Sandrart, Joachim von: ICONOLOGIA DEORUM. Nürnberg, 1680.[Spaltenumbruch]
Das ist: Titan heisset seine Pferde durch die Ho- ras kuppeln an/ die dann in geschwinder Eile/ was be- fohlen war/ gethan. Vier Horae oder Jahrs-Zeiten. Und sind die Horae nichts anders/ als die Zeiten deß Jahrs: und das ist eben die Ursach/ warumb man vier Horas macht/ gleichwie auch vier Theile deß Jahrs sind/ die von der Sonne also unterschieden und genennet worden: Dann es hat die Sonne bey den Egyptern neben andern auch diesen Namen gehabt/ daß man sie Horus nennete: Dannenhero schreibet Eusebius in Lib. de Praeparat. Evangel. Die Horae, von welchen man saget/ daß sie die vier Jahrs-Zeiten und den Himmel auf und zuschliessen/ werden bisweilen der Sonne/ bisweilen auch der Ceres zugeeignet/ daher tragen sie auch zween Hand-Körbe/ einer ist voll Blumen/ dardurch der Lentz angedeutet wird; der ander voll Feigen/ das den Sommer bedeutet. Ovidius schreibet Lib. I. Fastorum, sie hüten/ benebenst dem Janus/ der Sind Gefertinnen der Flora. Himmels-Pforten. Lib. V. Fastorum machet er sie zu Gefertinnen der Flora/ und führet die Flora also redend ein: Das ist: Pausanias schreibet/ es haben sie die Alten auf Jupiters Haupt samt den Parcen gebildet. Vielleicht wollten sie damit andeuten/ es seye das Fatum nichts anders/ als der Wille Gottes/ von dem auch die Veränderung der Zeiten herkomme. Ihre Gestalt. Philostratus beschreibet sie also: Die Horae, welche in leiblicher Gestalt auf die Erde hernieder kommen sind/ fassen sich einander bey der Hand an/ und drehen das Jahr herumb/ so bringet dann das Erdreich alle Jahr ihre Früchte. Diese aber gehen in gelber Tracht zu oberst auf den Spitzen der Aehren/ nicht zwar dieselbige zu zerbrechen oder zu beugen/ sondern sie sind so leicht/ daß sie auch mit der Saat umbfallen. Sie sind aber gar lieblich anzuschauen/ und von wunderbarer Kunst; sie singen aufs allerlieblichste/ und wann sie die Welt umbdrehen/ so bringet[Spaltenumbruch] solches den Zusehern sonderbare Ergetzlichkeit/ denn sie alle gleichsam hüpffen und springen. Der aufgehabene Arm aber/ und das Haar/ so sie frey herab hangen lassen/ wie auch die von dem Lauffen sehr heisse Wangen/ und umherschiessende Augen machen sie überaus schön und lieblich. Weil nun diese verschaffen/ daß die Erde den ihr anvertrauten Saamen dem Säeman mit grossem Wucher wieder giebt/ nicht anders/ als wann sie sich der empfangenen Wolthaten danckbarlich erinnere/ und dieselben vergelte/ daher ist es kommen/ daß man Vier Gratien. gesagt/ es seyen vier Gratiae, gleichwie auch vier Zeiten deß Jahrs sind/ welche Horae genennet werden: daraus man dann abnehmen kan/ daß jene und diese eines sind. Man dichtete aber/ die Gratiae wären gekrönet/ eine mit Blumen und Früchten der Erden/ die andere mit Aehren und Getraid/ die dritte mit Weintrauben/ Reb-Blättern und Obst/ die letzte mit Oliven und andern dergleichen Sachen/ und trage sie Apollo auf der Warum die Gratien der Venus Geferten. rechten Hand. Sie sind auch der Venus als Gefertinnen zugesellet worden/ dieweil man vor Zeiten dafür hielte/ man müste ihnen alles das jenige zuschreiben/ was zu einem schönen Gesicht und wolgestalten Leib gehöre/ wie Diodorus erzehlet. Ferner müssen sie darauf sehen/ daß die Leute der Wolthaten nicht vergessen/ sondern dieselbige danckbarlich vergelten. Zwo Gratien. Daher haben etliche dafür gehalten/ es seyen nur zwo Gratiae, als die Lacedämonier/ welche/ wie Pausanias in Laconicis erzehlet/ nur zwo verehret/ dieweil sie nur zween Dienste den Menschen leisten; der erste ist/ dem Neben-Menschen Wolthat erweisen/ der ander aber/ die empfangene Wolthaten vergelten. Jedoch schreibet gedachter Pausanias/ daß alle/ so in der Insul Delus den Gratien samt dem Mercurius oder Apollo Ehrenbildnussen Drey Gratien. aufgerichtet/ drey derselben erdichtet haben/ welche alle drey in dem Vorhof deß Schlosses zu Athen gestanden: Dann wir müssen die uns erwiesene Wolthaten nicht nur vergleichen/ sondern auch reichlicher und doppelt Ihre Bedeutung. vergelten. Daher kommt es/ daß uns eine unter ihnen den Rücken wendet/ zwey aber ihr Gesicht herkehren und uns ansehen/ damit anzudeuten/ daß wir in Vergeltung der Wolthat milder seyn/ und noch grössere Freygebigkeit gegen unsere Gutthäter erweisen sollen/ als wann wir einen mit unsern Diensten/ die wir ihm eben nicht leisten müssen/ zu Gegendiensten anreitzen/ und dabey der Vergeltung erwarten wollten; dann dieses wäre vielmehr ein Wucher/ als eine Wolthat zu nennen. Ja es werden uns auch die Gratiae als fröliche und lachende Jungfrauen fürgestellet/ daraus wir sehen sollen/ daß der/ so einem Gutes thut/ keinen Betrug gebrauchen soll/ sondern alles thun mit aufrichtigen einfältigen und frölichen Hertzen. Dahin gehöret auch/ [Spaltenumbruch]
Das ist: Titan heisset seine Pferde durch die Ho- ras kuppeln an/ die dann in geschwinder Eile/ was be- fohlen war/ gethan. Vier Horae oder Jahrs-Zeiten. Und sind die Horae nichts anders/ als die Zeiten deß Jahrs: und das ist eben die Ursach/ warumb man vier Horas macht/ gleichwie auch vier Theile deß Jahrs sind/ die von der Sonne also unterschieden und genennet worden: Dann es hat die Sonne bey den Egyptern neben andern auch diesen Namen gehabt/ daß man sie Horus nennete: Dannenhero schreibet Eusebius in Lib. de Praeparat. Evangel. Die Horae, von welchen man saget/ daß sie die vier Jahrs-Zeiten und den Himmel auf und zuschliessen/ werden bisweilen der Sonne/ bisweilen auch der Ceres zugeeignet/ daher tragen sie auch zween Hand-Körbe/ einer ist voll Blumen/ dardurch der Lentz angedeutet wird; der ander voll Feigen/ das den Sommer bedeutet. Ovidius schreibet Lib. I. Fastorum, sie hüten/ benebenst dem Janus/ der Sind Gefertinnen der Flora. Himmels-Pforten. Lib. V. Fastorum machet er sie zu Gefertinnen der Flora/ und führet die Flora also redend ein: Das ist: Pausanias schreibet/ es haben sie die Alten auf Jupiters Haupt samt den Parcen gebildet. Vielleicht wollten sie damit andeuten/ es seye das Fatum nichts anders/ als der Wille Gottes/ von dem auch die Veränderung der Zeiten herkomme. Ihre Gestalt. Philostratus beschreibet sie also: Die Horae, welche in leiblicher Gestalt auf die Erde hernieder kommen sind/ fassen sich einander bey der Hand an/ und drehen das Jahr herumb/ so bringet dann das Erdreich alle Jahr ihre Früchte. Diese aber gehen in gelber Tracht zu oberst auf den Spitzen der Aehren/ nicht zwar dieselbige zu zerbrechen oder zu beugen/ sondern sie sind so leicht/ daß sie auch mit der Saat umbfallen. Sie sind aber gar lieblich anzuschauen/ und von wunderbarer Kunst; sie singen aufs allerlieblichste/ und wann sie die Welt umbdrehen/ so bringet[Spaltenumbruch] solches den Zusehern sonderbare Ergetzlichkeit/ denn sie alle gleichsam hüpffen und springen. Der aufgehabene Arm aber/ und das Haar/ so sie frey herab hangen lassen/ wie auch die von dem Lauffen sehr heisse Wangen/ und umherschiessende Augen machen sie überaus schön und lieblich. Weil nun diese verschaffen/ daß die Erde den ihr anvertrauten Saamen dem Säeman mit grossem Wucher wieder giebt/ nicht anders/ als wann sie sich der empfangenen Wolthaten danckbarlich erinnere/ und dieselben vergelte/ daher ist es kommen/ daß man Vier Gratien. gesagt/ es seyen vier Gratiae, gleichwie auch vier Zeiten deß Jahrs sind/ welche Horae genennet werden: daraus man dann abnehmen kan/ daß jene und diese eines sind. Man dichtete aber/ die Gratiae wären gekrönet/ eine mit Blumen und Früchten der Erden/ die andere mit Aehren und Getraid/ die dritte mit Weintrauben/ Reb-Blättern und Obst/ die letzte mit Oliven und andern dergleichen Sachen/ und trage sie Apollo auf der Warum die Gratien der Venus Geferten. rechten Hand. Sie sind auch der Venus als Gefertinnen zugesellet worden/ dieweil man vor Zeiten dafür hielte/ man müste ihnen alles das jenige zuschreiben/ was zu einem schönen Gesicht und wolgestalten Leib gehöre/ wie Diodorus erzehlet. Ferner müssen sie darauf sehen/ daß die Leute der Wolthaten nicht vergessen/ sondern dieselbige danckbarlich vergelten. Zwo Gratien. Daher haben etliche dafür gehalten/ es seyen nur zwo Gratiae, als die Lacedämonier/ welche/ wie Pausanias in Laconicis erzehlet/ nur zwo verehret/ dieweil sie nur zween Dienste den Menschen leisten; der erste ist/ dem Neben-Menschen Wolthat erweisen/ der ander aber/ die empfangene Wolthaten vergelten. Jedoch schreibet gedachter Pausanias/ daß alle/ so in der Insul Delus den Gratien samt dem Mercurius oder Apollo Ehrenbildnussen Drey Gratien. aufgerichtet/ drey derselben erdichtet haben/ welche alle drey in dem Vorhof deß Schlosses zu Athen gestanden: Dann wir müssen die uns erwiesene Wolthaten nicht nur vergleichen/ sondern auch reichlicher und doppelt Ihre Bedeutung. vergelten. Daher kommt es/ daß uns eine unter ihnen den Rücken wendet/ zwey aber ihr Gesicht herkehren und uns ansehen/ damit anzudeuten/ daß wir in Vergeltung der Wolthat milder seyn/ und noch grössere Freygebigkeit gegen unsere Gutthäter erweisen sollen/ als wann wir einen mit unsern Diensten/ die wir ihm eben nicht leisten müssen/ zu Gegendiensten anreitzen/ und dabey der Vergeltung erwarten wollten; dann dieses wäre vielmehr ein Wucher/ als eine Wolthat zu nennen. Ja es werden uns auch die Gratiae als fröliche und lachende Jungfrauen fürgestellet/ daraus wir sehen sollen/ daß der/ so einem Gutes thut/ keinen Betrug gebrauchen soll/ sondern alles thun mit aufrichtigen einfältigen und frölichen Hertzen. Dahin gehöret auch/ <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div> <pb facs="#f0290" xml:id="pb-1560" n="TA 1680, Iconologia Deorum, S. 192"/> <cb/> <p>Das ist:</p> <lg> <l><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-4571">Titan</persName> heisset seine Pferde durch die <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-3594">Ho-<lb/> ras</persName> kuppeln an/</l><lb/> <l>die dann in geschwinder Eile/ was be-<lb/> fohlen war/ gethan.</l><lb/> </lg> <p><note xml:id="n1560.4" place="right">Vier <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-3594">Horae</persName></hi> oder Jahrs-Zeiten.</note> Und sind die <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-3594">Horae</persName></hi> nichts anders/ als die Zeiten deß Jahrs: und das ist eben die Ursach/ warumb man vier <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-3594">Horas</persName></hi> macht/ gleichwie auch vier Theile deß Jahrs sind/ die von der Sonne also unterschieden und genennet worden: Dann es hat die Sonne bey den Egyptern neben andern auch diesen Namen gehabt/ daß man sie <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-106 http://d-nb.info/gnd/118707205 http://viaf.org/viaf/69724039">Horus</persName> nennete: Dannenhero schreibet <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-477 http://d-nb.info/gnd/118531425 http://viaf.org/viaf/88876431">Eusebius</persName> <hi rendition="#aq">in Lib. de Praeparat. 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Sie sind aber gar lieblich anzuschauen/ und von wunderbarer Kunst; sie singen aufs allerlieblichste/ und wann sie die Welt umbdrehen/ so bringet<cb/> solches den Zusehern sonderbare Ergetzlichkeit/ denn sie alle gleichsam hüpffen und springen. Der aufgehabene Arm aber/ und das Haar/ so sie frey herab hangen lassen/ wie auch die von dem Lauffen sehr heisse Wangen/ und umherschiessende Augen machen sie überaus schön und lieblich. Weil nun diese verschaffen/ daß die Erde den ihr anvertrauten Saamen dem Säeman mit grossem Wucher wieder giebt/ nicht anders/ als wann sie sich der empfangenen Wolthaten danckbarlich erinnere/ und dieselben vergelte/ daher ist es kommen/ daß man <note place="right">Vier <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1052 http://d-nb.info/gnd/11863934X http://viaf.org/viaf/15562925">Gratien</persName>.</note> gesagt/ es seyen vier <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1052 http://d-nb.info/gnd/11863934X http://viaf.org/viaf/15562925">Gratiae</persName>,</hi> gleichwie auch vier Zeiten deß Jahrs sind/ welche <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-3594">Horae</persName></hi> genennet werden: daraus man dann abnehmen kan/ daß jene und diese eines sind.</p> <p>Man dichtete aber/ die <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1052 http://d-nb.info/gnd/11863934X http://viaf.org/viaf/15562925">Gratiae</persName></hi> wären gekrönet/ eine mit Blumen und Früchten der Erden/ die andere mit Aehren und Getraid/ die dritte mit Weintrauben/ Reb-Blättern und Obst/ die letzte mit Oliven und andern dergleichen Sachen/ und trage sie <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-59 http://d-nb.info/gnd/118503642 http://viaf.org/viaf/3261638">Apollo</persName> auf der <note xml:id="n1560.2" place="right">Warum die <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1052 http://d-nb.info/gnd/11863934X http://viaf.org/viaf/15562925">Gratien</persName> der <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-126 http://d-nb.info/gnd/11876800X http://viaf.org/viaf/30332680">Venus</persName> Geferten.</note> rechten Hand. Sie sind auch der <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-126 http://d-nb.info/gnd/11876800X http://viaf.org/viaf/30332680">Venus</persName> als Gefertinnen zugesellet worden/ dieweil man vor Zeiten dafür hielte/ man müste ihnen alles das jenige zuschreiben/ was zu einem schönen Gesicht und wolgestalten Leib gehöre/ wie <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-97 http://d-nb.info/gnd/118679627 http://viaf.org/viaf/10639948">Diodorus</persName> erzehlet. 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Jedoch schreibet gedachter <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-331 http://d-nb.info/gnd/118592246 http://viaf.org/viaf/100176033">Pausanias</persName>/ daß alle/ so in der Insul <placeName ref="http://ta.sandrart.net/-place-1330 http://www.getty.edu/vow/TGNFullDisplay?find=&place=&nation=&subjectid=7011273">Delus</placeName> den <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1052 http://d-nb.info/gnd/11863934X http://viaf.org/viaf/15562925">Gratien</persName> samt dem <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-342 http://d-nb.info/gnd/118641077 http://viaf.org/viaf/102459012">Mercurius</persName> oder <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-59 http://d-nb.info/gnd/118503642 http://viaf.org/viaf/3261638">Apollo</persName> Ehrenbildnussen <note xml:id="n1560.3" place="right">Drey <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1052 http://d-nb.info/gnd/11863934X http://viaf.org/viaf/15562925">Gratien</persName>.</note> aufgerichtet/ drey derselben erdichtet haben/ welche alle drey in dem <placeName ref="http://ta.sandrart.net/-place-2231">Vorhof deß Schlosses zu Athen</placeName> gestanden: Dann wir müssen die uns erwiesene Wolthaten nicht nur vergleichen/ sondern auch reichlicher und doppelt <note place="right">Ihre Bedeutung.</note> vergelten. Daher kommt es/ daß uns eine unter ihnen den Rücken wendet/ zwey aber ihr Gesicht herkehren und uns ansehen/ damit anzudeuten/ daß wir in Vergeltung der Wolthat milder seyn/ und noch grössere Freygebigkeit gegen unsere Gutthäter erweisen sollen/ als wann wir einen mit unsern Diensten/ die wir ihm eben nicht leisten müssen/ zu Gegendiensten anreitzen/ und dabey der Vergeltung erwarten wollten; dann dieses wäre vielmehr ein Wucher/ als eine Wolthat zu nennen.</p> <p>Ja es werden uns auch die <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1052 http://d-nb.info/gnd/11863934X http://viaf.org/viaf/15562925">Gratiae</persName></hi> als fröliche und lachende Jungfrauen fürgestellet/ daraus wir sehen sollen/ daß der/ so einem Gutes thut/ keinen Betrug gebrauchen soll/ sondern alles thun mit aufrichtigen einfältigen und frölichen Hertzen. Dahin gehöret auch/ </p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [TA 1680, Iconologia Deorum, S. 192/0290]
Das ist:
Titan heisset seine Pferde durch die Ho-
ras kuppeln an/
die dann in geschwinder Eile/ was be-
fohlen war/ gethan.
Und sind die Horae nichts anders/ als die Zeiten deß Jahrs: und das ist eben die Ursach/ warumb man vier Horas macht/ gleichwie auch vier Theile deß Jahrs sind/ die von der Sonne also unterschieden und genennet worden: Dann es hat die Sonne bey den Egyptern neben andern auch diesen Namen gehabt/ daß man sie Horus nennete: Dannenhero schreibet Eusebius in Lib. de Praeparat. Evangel. Die Horae, von welchen man saget/ daß sie die vier Jahrs-Zeiten und den Himmel auf und zuschliessen/ werden bisweilen der Sonne/ bisweilen auch der Ceres zugeeignet/ daher tragen sie auch zween Hand-Körbe/ einer ist voll Blumen/ dardurch der Lentz angedeutet wird; der ander voll Feigen/ das den Sommer bedeutet. Ovidius schreibet Lib. I. Fastorum, sie hüten/ benebenst dem Janus/ der Himmels-Pforten. Lib. V. Fastorum machet er sie zu Gefertinnen der Flora/ und führet die Flora also redend ein:
Vier Horae oder Jahrs-Zeiten.
Sind Gefertinnen der Flora. Conveniunt pictis incinctae vesti-
bus Horae,
Inque leves calathos munera no-
stra legunt.
Das ist:
Die Horae kommen an im bunten Klei-
der-Schrein/
und sammlen unsre Gab in leichten
Körben ein.
Pausanias schreibet/ es haben sie die Alten auf Jupiters Haupt samt den Parcen gebildet. Vielleicht wollten sie damit andeuten/ es seye das Fatum nichts anders/ als der Wille Gottes/ von dem auch die Veränderung der Zeiten herkomme.
Philostratus beschreibet sie also: Die Horae, welche in leiblicher Gestalt auf die Erde hernieder kommen sind/ fassen sich einander bey der Hand an/ und drehen das Jahr herumb/ so bringet dann das Erdreich alle Jahr ihre Früchte. Diese aber gehen in gelber Tracht zu oberst auf den Spitzen der Aehren/ nicht zwar dieselbige zu zerbrechen oder zu beugen/ sondern sie sind so leicht/ daß sie auch mit der Saat umbfallen. Sie sind aber gar lieblich anzuschauen/ und von wunderbarer Kunst; sie singen aufs allerlieblichste/ und wann sie die Welt umbdrehen/ so bringet
solches den Zusehern sonderbare Ergetzlichkeit/ denn sie alle gleichsam hüpffen und springen. Der aufgehabene Arm aber/ und das Haar/ so sie frey herab hangen lassen/ wie auch die von dem Lauffen sehr heisse Wangen/ und umherschiessende Augen machen sie überaus schön und lieblich. Weil nun diese verschaffen/ daß die Erde den ihr anvertrauten Saamen dem Säeman mit grossem Wucher wieder giebt/ nicht anders/ als wann sie sich der empfangenen Wolthaten danckbarlich erinnere/ und dieselben vergelte/ daher ist es kommen/ daß man gesagt/ es seyen vier Gratiae, gleichwie auch vier Zeiten deß Jahrs sind/ welche Horae genennet werden: daraus man dann abnehmen kan/ daß jene und diese eines sind.
Ihre Gestalt.
Vier Gratien.Man dichtete aber/ die Gratiae wären gekrönet/ eine mit Blumen und Früchten der Erden/ die andere mit Aehren und Getraid/ die dritte mit Weintrauben/ Reb-Blättern und Obst/ die letzte mit Oliven und andern dergleichen Sachen/ und trage sie Apollo auf der rechten Hand. Sie sind auch der Venus als Gefertinnen zugesellet worden/ dieweil man vor Zeiten dafür hielte/ man müste ihnen alles das jenige zuschreiben/ was zu einem schönen Gesicht und wolgestalten Leib gehöre/ wie Diodorus erzehlet. Ferner müssen sie darauf sehen/ daß die Leute der Wolthaten nicht vergessen/ sondern dieselbige danckbarlich vergelten. Daher haben etliche dafür gehalten/ es seyen nur zwo Gratiae, als die Lacedämonier/ welche/ wie Pausanias in Laconicis erzehlet/ nur zwo verehret/ dieweil sie nur zween Dienste den Menschen leisten; der erste ist/ dem Neben-Menschen Wolthat erweisen/ der ander aber/ die empfangene Wolthaten vergelten. Jedoch schreibet gedachter Pausanias/ daß alle/ so in der Insul Delus den Gratien samt dem Mercurius oder Apollo Ehrenbildnussen aufgerichtet/ drey derselben erdichtet haben/ welche alle drey in dem Vorhof deß Schlosses zu Athen gestanden: Dann wir müssen die uns erwiesene Wolthaten nicht nur vergleichen/ sondern auch reichlicher und doppelt vergelten. Daher kommt es/ daß uns eine unter ihnen den Rücken wendet/ zwey aber ihr Gesicht herkehren und uns ansehen/ damit anzudeuten/ daß wir in Vergeltung der Wolthat milder seyn/ und noch grössere Freygebigkeit gegen unsere Gutthäter erweisen sollen/ als wann wir einen mit unsern Diensten/ die wir ihm eben nicht leisten müssen/ zu Gegendiensten anreitzen/ und dabey der Vergeltung erwarten wollten; dann dieses wäre vielmehr ein Wucher/ als eine Wolthat zu nennen.
Warum die Gratien der Venus Geferten.
Zwo Gratien.
Drey Gratien.
Ihre Bedeutung.Ja es werden uns auch die Gratiae als fröliche und lachende Jungfrauen fürgestellet/ daraus wir sehen sollen/ daß der/ so einem Gutes thut/ keinen Betrug gebrauchen soll/ sondern alles thun mit aufrichtigen einfältigen und frölichen Hertzen. Dahin gehöret auch/
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| Zitationshilfe: | Sandrart, Joachim von: ICONOLOGIA DEORUM. Nürnberg, 1680, S. TA 1680, Iconologia Deorum, S. 192. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sandrart_iconologia_1680/290>, abgerufen am 26.09.2024. |


