Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896.

Bild:
<< vorherige Seite

Das Spiegelglas.
Ende der Tafel hingeführt wird und den überschüssigen Fluß vor sich
her schiebt. Ein mit Lappen umwickelter Wischer H wird vor dem Glase
hergeführt, um alles Unreine auf der Tafel zu beseitigen. Der Über-
schuß gleitet über das Ende der Tafel und fällt in Wasser; es bildet
sich infolge dessen an diesem Ende eine Wulst, welche kurz vor dem
Erstarren aufgebogen wird. Mehrere Arbeiter stemmen einen Rechen
dagegen und schieben die erstarrte Platte über die Gießtafel fort in
den Kühlofen, in welchem sie 1 bis 2 Wochen verbleibt. Ihre untere
Fläche ist ganz glatt, die obere stets etwas rauh und höckerig.

Die aus dem Kühlofen herausgezogenen Platten werden genau
untersucht, um fehlerhafte Stellen herauszufinden und mit deren Be-
rücksichtigung die Platten auf das vorteilhafteste zu teilen, so nämlich,
daß diese Stellen an den Rand kommen. Dann beginnt das Schleifen,
zu welcher Operation immer zwei Tafeln gehören, eine größere und
eine bedeutend kleinere. Die große wird mit Gips in die Schleifbank,
einen großen festen Tisch, eingekittet; die kleine befestigt man in der-
selben Weise in dem Boden des Obersteins, eines mit Gewichten stark
beschwerten Kastens, so daß die beiden Tafeln sich ihre entgegengesetzt
beschaffenen Flächen, d. h. eine glatte und eine rauhe zukehren. Nun
wirft man groben Sand auf die untere Tafel, fügt Wasser hinzu und
bewegt den Oberstein hin und her ziehend und zugleich um seine senk-
rechte Achse drehend über die ganze Fläche der Schleifbank; die Be-
wegung kann mit der Hand oder auch durch besondere Maschinen aus-
geführt werden. Ist allmählich der Sand fein geworden, so nimmt
man weniger groben Sand -- man hat bis zu sieben Nummern --
bis damit das "Rauhschleifen" beendet ist. Dies ist der Fall, wenn die
Fläche der unteren Tafel sich beim Prüfen mit einer Setzwage als
vollkommen eben zeigt. Nun folgt in ganz derselben Weise das "Klar-
schleifen" mit immer feiner werdenden Nummern von Smirgel; hierdurch
wird die Platte glatt, erscheint aber noch blind und halbdurchsichtig.
Diese Eigenschaft wird endlich durch das Polieren beseitigt. Man be-
nutzt dazu reines geschlämmtes Eisenoxyd, sogenanntes Polierrot, welches
mit einem hölzernen, mit Wolle bewickelten und mit Gewichten be-
schwerten Brette aufgerieben wird. Jede der beschriebenen Operationen
wird nach einander zuerst an der einen, dann an der anderen Seite
der Spiegelplatte vorgenommen; es kommt daher wesentlich darauf an,
daß die Platte beim jedesmaligen Umkehren wieder genau horizontal
in die Schleifbank eingekittet wird, da sonst die beiden Flächen nicht
parallel ausfallen können. Bei dem Schleifen verliert eine Platte, in-
folge der Rauhigkeit ihrer Flächen, besonders der gewalzten, oberen,
fast die Hälfte ihrer ganzen Masse. Die polierten Tafeln zeigen nun
erst alle Fehler, so daß in einer zweiten Prüfung eine neue Auswahl
stattfinden muß. Die so gewonnenen Platten werden dann belegt.

Auf einem ganz glatten Tisch breitet man Stanniol (Zinnfolie)
von der Größe der zu belegenden Tafel aus, streicht es vollkommen

Das Spiegelglas.
Ende der Tafel hingeführt wird und den überſchüſſigen Fluß vor ſich
her ſchiebt. Ein mit Lappen umwickelter Wiſcher H wird vor dem Glaſe
hergeführt, um alles Unreine auf der Tafel zu beſeitigen. Der Über-
ſchuß gleitet über das Ende der Tafel und fällt in Waſſer; es bildet
ſich infolge deſſen an dieſem Ende eine Wulſt, welche kurz vor dem
Erſtarren aufgebogen wird. Mehrere Arbeiter ſtemmen einen Rechen
dagegen und ſchieben die erſtarrte Platte über die Gießtafel fort in
den Kühlofen, in welchem ſie 1 bis 2 Wochen verbleibt. Ihre untere
Fläche iſt ganz glatt, die obere ſtets etwas rauh und höckerig.

Die aus dem Kühlofen herausgezogenen Platten werden genau
unterſucht, um fehlerhafte Stellen herauszufinden und mit deren Be-
rückſichtigung die Platten auf das vorteilhafteſte zu teilen, ſo nämlich,
daß dieſe Stellen an den Rand kommen. Dann beginnt das Schleifen,
zu welcher Operation immer zwei Tafeln gehören, eine größere und
eine bedeutend kleinere. Die große wird mit Gips in die Schleifbank,
einen großen feſten Tiſch, eingekittet; die kleine befeſtigt man in der-
ſelben Weiſe in dem Boden des Oberſteins, eines mit Gewichten ſtark
beſchwerten Kaſtens, ſo daß die beiden Tafeln ſich ihre entgegengeſetzt
beſchaffenen Flächen, d. h. eine glatte und eine rauhe zukehren. Nun
wirft man groben Sand auf die untere Tafel, fügt Waſſer hinzu und
bewegt den Oberſtein hin und her ziehend und zugleich um ſeine ſenk-
rechte Achſe drehend über die ganze Fläche der Schleifbank; die Be-
wegung kann mit der Hand oder auch durch beſondere Maſchinen aus-
geführt werden. Iſt allmählich der Sand fein geworden, ſo nimmt
man weniger groben Sand — man hat bis zu ſieben Nummern —
bis damit das „Rauhſchleifen“ beendet iſt. Dies iſt der Fall, wenn die
Fläche der unteren Tafel ſich beim Prüfen mit einer Setzwage als
vollkommen eben zeigt. Nun folgt in ganz derſelben Weiſe das „Klar-
ſchleifen“ mit immer feiner werdenden Nummern von Smirgel; hierdurch
wird die Platte glatt, erſcheint aber noch blind und halbdurchſichtig.
Dieſe Eigenſchaft wird endlich durch das Polieren beſeitigt. Man be-
nutzt dazu reines geſchlämmtes Eiſenoxyd, ſogenanntes Polierrot, welches
mit einem hölzernen, mit Wolle bewickelten und mit Gewichten be-
ſchwerten Brette aufgerieben wird. Jede der beſchriebenen Operationen
wird nach einander zuerſt an der einen, dann an der anderen Seite
der Spiegelplatte vorgenommen; es kommt daher weſentlich darauf an,
daß die Platte beim jedesmaligen Umkehren wieder genau horizontal
in die Schleifbank eingekittet wird, da ſonſt die beiden Flächen nicht
parallel ausfallen können. Bei dem Schleifen verliert eine Platte, in-
folge der Rauhigkeit ihrer Flächen, beſonders der gewalzten, oberen,
faſt die Hälfte ihrer ganzen Maſſe. Die polierten Tafeln zeigen nun
erſt alle Fehler, ſo daß in einer zweiten Prüfung eine neue Auswahl
ſtattfinden muß. Die ſo gewonnenen Platten werden dann belegt.

Auf einem ganz glatten Tiſch breitet man Stanniol (Zinnfolie)
von der Größe der zu belegenden Tafel aus, ſtreicht es vollkommen

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0881" n="863"/><fw place="top" type="header">Das Spiegelglas.</fw><lb/>
Ende der Tafel hingeführt wird und den über&#x017F;chü&#x017F;&#x017F;igen Fluß vor &#x017F;ich<lb/>
her &#x017F;chiebt. Ein mit Lappen umwickelter Wi&#x017F;cher <hi rendition="#aq">H</hi> wird vor dem Gla&#x017F;e<lb/>
hergeführt, um alles Unreine auf der Tafel zu be&#x017F;eitigen. Der Über-<lb/>
&#x017F;chuß gleitet über das Ende der Tafel und fällt in Wa&#x017F;&#x017F;er; es bildet<lb/>
&#x017F;ich infolge de&#x017F;&#x017F;en an die&#x017F;em Ende eine Wul&#x017F;t, welche kurz vor dem<lb/>
Er&#x017F;tarren aufgebogen wird. Mehrere Arbeiter &#x017F;temmen einen Rechen<lb/>
dagegen und &#x017F;chieben die er&#x017F;tarrte Platte über die Gießtafel fort in<lb/>
den Kühlofen, in welchem &#x017F;ie 1 bis 2 Wochen verbleibt. Ihre untere<lb/>
Fläche i&#x017F;t ganz glatt, die obere &#x017F;tets etwas rauh und höckerig.</p><lb/>
            <p>Die aus dem Kühlofen herausgezogenen Platten werden genau<lb/>
unter&#x017F;ucht, um fehlerhafte Stellen herauszufinden und mit deren Be-<lb/>
rück&#x017F;ichtigung die Platten auf das vorteilhafte&#x017F;te zu teilen, &#x017F;o nämlich,<lb/>
daß die&#x017F;e Stellen an den Rand kommen. Dann beginnt das Schleifen,<lb/>
zu welcher Operation immer zwei Tafeln gehören, eine größere und<lb/>
eine bedeutend kleinere. Die große wird mit Gips in die Schleifbank,<lb/>
einen großen fe&#x017F;ten Ti&#x017F;ch, eingekittet; die kleine befe&#x017F;tigt man in der-<lb/>
&#x017F;elben Wei&#x017F;e in dem Boden des Ober&#x017F;teins, eines mit Gewichten &#x017F;tark<lb/>
be&#x017F;chwerten Ka&#x017F;tens, &#x017F;o daß die beiden Tafeln &#x017F;ich ihre entgegenge&#x017F;etzt<lb/>
be&#x017F;chaffenen Flächen, d. h. eine glatte und eine rauhe zukehren. Nun<lb/>
wirft man groben Sand auf die untere Tafel, fügt Wa&#x017F;&#x017F;er hinzu und<lb/>
bewegt den Ober&#x017F;tein hin und her ziehend und zugleich um &#x017F;eine &#x017F;enk-<lb/>
rechte Ach&#x017F;e drehend über die ganze Fläche der Schleifbank; die Be-<lb/>
wegung kann mit der Hand oder auch durch be&#x017F;ondere Ma&#x017F;chinen aus-<lb/>
geführt werden. I&#x017F;t allmählich der Sand fein geworden, &#x017F;o nimmt<lb/>
man weniger groben Sand &#x2014; man hat bis zu &#x017F;ieben Nummern &#x2014;<lb/>
bis damit das &#x201E;Rauh&#x017F;chleifen&#x201C; beendet i&#x017F;t. Dies i&#x017F;t der Fall, wenn die<lb/>
Fläche der unteren Tafel &#x017F;ich beim Prüfen mit einer Setzwage als<lb/>
vollkommen eben zeigt. Nun folgt in ganz der&#x017F;elben Wei&#x017F;e das &#x201E;Klar-<lb/>
&#x017F;chleifen&#x201C; mit immer feiner werdenden Nummern von Smirgel; hierdurch<lb/>
wird die Platte glatt, er&#x017F;cheint aber noch blind und halbdurch&#x017F;ichtig.<lb/>
Die&#x017F;e Eigen&#x017F;chaft wird endlich durch das Polieren be&#x017F;eitigt. Man be-<lb/>
nutzt dazu reines ge&#x017F;chlämmtes Ei&#x017F;enoxyd, &#x017F;ogenanntes Polierrot, welches<lb/>
mit einem hölzernen, mit Wolle bewickelten und mit Gewichten be-<lb/>
&#x017F;chwerten Brette aufgerieben wird. Jede der be&#x017F;chriebenen Operationen<lb/>
wird nach einander zuer&#x017F;t an der einen, dann an der anderen Seite<lb/>
der Spiegelplatte vorgenommen; es kommt daher we&#x017F;entlich darauf an,<lb/>
daß die Platte beim jedesmaligen Umkehren wieder genau horizontal<lb/>
in die Schleifbank eingekittet wird, da &#x017F;on&#x017F;t die beiden Flächen nicht<lb/>
parallel ausfallen können. Bei dem Schleifen verliert eine Platte, in-<lb/>
folge der Rauhigkeit ihrer Flächen, be&#x017F;onders der gewalzten, oberen,<lb/>
fa&#x017F;t die Hälfte ihrer ganzen Ma&#x017F;&#x017F;e. Die polierten Tafeln zeigen nun<lb/>
er&#x017F;t alle Fehler, &#x017F;o daß in einer zweiten Prüfung eine neue Auswahl<lb/>
&#x017F;tattfinden muß. Die &#x017F;o gewonnenen Platten werden dann belegt.</p><lb/>
            <p>Auf einem ganz glatten Ti&#x017F;ch breitet man Stanniol (Zinnfolie)<lb/>
von der Größe der zu belegenden Tafel aus, &#x017F;treicht es vollkommen<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[863/0881] Das Spiegelglas. Ende der Tafel hingeführt wird und den überſchüſſigen Fluß vor ſich her ſchiebt. Ein mit Lappen umwickelter Wiſcher H wird vor dem Glaſe hergeführt, um alles Unreine auf der Tafel zu beſeitigen. Der Über- ſchuß gleitet über das Ende der Tafel und fällt in Waſſer; es bildet ſich infolge deſſen an dieſem Ende eine Wulſt, welche kurz vor dem Erſtarren aufgebogen wird. Mehrere Arbeiter ſtemmen einen Rechen dagegen und ſchieben die erſtarrte Platte über die Gießtafel fort in den Kühlofen, in welchem ſie 1 bis 2 Wochen verbleibt. Ihre untere Fläche iſt ganz glatt, die obere ſtets etwas rauh und höckerig. Die aus dem Kühlofen herausgezogenen Platten werden genau unterſucht, um fehlerhafte Stellen herauszufinden und mit deren Be- rückſichtigung die Platten auf das vorteilhafteſte zu teilen, ſo nämlich, daß dieſe Stellen an den Rand kommen. Dann beginnt das Schleifen, zu welcher Operation immer zwei Tafeln gehören, eine größere und eine bedeutend kleinere. Die große wird mit Gips in die Schleifbank, einen großen feſten Tiſch, eingekittet; die kleine befeſtigt man in der- ſelben Weiſe in dem Boden des Oberſteins, eines mit Gewichten ſtark beſchwerten Kaſtens, ſo daß die beiden Tafeln ſich ihre entgegengeſetzt beſchaffenen Flächen, d. h. eine glatte und eine rauhe zukehren. Nun wirft man groben Sand auf die untere Tafel, fügt Waſſer hinzu und bewegt den Oberſtein hin und her ziehend und zugleich um ſeine ſenk- rechte Achſe drehend über die ganze Fläche der Schleifbank; die Be- wegung kann mit der Hand oder auch durch beſondere Maſchinen aus- geführt werden. Iſt allmählich der Sand fein geworden, ſo nimmt man weniger groben Sand — man hat bis zu ſieben Nummern — bis damit das „Rauhſchleifen“ beendet iſt. Dies iſt der Fall, wenn die Fläche der unteren Tafel ſich beim Prüfen mit einer Setzwage als vollkommen eben zeigt. Nun folgt in ganz derſelben Weiſe das „Klar- ſchleifen“ mit immer feiner werdenden Nummern von Smirgel; hierdurch wird die Platte glatt, erſcheint aber noch blind und halbdurchſichtig. Dieſe Eigenſchaft wird endlich durch das Polieren beſeitigt. Man be- nutzt dazu reines geſchlämmtes Eiſenoxyd, ſogenanntes Polierrot, welches mit einem hölzernen, mit Wolle bewickelten und mit Gewichten be- ſchwerten Brette aufgerieben wird. Jede der beſchriebenen Operationen wird nach einander zuerſt an der einen, dann an der anderen Seite der Spiegelplatte vorgenommen; es kommt daher weſentlich darauf an, daß die Platte beim jedesmaligen Umkehren wieder genau horizontal in die Schleifbank eingekittet wird, da ſonſt die beiden Flächen nicht parallel ausfallen können. Bei dem Schleifen verliert eine Platte, in- folge der Rauhigkeit ihrer Flächen, beſonders der gewalzten, oberen, faſt die Hälfte ihrer ganzen Maſſe. Die polierten Tafeln zeigen nun erſt alle Fehler, ſo daß in einer zweiten Prüfung eine neue Auswahl ſtattfinden muß. Die ſo gewonnenen Platten werden dann belegt. Auf einem ganz glatten Tiſch breitet man Stanniol (Zinnfolie) von der Größe der zu belegenden Tafel aus, ſtreicht es vollkommen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896/881
Zitationshilfe: Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896, S. 863. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896/881>, abgerufen am 26.06.2022.