Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896.

Bild:
<< vorherige Seite

Die Vorgeschichte der Telegraphen.
Kenntnis gelangen ließen, obgleich eine Entfernung von 520 Kilo-
metern zurückzulegen war. Das Verdienst, dieses Signalwesen so
umgestaltet zu haben, daß eine schnelle Gedankenvermittelung auf
weite Entfernungen möglich ward, gebührt aber dem französischen
Edelmanne Claude Chappe. Auf Veranlassung des Wohlfahrtsaus-
schusses wurde 1794 die erste optische Telegraphenlinie vom Pariser
Louvre nach Lille eingerichtet. Drei Balken waren an einem weithin
sichtbaren Orte an einem Gestelle so angebracht, daß durch Verbindung
ihrer Stellungen es möglich war, eine große Zahl von Zeichen zu
geben. Zwanzig solcher Gestelle auf der genannten Strecke vermittelten
der Hauptstadt die Nachricht von der Übergabe von Conde an die
Franzosen innerhalb 20 Minuten. Durch solche bisher kaum geahnte
Geschwindigkeiten war die Republik ihren Gegnern immer einen Schritt
voraus. 1795 wurde das optische Netz ausgedehnt; aber erst 1832
ward es in Preußen eingeführt, wo Berlin und Koblenz durch
70 Stationen mit einander verbunden wurden. Ohne die vielfachen
Mittel, durch welche die optische Zeichengebung verbessert ward, hier
zu erwähnen, wollen wir nur darauf hinweisen, daß er eine weit-
gehende Anwendung im Signaldienste der Eisenbahnen erfahren hat.

Die unvergleichliche Schnelligkeit, mit welcher elektrische Ladungen
sich in einem Drahte verbreiteten, ließ von dieser Seite einen günstigeren
Erfolg erhoffen. Der Schotte Stephan Gray hatte 1742 einen 220 Meter
langen Kupferdraht an Seidenfäden aufgehängt, durch den die Reibungs-
elektrizität in rasender Eile sich verbreitete. Winkler in Leipzig und
Franklin in Philadelphia wiederholten diese Versuche und der erstere
zeigte, daß selbst Flüsse, wie die Pleiße, eine elektrische Ladung eine
Strecke hindurch fortleiten könnten. Bei den geringen Mengen von
Elektrizität, welche wir durch die Reibung erhalten können, war es
nur natürlich, daß ihre Fortleitung auf große Entfernungen, für welche
eine Reform des Nachrichtenwesens nötig schien, unmöglich war; sie ging
aus dem Drahte in die umgebende Luft. Die Erfolge der galvanischen
Elektrizität nährten von neuem die Hoffnungen, welche die Erfinder auf
die Zuverlässigkeit dieses Boten aufbauten. Die ersten chemischen
Wirkungen schon zeitigten 1809 Sömmerings chemischen Telegraphen.
35 Drähte waren von einer an der Aufgabestation befindlichen Batterie
zu ebensovielen Zersetzungszellen mit verdünnter Schwefelsäure an der
Empfangsstation geleitet. So konnte man, je nachdem man diesen oder
jenen Draht benutzte und beobachtete, wo beim Schließen des Stromes
die Gasblasen sich zeigten, alle Buchstaben und alle Ziffern von hier
nach dort telegraphieren. Aber die Herstellung einer genügend starken
35 fachen Leitung auf größere Entfernungen hin war bitter teuer.
Daher unterblieb die praktische Einführung derselben. Erst die Ent-
deckung Örsteds, daß eine Magneten-Nadel in der Nähe des Schließungs-
drahtes einer Batterie, je nach der Stromrichtung nach der einen oder
andern Seite abgelenkt werde, schien für die neue Verwendung der

16*

Die Vorgeſchichte der Telegraphen.
Kenntnis gelangen ließen, obgleich eine Entfernung von 520 Kilo-
metern zurückzulegen war. Das Verdienſt, dieſes Signalweſen ſo
umgeſtaltet zu haben, daß eine ſchnelle Gedankenvermittelung auf
weite Entfernungen möglich ward, gebührt aber dem franzöſiſchen
Edelmanne Claude Chappe. Auf Veranlaſſung des Wohlfahrtsaus-
ſchuſſes wurde 1794 die erſte optiſche Telegraphenlinie vom Pariſer
Louvre nach Lille eingerichtet. Drei Balken waren an einem weithin
ſichtbaren Orte an einem Geſtelle ſo angebracht, daß durch Verbindung
ihrer Stellungen es möglich war, eine große Zahl von Zeichen zu
geben. Zwanzig ſolcher Geſtelle auf der genannten Strecke vermittelten
der Hauptſtadt die Nachricht von der Übergabe von Condé an die
Franzoſen innerhalb 20 Minuten. Durch ſolche bisher kaum geahnte
Geſchwindigkeiten war die Republik ihren Gegnern immer einen Schritt
voraus. 1795 wurde das optiſche Netz ausgedehnt; aber erſt 1832
ward es in Preußen eingeführt, wo Berlin und Koblenz durch
70 Stationen mit einander verbunden wurden. Ohne die vielfachen
Mittel, durch welche die optiſche Zeichengebung verbeſſert ward, hier
zu erwähnen, wollen wir nur darauf hinweiſen, daß er eine weit-
gehende Anwendung im Signaldienſte der Eiſenbahnen erfahren hat.

Die unvergleichliche Schnelligkeit, mit welcher elektriſche Ladungen
ſich in einem Drahte verbreiteten, ließ von dieſer Seite einen günſtigeren
Erfolg erhoffen. Der Schotte Stephan Gray hatte 1742 einen 220 Meter
langen Kupferdraht an Seidenfäden aufgehängt, durch den die Reibungs-
elektrizität in raſender Eile ſich verbreitete. Winkler in Leipzig und
Franklin in Philadelphia wiederholten dieſe Verſuche und der erſtere
zeigte, daß ſelbſt Flüſſe, wie die Pleiße, eine elektriſche Ladung eine
Strecke hindurch fortleiten könnten. Bei den geringen Mengen von
Elektrizität, welche wir durch die Reibung erhalten können, war es
nur natürlich, daß ihre Fortleitung auf große Entfernungen, für welche
eine Reform des Nachrichtenweſens nötig ſchien, unmöglich war; ſie ging
aus dem Drahte in die umgebende Luft. Die Erfolge der galvaniſchen
Elektrizität nährten von neuem die Hoffnungen, welche die Erfinder auf
die Zuverläſſigkeit dieſes Boten aufbauten. Die erſten chemiſchen
Wirkungen ſchon zeitigten 1809 Sömmerings chemiſchen Telegraphen.
35 Drähte waren von einer an der Aufgabeſtation befindlichen Batterie
zu ebenſovielen Zerſetzungszellen mit verdünnter Schwefelſäure an der
Empfangsſtation geleitet. So konnte man, je nachdem man dieſen oder
jenen Draht benutzte und beobachtete, wo beim Schließen des Stromes
die Gasblaſen ſich zeigten, alle Buchſtaben und alle Ziffern von hier
nach dort telegraphieren. Aber die Herſtellung einer genügend ſtarken
35 fachen Leitung auf größere Entfernungen hin war bitter teuer.
Daher unterblieb die praktiſche Einführung derſelben. Erſt die Ent-
deckung Örſteds, daß eine Magneten-Nadel in der Nähe des Schließungs-
drahtes einer Batterie, je nach der Stromrichtung nach der einen oder
andern Seite abgelenkt werde, ſchien für die neue Verwendung der

16*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0261" n="243"/><fw place="top" type="header">Die Vorge&#x017F;chichte der Telegraphen.</fw><lb/>
Kenntnis gelangen ließen, obgleich eine Entfernung von 520 Kilo-<lb/>
metern zurückzulegen war. Das Verdien&#x017F;t, die&#x017F;es Signalwe&#x017F;en &#x017F;o<lb/>
umge&#x017F;taltet zu haben, daß eine &#x017F;chnelle Gedankenvermittelung auf<lb/>
weite Entfernungen möglich ward, gebührt aber dem franzö&#x017F;i&#x017F;chen<lb/>
Edelmanne Claude Chappe. Auf Veranla&#x017F;&#x017F;ung des Wohlfahrtsaus-<lb/>
&#x017F;chu&#x017F;&#x017F;es wurde 1794 die er&#x017F;te opti&#x017F;che Telegraphenlinie vom Pari&#x017F;er<lb/>
Louvre nach Lille eingerichtet. Drei Balken waren an einem weithin<lb/>
&#x017F;ichtbaren Orte an einem Ge&#x017F;telle &#x017F;o angebracht, daß durch Verbindung<lb/>
ihrer Stellungen es möglich war, eine große Zahl von Zeichen zu<lb/>
geben. Zwanzig &#x017F;olcher Ge&#x017F;telle auf der genannten Strecke vermittelten<lb/>
der Haupt&#x017F;tadt die Nachricht von der Übergabe von Cond<hi rendition="#aq">é</hi> an die<lb/>
Franzo&#x017F;en innerhalb 20 Minuten. Durch &#x017F;olche bisher kaum geahnte<lb/>
Ge&#x017F;chwindigkeiten war die Republik ihren Gegnern immer einen Schritt<lb/>
voraus. 1795 wurde das opti&#x017F;che Netz ausgedehnt; aber er&#x017F;t 1832<lb/>
ward es in Preußen eingeführt, wo Berlin und Koblenz durch<lb/>
70 Stationen mit einander verbunden wurden. Ohne die vielfachen<lb/>
Mittel, durch welche die opti&#x017F;che Zeichengebung verbe&#x017F;&#x017F;ert ward, hier<lb/>
zu erwähnen, wollen wir nur darauf hinwei&#x017F;en, daß er eine weit-<lb/>
gehende Anwendung im Signaldien&#x017F;te der Ei&#x017F;enbahnen erfahren hat.</p><lb/>
              <p>Die unvergleichliche Schnelligkeit, mit welcher elektri&#x017F;che Ladungen<lb/>
&#x017F;ich in einem Drahte verbreiteten, ließ von die&#x017F;er Seite einen gün&#x017F;tigeren<lb/>
Erfolg erhoffen. Der Schotte Stephan Gray hatte 1742 einen 220 Meter<lb/>
langen Kupferdraht an Seidenfäden aufgehängt, durch den die Reibungs-<lb/>
elektrizität in ra&#x017F;ender Eile &#x017F;ich verbreitete. Winkler in Leipzig und<lb/>
Franklin in Philadelphia wiederholten die&#x017F;e Ver&#x017F;uche und der er&#x017F;tere<lb/>
zeigte, daß &#x017F;elb&#x017F;t Flü&#x017F;&#x017F;e, wie die Pleiße, eine elektri&#x017F;che Ladung eine<lb/>
Strecke hindurch fortleiten könnten. Bei den geringen Mengen von<lb/>
Elektrizität, welche wir durch die Reibung erhalten können, war es<lb/>
nur natürlich, daß ihre Fortleitung auf große Entfernungen, für welche<lb/>
eine Reform des Nachrichtenwe&#x017F;ens nötig &#x017F;chien, unmöglich war; &#x017F;ie ging<lb/>
aus dem Drahte in die umgebende Luft. Die Erfolge der galvani&#x017F;chen<lb/>
Elektrizität nährten von neuem die Hoffnungen, welche die Erfinder auf<lb/>
die Zuverlä&#x017F;&#x017F;igkeit die&#x017F;es Boten aufbauten. Die er&#x017F;ten chemi&#x017F;chen<lb/>
Wirkungen &#x017F;chon zeitigten 1809 Sömmerings chemi&#x017F;chen Telegraphen.<lb/>
35 Drähte waren von einer an der Aufgabe&#x017F;tation befindlichen Batterie<lb/>
zu eben&#x017F;ovielen Zer&#x017F;etzungszellen mit verdünnter Schwefel&#x017F;äure an der<lb/>
Empfangs&#x017F;tation geleitet. So konnte man, je nachdem man die&#x017F;en oder<lb/>
jenen Draht benutzte und beobachtete, wo beim Schließen des Stromes<lb/>
die Gasbla&#x017F;en &#x017F;ich zeigten, alle Buch&#x017F;taben und alle Ziffern von hier<lb/>
nach dort telegraphieren. Aber die Her&#x017F;tellung einer genügend &#x017F;tarken<lb/>
35 fachen Leitung auf größere Entfernungen hin war bitter teuer.<lb/>
Daher unterblieb die prakti&#x017F;che Einführung der&#x017F;elben. Er&#x017F;t die Ent-<lb/>
deckung Ör&#x017F;teds, daß eine Magneten-Nadel in der Nähe des Schließungs-<lb/>
drahtes einer Batterie, je nach der Stromrichtung nach der einen oder<lb/>
andern Seite abgelenkt werde, &#x017F;chien für die neue Verwendung der<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">16*</fw><lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[243/0261] Die Vorgeſchichte der Telegraphen. Kenntnis gelangen ließen, obgleich eine Entfernung von 520 Kilo- metern zurückzulegen war. Das Verdienſt, dieſes Signalweſen ſo umgeſtaltet zu haben, daß eine ſchnelle Gedankenvermittelung auf weite Entfernungen möglich ward, gebührt aber dem franzöſiſchen Edelmanne Claude Chappe. Auf Veranlaſſung des Wohlfahrtsaus- ſchuſſes wurde 1794 die erſte optiſche Telegraphenlinie vom Pariſer Louvre nach Lille eingerichtet. Drei Balken waren an einem weithin ſichtbaren Orte an einem Geſtelle ſo angebracht, daß durch Verbindung ihrer Stellungen es möglich war, eine große Zahl von Zeichen zu geben. Zwanzig ſolcher Geſtelle auf der genannten Strecke vermittelten der Hauptſtadt die Nachricht von der Übergabe von Condé an die Franzoſen innerhalb 20 Minuten. Durch ſolche bisher kaum geahnte Geſchwindigkeiten war die Republik ihren Gegnern immer einen Schritt voraus. 1795 wurde das optiſche Netz ausgedehnt; aber erſt 1832 ward es in Preußen eingeführt, wo Berlin und Koblenz durch 70 Stationen mit einander verbunden wurden. Ohne die vielfachen Mittel, durch welche die optiſche Zeichengebung verbeſſert ward, hier zu erwähnen, wollen wir nur darauf hinweiſen, daß er eine weit- gehende Anwendung im Signaldienſte der Eiſenbahnen erfahren hat. Die unvergleichliche Schnelligkeit, mit welcher elektriſche Ladungen ſich in einem Drahte verbreiteten, ließ von dieſer Seite einen günſtigeren Erfolg erhoffen. Der Schotte Stephan Gray hatte 1742 einen 220 Meter langen Kupferdraht an Seidenfäden aufgehängt, durch den die Reibungs- elektrizität in raſender Eile ſich verbreitete. Winkler in Leipzig und Franklin in Philadelphia wiederholten dieſe Verſuche und der erſtere zeigte, daß ſelbſt Flüſſe, wie die Pleiße, eine elektriſche Ladung eine Strecke hindurch fortleiten könnten. Bei den geringen Mengen von Elektrizität, welche wir durch die Reibung erhalten können, war es nur natürlich, daß ihre Fortleitung auf große Entfernungen, für welche eine Reform des Nachrichtenweſens nötig ſchien, unmöglich war; ſie ging aus dem Drahte in die umgebende Luft. Die Erfolge der galvaniſchen Elektrizität nährten von neuem die Hoffnungen, welche die Erfinder auf die Zuverläſſigkeit dieſes Boten aufbauten. Die erſten chemiſchen Wirkungen ſchon zeitigten 1809 Sömmerings chemiſchen Telegraphen. 35 Drähte waren von einer an der Aufgabeſtation befindlichen Batterie zu ebenſovielen Zerſetzungszellen mit verdünnter Schwefelſäure an der Empfangsſtation geleitet. So konnte man, je nachdem man dieſen oder jenen Draht benutzte und beobachtete, wo beim Schließen des Stromes die Gasblaſen ſich zeigten, alle Buchſtaben und alle Ziffern von hier nach dort telegraphieren. Aber die Herſtellung einer genügend ſtarken 35 fachen Leitung auf größere Entfernungen hin war bitter teuer. Daher unterblieb die praktiſche Einführung derſelben. Erſt die Ent- deckung Örſteds, daß eine Magneten-Nadel in der Nähe des Schließungs- drahtes einer Batterie, je nach der Stromrichtung nach der einen oder andern Seite abgelenkt werde, ſchien für die neue Verwendung der 16*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896/261
Zitationshilfe: Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896, S. 243. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896/261>, abgerufen am 09.08.2022.