörg, am ganzen Leibe zitternd, des alten Weibes Knie und rief — als wolle er in dieses einzige Wort die ganze Fülle seines Gehorsams und seines Dankes schütten —: Mutter! — und sie fuhr ihm mit der Hand übers Gesicht, im schwarzen Dunkel seine Züge befühlend, und rief: Mein armer, unglücklicher Sohn! Dann trennten sich die beiden Freunde, die sich

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T10:09:41Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T10:09:41Z)

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Zitationshilfe: Riehl, Wilhelm Heinrich: Jörg Muckenbuber. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 8. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 67–94. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/riehl_muckenhuber_1910/23>, abgerufen am 18.08.2022.