Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sandrart, Joachim von: ICONOLOGIA DEORUM. Nürnberg, 1680.

Bild:
<< vorherige Seite

[Spaltenumbruch] Charon wird vor die Zeit genommen. anweiset/ so sagt er/ es werde Charon für die Zeit genommen/ wie auch Servius es verstanden hat. Er ist ein Sohn deß Herebus/ so deß Göttlichen Gemühts geheimen Raht vorbildet Erklärung der Bildnus deß Charons./ von welchem die Zeiten/ und alles andere entsprungen ist. Seine Mutter/ sagt man/ sey die Nacht; dann vor dem Uhrstande der Zeit/ war noch kein Liecht; darum er in Finsternus gezeuget/ und aus der Finsternus geboren worden. Er ist zu den Höllen-Inwohnern gewiesen worden: dann die Himmels-Burger der Zeit nicht wie wir/ die wir den Unteren Theil der Welt-Kugel bewohnen/ benöhtigt sind: daher wir/ wann wir mit ihnen verglichen werden/ in der Hölle zu wohnen scheinen. Die Seelen führet Charon hinüber auf die andere Seiten deß Flusses; dann sobald wir geboren und an das Tages-Liecht kommen/ führet uns die Zeit zum Tode/ und setzet uns über den Fluß Achaeron/ welcher eine Beraubung aller Freude bedeutet; Sintemal wir dieses gebrechliche/ flüchtige oder hinfällige und Elendvolle Leben in lauter Mühseligkeit verschliessen. Eben dieser ist zwar alt und begreist/ iedoch auch starck und bey Kräfften; weil die Zeit durch die Langwierigkeit ihre Kräfften niemals zu verliehren pfleget. Sein Gewand oder Kleid/ wormit er bedeckt/ ist kohlschwartz und beschmutzt; anzudeuten/ daß wir/ so lang wir der Zeit unterwürffig sind/ unsere Gedancken fast nirgend anders hinwenden/ als auf das Irrdische/ so doch/ wanns mit dem ewigen/ dem wir allein nachstreben solten/ verglichen wird/ allzu gering ist. Allein es pfleget die Decke dieses sterblichen Leibes/ wormit wir bekleidet sind/ uns das Vernunfft-Liecht dermassen zu verdunckeln/ daß wir blintzelende in der Eitelkeit umher daumelen/ und den Sinnen und verderbten Affecten/ als obs die besten Gleits-Leute und Führer wären/ getrost nachfolgen. Deßwegen wir uns nicht zu verwundern haben/ daß uns alles Ubel überfället/ so bald wir in diese Hölle gerahten/ das ist/ sobald unsere Gemühter oder Seelen diese sterbliche Leiber anziehen; dann hieher kan gezogen werden/ was Virgilius im VI. Buch Aeneidos von denen in der Höllen-Pforten sitzenden Ubeln dichtet/ wann er saget:

Vestibulum ante ipsum, primisque
in faucibus orci

[Spaltenumbruch] Luctus, & ultrices posuere cubilia
curae:

Pallentesqve habitant Morbi, tristis-
que senectus,

Et metus, & malesvada fames, &
turpis Egestas:

(Terribiles visu formae) Lethumque,
Laborque:

Tum Consanguineus Lethi sopor,
& mala mentis

Gaudia, mortiferumque adverso in
limine Bellum:

Ferreique Eumenidum thalami, &
Discordia demens,

Vipereum crinem vittis innexa
cruentis.

= = = = = = Sobald sie waren
kommen

in Vorhof/ hatten da ihr Lager eingenom-
men/

in Hölen hin und her/ die schwehre Trau-
rigkeit/

der Unmuth/ Sorge/ Gram und nagend
Hertzenleid.

Es hielten sich da auf die bleichen Kranck-
heit-Schaaren/

das Alter und die Furcht: auch da zu fin-
den waren

der Hunger/ welcher offt zum Bösen rei-
zet an/

die Armut/ dero man sich nicht erfreuen
kan/

mit freyer Namens-Zier die schreckliche
Gestalten/

der bittre Tod und Müh/ die grimmigen
Gewalten/

dann auch der süsse Schlaf/ der mit dem
Tod verwandt/

die Wollusts-Uppigkeit/ und eitler Le-
bens-Tand.



Von dem Mercurius. [Spaltenumbruch]

Mercurius PI.M. UNter die von den Alten erdichtete Götter waren die Ampts-Verrichtungen also ausgetheilet/ daß einem iedweden sein eignes durchs Loß zugeeignet wurde. Zween derselben wurden Götter-Botten [Spaltenumbruch] Botten der Götter. genennet/ deren einer Mercurius/ so dem Jupiter diente/ die andere Iris/ so der Juno aufwartete; iedoch ihr nicht allein/ dann man lieset/ daß sie auch dem Jupiter Dienst geleistet habe/ doch nur allein zu der Zeit/ wann er den Menschen Krieg/ Pest/ Hunger und ander grosses Unglück ankünden liesse. Deß

[Spaltenumbruch] Charon wird vor die Zeit genommen. anweiset/ so sagt er/ es werde Charon für die Zeit genommen/ wie auch Servius es verstanden hat. Er ist ein Sohn deß Herebus/ so deß Göttlichen Gemühts geheimen Raht vorbildet Erklärung der Bildnus deß Charons./ von welchem die Zeiten/ und alles andere entsprungen ist. Seine Mutter/ sagt man/ sey die Nacht; dann vor dem Uhrstande der Zeit/ war noch kein Liecht; darum er in Finsternus gezeuget/ und aus der Finsternus geboren worden. Er ist zu den Höllen-Inwohnern gewiesen worden: dann die Himmels-Burger der Zeit nicht wie wir/ die wir den Unteren Theil der Welt-Kugel bewohnen/ benöhtigt sind: daher wir/ wann wir mit ihnen verglichen werden/ in der Hölle zu wohnen scheinen. Die Seelen führet Charon hinüber auf die andere Seiten deß Flusses; dann sobald wir geboren und an das Tages-Liecht kommen/ führet uns die Zeit zum Tode/ und setzet uns über den Fluß Achaeron/ welcher eine Beraubung aller Freude bedeutet; Sintemal wir dieses gebrechliche/ flüchtige oder hinfällige und Elendvolle Leben in lauter Mühseligkeit verschliessen. Eben dieser ist zwar alt und begreist/ iedoch auch starck und bey Kräfften; weil die Zeit durch die Langwierigkeit ihre Kräfften niemals zu verliehren pfleget. Sein Gewand oder Kleid/ wormit er bedeckt/ ist kohlschwartz und beschmutzt; anzudeuten/ daß wir/ so lang wir der Zeit unterwürffig sind/ unsere Gedancken fast nirgend anders hinwenden/ als auf das Irrdische/ so doch/ wanns mit dem ewigen/ dem wir allein nachstreben solten/ verglichen wird/ allzu gering ist. Allein es pfleget die Decke dieses sterblichen Leibes/ wormit wir bekleidet sind/ uns das Vernunfft-Liecht dermassen zu verdunckeln/ daß wir blintzelende in der Eitelkeit umher daumelen/ und den Sinnen und verderbten Affecten/ als obs die besten Gleits-Leute und Führer wären/ getrost nachfolgen. Deßwegen wir uns nicht zu verwundern haben/ daß uns alles Ubel überfället/ so bald wir in diese Hölle gerahten/ das ist/ sobald unsere Gemühter oder Seelen diese sterbliche Leiber anziehen; dann hieher kan gezogen werden/ was Virgilius im VI. Buch Aeneidos von denen in der Höllen-Pforten sitzenden Ubeln dichtet/ wann er saget:

Vestibulum ante ipsum, primisque
in faucibus orci

[Spaltenumbruch] Luctus, & ultrices posuere cubilia
curae:

Pallentesqve habitant Morbi, tristis-
que senectus,

Et metus, & malesvada fames, &
turpis Egestas:

(Terribiles visu formae) Lethumque,
Laborque:

Tum Consanguineus Lethi sopor,
& mala mentis

Gaudia, mortiferumque adverso in
limine Bellum:

Ferreique Eumenidum thalami, &
Discordia demens,

Vipereum crinem vittis innexa
cruentis.

= = = = = = Sobald sie waren
kommen

in Vorhof/ hatten da ihr Lager eingenom-
men/

in Hölen hin und her/ die schwehre Trau-
rigkeit/

der Unmuth/ Sorge/ Gram und nagend
Hertzenleid.

Es hielten sich da auf die bleichen Kranck-
heit-Schaaren/

das Alter und die Furcht: auch da zu fin-
den waren

der Hunger/ welcher offt zum Bösen rei-
zet an/

die Armut/ dero man sich nicht erfreuen
kan/

mit freyer Namens-Zier die schreckliche
Gestalten/

der bittre Tod und Müh/ die grimmigen
Gewalten/

dann auch der süsse Schlaf/ der mit dem
Tod verwandt/

die Wollusts-Uppigkeit/ und eitler Le-
bens-Tand.



Von dem Mercurius. [Spaltenumbruch]

Mercurius PI.M. UNter die von den Alten erdichtete Götter waren die Ampts-Verrichtungen also ausgetheilet/ daß einem iedweden sein eignes durchs Loß zugeeignet wurde. Zween derselben wurden Götter-Botten [Spaltenumbruch] Botten der Götter. genennet/ deren einer Mercurius/ so dem Jupiter diente/ die andere Iris/ so der Juno aufwartete; iedoch ihr nicht allein/ dann man lieset/ daß sie auch dem Jupiter Dienst geleistet habe/ doch nur allein zu der Zeit/ wann er den Menschen Krieg/ Pest/ Hunger und ander grosses Unglück ankünden liesse. Deß

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div xml:id="d1450.1">
          <p xml:id="p1464.4"><pb facs="#f0182" xml:id="pb-1465" n="TA 1680, Iconologia Deorum, S. 110"/><cb/><note xml:id="n1465.2" place="right"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-138 http://d-nb.info/gnd/119009129 http://viaf.org/viaf/47562307">Charon</persName> wird vor die Zeit genommen.</note> anweiset/ so sagt er/ es werde <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-138 http://d-nb.info/gnd/119009129 http://viaf.org/viaf/47562307">Charon</persName> für die Zeit genommen/ wie auch <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1015 http://d-nb.info/gnd/118796313 http://viaf.org/viaf/78772467">Servius</persName> es verstanden hat. Er ist ein Sohn deß <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1862">Herebus</persName>/ so deß Göttlichen Gemühts geheimen Raht vorbildet <note xml:id="n1465.3" place="right">Erklärung der Bildnus deß <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-138 http://d-nb.info/gnd/119009129 http://viaf.org/viaf/47562307">Charons</persName>.</note>/ von welchem die Zeiten/ und alles andere entsprungen ist. Seine Mutter/ sagt man/ sey die <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-3535">Nacht</persName>; dann vor dem Uhrstande der Zeit/ war noch kein Liecht; darum er in Finsternus gezeuget/ und aus der Finsternus geboren worden. Er ist zu den Höllen-Inwohnern gewiesen worden: dann die Himmels-Burger der Zeit nicht wie wir/ die wir den Unteren Theil der Welt-Kugel bewohnen/ benöhtigt sind: daher wir/ wann wir mit ihnen verglichen werden/ in der Hölle zu wohnen scheinen. Die Seelen führet <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-138 http://d-nb.info/gnd/119009129 http://viaf.org/viaf/47562307">Charon</persName> hinüber auf die andere Seiten deß Flusses; dann sobald wir geboren und an das Tages-Liecht kommen/ führet uns die Zeit zum Tode/ und setzet uns über den Fluß <placeName ref="http://ta.sandrart.net/-place-1393">Achaeron</placeName>/ welcher eine Beraubung aller Freude bedeutet; Sintemal wir dieses gebrechliche/ flüchtige oder hinfällige und Elendvolle Leben in lauter Mühseligkeit verschliessen. Eben dieser ist zwar alt und begreist/ iedoch auch starck und bey Kräfften; weil die Zeit durch die Langwierigkeit ihre Kräfften niemals zu verliehren pfleget. Sein Gewand oder Kleid/ wormit er bedeckt/ ist kohlschwartz und beschmutzt; anzudeuten/ daß wir/ so lang wir der Zeit unterwürffig sind/ unsere Gedancken fast nirgend anders hinwenden/ als auf das Irrdische/ so doch/ wanns mit dem ewigen/ dem wir allein nachstreben solten/ verglichen wird/ allzu gering ist. Allein es pfleget die Decke dieses sterblichen Leibes/ wormit wir bekleidet sind/ uns das Vernunfft-Liecht dermassen zu verdunckeln/ daß wir blintzelende in der Eitelkeit umher daumelen/ und den Sinnen und verderbten Affecten/ als obs die besten Gleits-Leute und Führer wären/ getrost nachfolgen. Deßwegen wir uns nicht zu verwundern haben/ daß uns alles Ubel überfället/ so bald wir in diese Hölle gerahten/ das ist/ sobald unsere Gemühter oder Seelen diese sterbliche Leiber anziehen; dann hieher kan gezogen werden/ was <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-410 http://d-nb.info/gnd/118626574 http://viaf.org/viaf/8194433">Virgilius</persName> im <hi rendition="#aq">VI.</hi> Buch <hi rendition="#aq">Aeneidos</hi> von denen in der Höllen-Pforten sitzenden Ubeln dichtet/ wann er saget:</p>
          <lg rendition="#aq" xml:lang="la">
            <l>Vestibulum ante ipsum, <reg>primisque</reg><lb/>
in faucibus orci</l><lb/>
            <cb/>
            <l>Luctus, &amp; ultrices posuere cubilia<lb/>
curae:</l><lb/>
            <l><reg>Pallentesqve</reg> habitant Morbi, <reg>tristis-<lb/>
que</reg> senectus,</l><lb/>
            <l>Et metus, &amp; malesvada fames, &amp;<lb/>
turpis Egestas:</l><lb/>
            <l>(Terribiles visu formae) <reg>Lethumque</reg>,<lb/>
Laborque:</l><lb/>
            <l>Tum Consanguineus Lethi sopor,<lb/>
&amp; mala mentis</l><lb/>
            <l>Gaudia, <reg>mortiferumque</reg> adverso in<lb/>
limine Bellum:</l><lb/>
            <l><reg>Ferreique</reg> Eumenidum thalami, &amp;<lb/>
Discordia demens,</l><lb/>
            <l>Vipereum crinem vittis innexa<lb/>
cruentis.</l><lb/>
          </lg>
          <lg>
            <l>= = = = = = Sobald sie waren<lb/>
kommen</l><lb/>
            <l>in Vorhof/ hatten da ihr Lager eingenom-<lb/>
men/</l><lb/>
            <l>in Hölen hin und her/ die schwehre Trau-<lb/>
rigkeit/</l><lb/>
            <l>der Unmuth/ Sorge/ Gram und nagend<lb/>
Hertzenleid.</l><lb/>
            <l>Es hielten sich da auf die bleichen Kranck-<lb/>
heit-Schaaren/</l><lb/>
            <l>das Alter und die Furcht: auch da zu fin-<lb/>
den waren</l><lb/>
            <l>der Hunger/ welcher offt zum Bösen rei-<lb/>
zet an/</l><lb/>
            <l>die Armut/ dero man sich nicht erfreuen<lb/>
kan/</l><lb/>
            <l>mit freyer Namens-Zier die schreckliche<lb/>
Gestalten/</l><lb/>
            <l>der bittre Tod und Müh/ die grimmigen<lb/>
Gewalten/</l><lb/>
            <l>dann auch der süsse Schlaf/ der mit dem<lb/>
Tod verwandt/</l><lb/>
            <l>die Wollusts-Uppigkeit/ und eitler Le-<lb/>
bens-Tand.</l><lb/>
          </lg>
        </div>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <div xml:id="d1465.1">
          <head>Von dem <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-342 http://d-nb.info/gnd/118641077 http://viaf.org/viaf/102459012">Mercurius</persName>.</head>
          <cb/>
          <p><note place="right"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-342 http://d-nb.info/gnd/118641077 http://viaf.org/viaf/102459012">Mercurius</persName><ref target="#figure-1466.1"><hi rendition="#aq">PI.M.</hi></ref></note><hi rendition="#in">U</hi>Nter die von den Alten erdichtete Götter waren die Ampts-Verrichtungen also ausgetheilet/ daß einem iedweden sein eignes durchs Loß zugeeignet wurde. Zween derselben wurden Götter-Botten
<cb/>
<note xml:id="n1465.1" place="right">Botten der Götter.</note> genennet/ deren einer <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-342 http://d-nb.info/gnd/118641077 http://viaf.org/viaf/102459012">Mercurius</persName>/ so dem <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-99 http://d-nb.info/gnd/118558897 http://viaf.org/viaf/22933410">Jupiter</persName> diente/ die andere <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-3396">Iris</persName>/ so der <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-100 http://d-nb.info/gnd/118800574 http://viaf.org/viaf/47558229">Juno</persName> aufwartete; iedoch ihr nicht allein/ dann man lieset/ daß sie auch dem <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-99 http://d-nb.info/gnd/118558897 http://viaf.org/viaf/22933410">Jupiter</persName> Dienst geleistet habe/ doch nur allein zu der Zeit/ wann er den Menschen Krieg/ Pest/ Hunger und ander grosses Unglück ankünden liesse. Deß
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[TA 1680, Iconologia Deorum, S. 110/0182] anweiset/ so sagt er/ es werde Charon für die Zeit genommen/ wie auch Servius es verstanden hat. Er ist ein Sohn deß Herebus/ so deß Göttlichen Gemühts geheimen Raht vorbildet / von welchem die Zeiten/ und alles andere entsprungen ist. Seine Mutter/ sagt man/ sey die Nacht; dann vor dem Uhrstande der Zeit/ war noch kein Liecht; darum er in Finsternus gezeuget/ und aus der Finsternus geboren worden. Er ist zu den Höllen-Inwohnern gewiesen worden: dann die Himmels-Burger der Zeit nicht wie wir/ die wir den Unteren Theil der Welt-Kugel bewohnen/ benöhtigt sind: daher wir/ wann wir mit ihnen verglichen werden/ in der Hölle zu wohnen scheinen. Die Seelen führet Charon hinüber auf die andere Seiten deß Flusses; dann sobald wir geboren und an das Tages-Liecht kommen/ führet uns die Zeit zum Tode/ und setzet uns über den Fluß Achaeron/ welcher eine Beraubung aller Freude bedeutet; Sintemal wir dieses gebrechliche/ flüchtige oder hinfällige und Elendvolle Leben in lauter Mühseligkeit verschliessen. Eben dieser ist zwar alt und begreist/ iedoch auch starck und bey Kräfften; weil die Zeit durch die Langwierigkeit ihre Kräfften niemals zu verliehren pfleget. Sein Gewand oder Kleid/ wormit er bedeckt/ ist kohlschwartz und beschmutzt; anzudeuten/ daß wir/ so lang wir der Zeit unterwürffig sind/ unsere Gedancken fast nirgend anders hinwenden/ als auf das Irrdische/ so doch/ wanns mit dem ewigen/ dem wir allein nachstreben solten/ verglichen wird/ allzu gering ist. Allein es pfleget die Decke dieses sterblichen Leibes/ wormit wir bekleidet sind/ uns das Vernunfft-Liecht dermassen zu verdunckeln/ daß wir blintzelende in der Eitelkeit umher daumelen/ und den Sinnen und verderbten Affecten/ als obs die besten Gleits-Leute und Führer wären/ getrost nachfolgen. Deßwegen wir uns nicht zu verwundern haben/ daß uns alles Ubel überfället/ so bald wir in diese Hölle gerahten/ das ist/ sobald unsere Gemühter oder Seelen diese sterbliche Leiber anziehen; dann hieher kan gezogen werden/ was Virgilius im VI. Buch Aeneidos von denen in der Höllen-Pforten sitzenden Ubeln dichtet/ wann er saget: Charon wird vor die Zeit genommen. Erklärung der Bildnus deß Charons. Vestibulum ante ipsum, primisque in faucibus orci Luctus, & ultrices posuere cubilia curae: Pallentesqve habitant Morbi, tristis- que senectus, Et metus, & malesvada fames, & turpis Egestas: (Terribiles visu formae) Lethumque, Laborque: Tum Consanguineus Lethi sopor, & mala mentis Gaudia, mortiferumque adverso in limine Bellum: Ferreique Eumenidum thalami, & Discordia demens, Vipereum crinem vittis innexa cruentis. = = = = = = Sobald sie waren kommen in Vorhof/ hatten da ihr Lager eingenom- men/ in Hölen hin und her/ die schwehre Trau- rigkeit/ der Unmuth/ Sorge/ Gram und nagend Hertzenleid. Es hielten sich da auf die bleichen Kranck- heit-Schaaren/ das Alter und die Furcht: auch da zu fin- den waren der Hunger/ welcher offt zum Bösen rei- zet an/ die Armut/ dero man sich nicht erfreuen kan/ mit freyer Namens-Zier die schreckliche Gestalten/ der bittre Tod und Müh/ die grimmigen Gewalten/ dann auch der süsse Schlaf/ der mit dem Tod verwandt/ die Wollusts-Uppigkeit/ und eitler Le- bens-Tand. Von dem Mercurius. UNter die von den Alten erdichtete Götter waren die Ampts-Verrichtungen also ausgetheilet/ daß einem iedweden sein eignes durchs Loß zugeeignet wurde. Zween derselben wurden Götter-Botten genennet/ deren einer Mercurius/ so dem Jupiter diente/ die andere Iris/ so der Juno aufwartete; iedoch ihr nicht allein/ dann man lieset/ daß sie auch dem Jupiter Dienst geleistet habe/ doch nur allein zu der Zeit/ wann er den Menschen Krieg/ Pest/ Hunger und ander grosses Unglück ankünden liesse. Deß Mercurius PI.M. Botten der Götter.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Sandrart.net: Bereitstellung der Texttranskription in XML/TEI. (2014-06-24T13:18:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus sandrart.net entsprechen muss.
Wolfenbütteler Digitale Bibliothek: Bereitstellung der Bilddigitalisate. (2014-06-24T13:18:31Z)
Benjamin Fiechter: Konvertierung nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2014-06-24T13:18:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Der Zeilenfall wurde nicht übernommen.
  • Bei Worttrennungen am Spalten- oder Seitenumbruch, steht das gesamte Wort auf der vorhergehenden Spalte bzw. Seite.
  • Langes s (ſ) wird als rundes s (s) wiedergegeben.
  • Übergeschriebenes „e“ über „a“, „o“ und „u“ wird als „ä“, „ö“, „ü“ transkribiert.
  • Rundes r (ꝛ) wird als normales r (r) wiedergegeben bzw. in der Kombination ꝛc. als et (etc.) aufgelöst.
  • Die Majuskel J im Frakturdruck wird in der Transkription je nach Lautwert als I bzw. J wiedergegeben.
  • Kolumnentitel, Bogensignaturen und Kustoden werden nicht erfasst.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/sandrart_iconologia_1680
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/sandrart_iconologia_1680/182
Zitationshilfe: Sandrart, Joachim von: ICONOLOGIA DEORUM. Nürnberg, 1680, S. TA 1680, Iconologia Deorum, S. 110. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sandrart_iconologia_1680/182>, abgerufen am 06.03.2021.