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Savigny, Friedrich Carl von: System des heutigen Römischen Rechts. Bd. 6. Berlin, 1847.

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§. 289. Inhalt. Verurtheilung des Klägers?

Genau in derselben Weise wird nun auch bei der
oben erwähnten duplex actio die Formel gelautet haben,
denn auch die Theilungsklagen waren bonae fidei (h). Der
Unterschied mag also wohl der gewesen seyn, daß bei der
duplex actio jene Formel allgemein so gefaßt wurde, bei
den Widerklagen aber nur, wenn der Beklagte besonders
um eine so gefaßte Formel bat, da es von seinem freien
Willen abhing, ob er eine Widerklage vorbringen wollte (i).

bono et aequo praestare opor-
tet."
-- Cicero top. C.
17.
Er rühmt hier den Einfluß der
Juristen, die besonders bei den
Klagen ex fide bona, ut inter
bonos, quid aequius melius

Rath geben müssen. "Illi enim
dolum malum, illi fidem bonam,
.. illi quid .. alterum alteri prae-
stare oporteret
.. tradiderunt."--
Cicero de off. III.
17. Er sagt
von den bonae fidei judiciis:
"in his magni esse judicis
statuere (praesertim cum in
plerisque essent judicia con-
traria) quid quemque cuique
praestare oporteret."
Alle diese
Rathschläge und Aussprüche konn-
ten ja nie zur Anwendung kom-
men, wenn nicht Formeln aufge-
stellt waren, die den Judex be-
rechtigten und verpflichteten, über
solche gegenseitige Ansprüche
wirklich zu entscheiden.
(h) § 28 J. de act. (4. 6).
(i) Gajus sagt in L. 18 § 4
comm.
(13. 6), die contraria
commodati actio
sey gewöhnlich
nicht nöthig, weil man den Ge-
genstand derselben als Compen-
sation gegen die directa actio
des Gegners geltend machen könne.
Er fügt aber hinzu, es gebe den-
noch Fälle, worin man jene Klage
nicht entbehren könne; namentlich,
wenn die directa actio wegen
des zufälligen Untergangs der Sache
oder wegen der freiwilligen Rück-
gabe gar nicht angestellt werde.
An die Spitze dieser Fälle der un-
entbehrlichen contraria actio stellt
er folgenden: "Sed fieri potest,
ut amplius esset, quod invicem
aliquem consequi oporteat ...
dicemus, necessariam esse con-
trariam actionem."
Das könnte
man so verstehen, als ob zur Zeit
des Gajus eine Widerklage noch
gar nicht möglich gewesen wäre,
also deswegen eine die Hauptfor-
derung übersteigende Gegenforde-
rung niemals in dem Hauptpro-
zeß hätte verfolgt werden können.
Allein jene Worte erklären sich eben
so gut von einem Fall, worin nur
Anfangs der erste Beklagte die Höhe
§. 289. Inhalt. Verurtheilung des Klägers?

Genau in derſelben Weiſe wird nun auch bei der
oben erwähnten duplex actio die Formel gelautet haben,
denn auch die Theilungsklagen waren bonae fidei (h). Der
Unterſchied mag alſo wohl der geweſen ſeyn, daß bei der
duplex actio jene Formel allgemein ſo gefaßt wurde, bei
den Widerklagen aber nur, wenn der Beklagte beſonders
um eine ſo gefaßte Formel bat, da es von ſeinem freien
Willen abhing, ob er eine Widerklage vorbringen wollte (i).

bono et aequo praestare opor-
tet.“
Cicero top. C.
17.
Er rühmt hier den Einfluß der
Juriſten, die beſonders bei den
Klagen ex fide bona, ut inter
bonos, quid aequius melius

Rath geben müſſen. „Illi enim
dolum malum, illi fidem bonam,
.. illi quid .. alterum alteri prae-
stare oporteret
.. tradiderunt.“—
Cicero de off. III.
17. Er ſagt
von den bonae fidei judiciis:
„in his magni esse judicis
statuere (praesertim cum in
plerisque essent judicia con-
traria) quid quemque cuique
praestare oporteret.“
Alle dieſe
Rathſchläge und Ausſprüche konn-
ten ja nie zur Anwendung kom-
men, wenn nicht Formeln aufge-
ſtellt waren, die den Judex be-
rechtigten und verpflichteten, über
ſolche gegenſeitige Anſprüche
wirklich zu entſcheiden.
(h) § 28 J. de act. (4. 6).
(i) Gajus ſagt in L. 18 § 4
comm.
(13. 6), die contraria
commodati actio
ſey gewöhnlich
nicht nöthig, weil man den Ge-
genſtand derſelben als Compen-
ſation gegen die directa actio
des Gegners geltend machen könne.
Er fügt aber hinzu, es gebe den-
noch Fälle, worin man jene Klage
nicht entbehren könne; namentlich,
wenn die directa actio wegen
des zufälligen Untergangs der Sache
oder wegen der freiwilligen Rück-
gabe gar nicht angeſtellt werde.
An die Spitze dieſer Fälle der un-
entbehrlichen contraria actio ſtellt
er folgenden: „Sed fieri potest,
ut amplius esset, quod invicem
aliquem consequi oporteat …
dicemus, necessariam esse con-
trariam actionem.“
Das könnte
man ſo verſtehen, als ob zur Zeit
des Gajus eine Widerklage noch
gar nicht möglich geweſen wäre,
alſo deswegen eine die Hauptfor-
derung überſteigende Gegenforde-
rung niemals in dem Hauptpro-
zeß hätte verfolgt werden können.
Allein jene Worte erklären ſich eben
ſo gut von einem Fall, worin nur
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[333/0351] §. 289. Inhalt. Verurtheilung des Klägers? Genau in derſelben Weiſe wird nun auch bei der oben erwähnten duplex actio die Formel gelautet haben, denn auch die Theilungsklagen waren bonae fidei (h). Der Unterſchied mag alſo wohl der geweſen ſeyn, daß bei der duplex actio jene Formel allgemein ſo gefaßt wurde, bei den Widerklagen aber nur, wenn der Beklagte beſonders um eine ſo gefaßte Formel bat, da es von ſeinem freien Willen abhing, ob er eine Widerklage vorbringen wollte (i). (g) (h) § 28 J. de act. (4. 6). (i) Gajus ſagt in L. 18 § 4 comm. (13. 6), die contraria commodati actio ſey gewöhnlich nicht nöthig, weil man den Ge- genſtand derſelben als Compen- ſation gegen die directa actio des Gegners geltend machen könne. Er fügt aber hinzu, es gebe den- noch Fälle, worin man jene Klage nicht entbehren könne; namentlich, wenn die directa actio wegen des zufälligen Untergangs der Sache oder wegen der freiwilligen Rück- gabe gar nicht angeſtellt werde. An die Spitze dieſer Fälle der un- entbehrlichen contraria actio ſtellt er folgenden: „Sed fieri potest, ut amplius esset, quod invicem aliquem consequi oporteat … dicemus, necessariam esse con- trariam actionem.“ Das könnte man ſo verſtehen, als ob zur Zeit des Gajus eine Widerklage noch gar nicht möglich geweſen wäre, alſo deswegen eine die Hauptfor- derung überſteigende Gegenforde- rung niemals in dem Hauptpro- zeß hätte verfolgt werden können. Allein jene Worte erklären ſich eben ſo gut von einem Fall, worin nur Anfangs der erſte Beklagte die Höhe (g) bono et aequo praestare opor- tet.“ — Cicero top. C. 17. Er rühmt hier den Einfluß der Juriſten, die beſonders bei den Klagen ex fide bona, ut inter bonos, quid aequius melius Rath geben müſſen. „Illi enim dolum malum, illi fidem bonam, .. illi quid .. alterum alteri prae- stare oporteret .. tradiderunt.“— Cicero de off. III. 17. Er ſagt von den bonae fidei judiciis: „in his magni esse judicis statuere (praesertim cum in plerisque essent judicia con- traria) quid quemque cuique praestare oporteret.“ Alle dieſe Rathſchläge und Ausſprüche konn- ten ja nie zur Anwendung kom- men, wenn nicht Formeln aufge- ſtellt waren, die den Judex be- rechtigten und verpflichteten, über ſolche gegenſeitige Anſprüche wirklich zu entſcheiden.

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Zitationshilfe: Savigny, Friedrich Carl von: System des heutigen Römischen Rechts. Bd. 6. Berlin, 1847, S. 333. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/savigny_system06_1847/351>, abgerufen am 02.08.2021.