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Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896.

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Der Kaffee.
Der Kaffee.

Die Aufgußgetränke und besonders der unter diesen die erste Stelle
einnehmende Kaffee bieten die Vorteile der Wirkung der alkoholischen
Getränke, ohne -- bis zu einer gewissen Grenze -- die Nachteile der-
selben zu haben. Wenngleich auch sie, im Übermaße genossen, sehr
schädlich wirken können, so ist doch ein Übermaß hierin nicht sobald
erreicht und tritt im Verhältnis zu dem Übernehmen mit alkoholischen
Getränken auch nur äußerst selten ein. Die sich neuerdings bemerkbar
machende Bestrebung, Kaffeehäuser für die arbeitende Bevölkerung
einzurichten, ist daher sehr anzuerkennen, und zweifellos eine sehr wert-
volle Waffe im Kampfe gegen den Schnaps.

Die physiologische Wirkung des Kaffees besteht darin, das Gehirn
und das gesamte Nervensystem wohlthätig zu beeinflussen, wie auch
durch erhöhte Thätigkeit des Herzens den Kreislauf des Blutes und
dadurch den gesamten Stoffwechsel zu befördern. Im Übermaß ge-
nossen, veranlaßt der Kaffee nicht nur Schlaflosigkeit, sondern auch
mitunter eine Aufgeregtheit, in welcher uns die wirrsten Bilder und
Gedanken peinigen, schließlich eine so überaus verstärkte Herzthätig-
keit, daß ein stürmischer Kreislauf des Blutes und viele damit ver-
bundene, sehr störende Erscheinungen auftreten.

Die Kaffeebohne ist die Frucht des hauptsächlich in den Tropen
wachsenden Kaffeestrauches zu der Familie der Coffeaceae gehörig,
und Fig. 304 stellt den Zweig der Coffea arabica dar. Die Bohne
besteht ihrer chemischen Zusammensetzung nach
aus Pflanzenzellstoff oder Cellulose, welche
hier aber viel hornartiger auftritt, als bei
den meisten übrigen Pflanzen, ferner aus
Kaffeegerbsäure, Eiweißstoffen und einem
ätherischen Öl, das sich zwar erst während
des Brennens des Kaffees bildet, welches
aber das Aroma desselben bedingt und sehr
wichtig für seine Wertbestimmung ist. Der
wichtigste Bestandteil des Kaffees aber ist
das bereits vorher genannte Kaffein. Dieses
an und für sich so giftige Alkaloid enthält
er zwar nur in überaus geringer Menge,
verdankt ihm aber die vorher genannten, so
wertvollen physiologischen Wirkungen. So-
weit unsere Forschungen zurückreichen, stammt
der allgemeine Gebrauch des Kaffees aus
Persien und kam erst im 17 ten Jahrhundert
nach Europa, und zwar über England nach
Frankreich. Die verschiedenen Kaffeearten
unterscheiden sich besonders durch Größe und

[Abbildung] Fig. 304.

Zweig des Kaffeestrauches.

Der Kaffee.
Der Kaffee.

Die Aufgußgetränke und beſonders der unter dieſen die erſte Stelle
einnehmende Kaffee bieten die Vorteile der Wirkung der alkoholiſchen
Getränke, ohne — bis zu einer gewiſſen Grenze — die Nachteile der-
ſelben zu haben. Wenngleich auch ſie, im Übermaße genoſſen, ſehr
ſchädlich wirken können, ſo iſt doch ein Übermaß hierin nicht ſobald
erreicht und tritt im Verhältnis zu dem Übernehmen mit alkoholiſchen
Getränken auch nur äußerſt ſelten ein. Die ſich neuerdings bemerkbar
machende Beſtrebung, Kaffeehäuſer für die arbeitende Bevölkerung
einzurichten, iſt daher ſehr anzuerkennen, und zweifellos eine ſehr wert-
volle Waffe im Kampfe gegen den Schnaps.

Die phyſiologiſche Wirkung des Kaffees beſteht darin, das Gehirn
und das geſamte Nervenſyſtem wohlthätig zu beeinfluſſen, wie auch
durch erhöhte Thätigkeit des Herzens den Kreislauf des Blutes und
dadurch den geſamten Stoffwechſel zu befördern. Im Übermaß ge-
noſſen, veranlaßt der Kaffee nicht nur Schlafloſigkeit, ſondern auch
mitunter eine Aufgeregtheit, in welcher uns die wirrſten Bilder und
Gedanken peinigen, ſchließlich eine ſo überaus verſtärkte Herzthätig-
keit, daß ein ſtürmiſcher Kreislauf des Blutes und viele damit ver-
bundene, ſehr ſtörende Erſcheinungen auftreten.

Die Kaffeebohne iſt die Frucht des hauptſächlich in den Tropen
wachſenden Kaffeeſtrauches zu der Familie der Coffeaceae gehörig,
und Fig. 304 ſtellt den Zweig der Coffea arabica dar. Die Bohne
beſteht ihrer chemiſchen Zuſammenſetzung nach
aus Pflanzenzellſtoff oder Celluloſe, welche
hier aber viel hornartiger auftritt, als bei
den meiſten übrigen Pflanzen, ferner aus
Kaffeegerbſäure, Eiweißſtoffen und einem
ätheriſchen Öl, das ſich zwar erſt während
des Brennens des Kaffees bildet, welches
aber das Aroma desſelben bedingt und ſehr
wichtig für ſeine Wertbeſtimmung iſt. Der
wichtigſte Beſtandteil des Kaffees aber iſt
das bereits vorher genannte Kaffeïn. Dieſes
an und für ſich ſo giftige Alkaloïd enthält
er zwar nur in überaus geringer Menge,
verdankt ihm aber die vorher genannten, ſo
wertvollen phyſiologiſchen Wirkungen. So-
weit unſere Forſchungen zurückreichen, ſtammt
der allgemeine Gebrauch des Kaffees aus
Perſien und kam erſt im 17 ten Jahrhundert
nach Europa, und zwar über England nach
Frankreich. Die verſchiedenen Kaffeearten
unterſcheiden ſich beſonders durch Größe und

[Abbildung] Fig. 304.

Zweig des Kaffeeſtrauches.

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[523/0541] Der Kaffee. Der Kaffee. Die Aufgußgetränke und beſonders der unter dieſen die erſte Stelle einnehmende Kaffee bieten die Vorteile der Wirkung der alkoholiſchen Getränke, ohne — bis zu einer gewiſſen Grenze — die Nachteile der- ſelben zu haben. Wenngleich auch ſie, im Übermaße genoſſen, ſehr ſchädlich wirken können, ſo iſt doch ein Übermaß hierin nicht ſobald erreicht und tritt im Verhältnis zu dem Übernehmen mit alkoholiſchen Getränken auch nur äußerſt ſelten ein. Die ſich neuerdings bemerkbar machende Beſtrebung, Kaffeehäuſer für die arbeitende Bevölkerung einzurichten, iſt daher ſehr anzuerkennen, und zweifellos eine ſehr wert- volle Waffe im Kampfe gegen den Schnaps. Die phyſiologiſche Wirkung des Kaffees beſteht darin, das Gehirn und das geſamte Nervenſyſtem wohlthätig zu beeinfluſſen, wie auch durch erhöhte Thätigkeit des Herzens den Kreislauf des Blutes und dadurch den geſamten Stoffwechſel zu befördern. Im Übermaß ge- noſſen, veranlaßt der Kaffee nicht nur Schlafloſigkeit, ſondern auch mitunter eine Aufgeregtheit, in welcher uns die wirrſten Bilder und Gedanken peinigen, ſchließlich eine ſo überaus verſtärkte Herzthätig- keit, daß ein ſtürmiſcher Kreislauf des Blutes und viele damit ver- bundene, ſehr ſtörende Erſcheinungen auftreten. Die Kaffeebohne iſt die Frucht des hauptſächlich in den Tropen wachſenden Kaffeeſtrauches zu der Familie der Coffeaceae gehörig, und Fig. 304 ſtellt den Zweig der Coffea arabica dar. Die Bohne beſteht ihrer chemiſchen Zuſammenſetzung nach aus Pflanzenzellſtoff oder Celluloſe, welche hier aber viel hornartiger auftritt, als bei den meiſten übrigen Pflanzen, ferner aus Kaffeegerbſäure, Eiweißſtoffen und einem ätheriſchen Öl, das ſich zwar erſt während des Brennens des Kaffees bildet, welches aber das Aroma desſelben bedingt und ſehr wichtig für ſeine Wertbeſtimmung iſt. Der wichtigſte Beſtandteil des Kaffees aber iſt das bereits vorher genannte Kaffeïn. Dieſes an und für ſich ſo giftige Alkaloïd enthält er zwar nur in überaus geringer Menge, verdankt ihm aber die vorher genannten, ſo wertvollen phyſiologiſchen Wirkungen. So- weit unſere Forſchungen zurückreichen, ſtammt der allgemeine Gebrauch des Kaffees aus Perſien und kam erſt im 17 ten Jahrhundert nach Europa, und zwar über England nach Frankreich. Die verſchiedenen Kaffeearten unterſcheiden ſich beſonders durch Größe und [Abbildung Fig. 304. Zweig des Kaffeeſtrauches.]

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Zitationshilfe: Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896, S. 523. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896/541>, abgerufen am 18.05.2022.