Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Robert, Carl: Bild und Lied. Archäologische Beiträge zur Geschichte der griechischen Heldensage. Berlin, 1881.

Bild:
<< vorherige Seite
IV.
DAS ATTISCHE DRAMA UND DIE VASENMALEREI DES
FÜNFTEN JAHRHUNDERTS.


Der oben S. 28 aufgestellte Satz, dass die vom Drama ge-
schaffenen Sagenversionen entweder überhaupt nicht oder nur in
ganz vereinzelten Fällen auf die gleichzeitige Kunst und ins-
besondere auf die gleichzeitige Vasenmalerei Einfluss geübt haben,
bedarf, da er der herrschenden Ansicht widerstreitet, einer
näheren Erläuterung. Die Begründung desselben ist indessen
deshalb etwas unerquicklich, weil, so oft man auch die Dar-
stellungen auf rotfigurigen Vasen strengen Stiles auf das Drama
zurückführen hört, ein ernsthafter Versuch, diesen Zusammen-
hang zu beweisen, fast nie gemacht wird, und es in der Regel
vielmehr dem Leser überlassen bleibt, sich die Gründe für eine
solche Zurückführung selbst zu suchen. Ich muss mich unter
diesen Umständen darauf beschränken, ein par einzelne Fälle,
teils solche, in denen der Einfluss des Dramas besonders zu-
versichtlich behauptet und geglaubt worden ist, teils solche, in
welchen das Urteil wirklich schwanken kann, ausführlicher zu
erörtern. Natürlich handelt es sich dabei in erster Linie um
Aischylos, da die beiden anderen grossen Tragiker auf die Vasen-
malerei bis 445 schon aus chronologischen Gründen nur einen
geringen Einfluss gehabt haben könnten.

Ich beginne mit der "tragischen Ilias". Bekanntlich haben
übereinstimmend G. Hermann und Welcker die drei aischyleischen

Philolog. Untersuchungen V. 9
IV.
DAS ATTISCHE DRAMA UND DIE VASENMALEREI DES
FÜNFTEN JAHRHUNDERTS.


Der oben S. 28 aufgestellte Satz, daſs die vom Drama ge-
schaffenen Sagenversionen entweder überhaupt nicht oder nur in
ganz vereinzelten Fällen auf die gleichzeitige Kunst und ins-
besondere auf die gleichzeitige Vasenmalerei Einfluſs geübt haben,
bedarf, da er der herrschenden Ansicht widerstreitet, einer
näheren Erläuterung. Die Begründung desselben ist indessen
deshalb etwas unerquicklich, weil, so oft man auch die Dar-
stellungen auf rotfigurigen Vasen strengen Stiles auf das Drama
zurückführen hört, ein ernsthafter Versuch, diesen Zusammen-
hang zu beweisen, fast nie gemacht wird, und es in der Regel
vielmehr dem Leser überlassen bleibt, sich die Gründe für eine
solche Zurückführung selbst zu suchen. Ich muſs mich unter
diesen Umständen darauf beschränken, ein par einzelne Fälle,
teils solche, in denen der Einfluſs des Dramas besonders zu-
versichtlich behauptet und geglaubt worden ist, teils solche, in
welchen das Urteil wirklich schwanken kann, ausführlicher zu
erörtern. Natürlich handelt es sich dabei in erster Linie um
Aischylos, da die beiden anderen groſsen Tragiker auf die Vasen-
malerei bis 445 schon aus chronologischen Gründen nur einen
geringen Einfluſs gehabt haben könnten.

Ich beginne mit der „tragischen Ilias“. Bekanntlich haben
übereinstimmend G. Hermann und Welcker die drei aischyleischen

Philolog. Untersuchungen V. 9
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0143" n="[129]"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">IV.<lb/>
DAS ATTISCHE DRAMA UND DIE VASENMALEREI DES<lb/>
FÜNFTEN JAHRHUNDERTS.</hi> </head><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          <p>Der oben S. 28 aufgestellte Satz, da&#x017F;s die vom Drama ge-<lb/>
schaffenen Sagenversionen entweder überhaupt nicht oder nur in<lb/>
ganz vereinzelten Fällen auf die gleichzeitige Kunst und ins-<lb/>
besondere auf die gleichzeitige Vasenmalerei Einflu&#x017F;s geübt haben,<lb/>
bedarf, da er der herrschenden Ansicht widerstreitet, einer<lb/>
näheren Erläuterung. Die Begründung desselben ist indessen<lb/>
deshalb etwas unerquicklich, weil, so oft man auch die Dar-<lb/>
stellungen auf rotfigurigen Vasen strengen Stiles auf das Drama<lb/>
zurückführen hört, ein ernsthafter Versuch, diesen Zusammen-<lb/>
hang zu beweisen, fast nie gemacht wird, und es in der Regel<lb/>
vielmehr dem Leser überlassen bleibt, sich die Gründe für eine<lb/>
solche Zurückführung selbst zu suchen. Ich mu&#x017F;s mich unter<lb/>
diesen Umständen darauf beschränken, ein par einzelne Fälle,<lb/>
teils solche, in denen der Einflu&#x017F;s des Dramas besonders zu-<lb/>
versichtlich behauptet und geglaubt worden ist, teils solche, in<lb/>
welchen das Urteil wirklich schwanken kann, ausführlicher zu<lb/>
erörtern. Natürlich handelt es sich dabei in erster Linie um<lb/>
Aischylos, da die beiden anderen gro&#x017F;sen Tragiker auf die Vasen-<lb/>
malerei bis 445 schon aus chronologischen Gründen nur einen<lb/>
geringen Einflu&#x017F;s gehabt haben könnten.</p><lb/>
          <p>Ich beginne mit der &#x201E;tragischen Ilias&#x201C;. Bekanntlich haben<lb/>
übereinstimmend G. Hermann und Welcker die drei aischyleischen<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">Philolog. Untersuchungen V. 9</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[129]/0143] IV. DAS ATTISCHE DRAMA UND DIE VASENMALEREI DES FÜNFTEN JAHRHUNDERTS. Der oben S. 28 aufgestellte Satz, daſs die vom Drama ge- schaffenen Sagenversionen entweder überhaupt nicht oder nur in ganz vereinzelten Fällen auf die gleichzeitige Kunst und ins- besondere auf die gleichzeitige Vasenmalerei Einfluſs geübt haben, bedarf, da er der herrschenden Ansicht widerstreitet, einer näheren Erläuterung. Die Begründung desselben ist indessen deshalb etwas unerquicklich, weil, so oft man auch die Dar- stellungen auf rotfigurigen Vasen strengen Stiles auf das Drama zurückführen hört, ein ernsthafter Versuch, diesen Zusammen- hang zu beweisen, fast nie gemacht wird, und es in der Regel vielmehr dem Leser überlassen bleibt, sich die Gründe für eine solche Zurückführung selbst zu suchen. Ich muſs mich unter diesen Umständen darauf beschränken, ein par einzelne Fälle, teils solche, in denen der Einfluſs des Dramas besonders zu- versichtlich behauptet und geglaubt worden ist, teils solche, in welchen das Urteil wirklich schwanken kann, ausführlicher zu erörtern. Natürlich handelt es sich dabei in erster Linie um Aischylos, da die beiden anderen groſsen Tragiker auf die Vasen- malerei bis 445 schon aus chronologischen Gründen nur einen geringen Einfluſs gehabt haben könnten. Ich beginne mit der „tragischen Ilias“. Bekanntlich haben übereinstimmend G. Hermann und Welcker die drei aischyleischen Philolog. Untersuchungen V. 9

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/robert_griechische_1881
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/robert_griechische_1881/143
Zitationshilfe: Robert, Carl: Bild und Lied. Archäologische Beiträge zur Geschichte der griechischen Heldensage. Berlin, 1881, S. [129]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/robert_griechische_1881/143>, abgerufen am 19.08.2022.