steigen und Niedersteigen der Lebens- und Todesgöttinnen zur Zeit des Frühlings und des Herbstes aus der Unterwelt oder der Erde und zu der Unterwelt oder Erde ist zugleich der natürliche Gedanken verbunden, dass alsdann das Todtenreich geöffnet sei und ein besonderer Verkehr zwischen den Abgeschiedenen und Lebenden stattfinde.1) Dieser Gedanke mit daran sich anschliessenden Gebräuchen, Opfern, Sagen u. s. w. findet sich in einer merkwürdigen Uebereinstimmung bei den Griechen, Römern und Germanen und sie fielen von selbst in die Zeiten der Sonnenwenden, des Frühlings und des Herbstes. Preller hebt dabei mit Recht hervor, dass das Pflanzenleben das Vorbild des menschlichen Lebens sei und dass die Menschen und ihre Geschlechter gleich den Pflanzen entstehen und vergehen, blühen und welken, kommen und gehen. -
Den Mummelsee auf dem Schwarzwalde sucht ein Württemberger Herzog vergeblich durch ein neunerlei Zwirnnetz zu ergründen.2) In der finnischen Mythe werden die Krankheiten, Schmerzen und schädlichen Thiere von einer alten Frau als neun Knaben auf einem Wassersteine nach einer Schwangerschaft von 30 Sommern und eben so vielen Wintern geboren.3) Nach althessischem Volksglauben bestanden die Krankheiten ebenso aus neun Brüdern, nach altslavischem aus neun Schwestern.4) Die finnische Jungfrau Impi wohnt im hohen Norden und als sie einst im Meere badete, zeugte Meri-Turisas, der Meergott, neun schlimme Söhne mit ihr.5) Bei den Ehsten ist Pohjolen-Emändä Königin des Nordens und Mutter von neun hässlichen ungestalteten Söhnen. Durch den Blitz, ein rothes Garn, werden die neun Kinder aus dem harten und eisigen dreimonatlichen Winter, Grabe und Mutterschosse geboren; das Himmelsfeuer muss sich mit dem irdischen Wasser gatten, damit die Erde blühe und den ringenden, leidenden
1) Preller, a. a. O., S. 228 ff.
2) Rochholz, Schweizersagen, I. S.9 Anm.; Grimm, D. S., I. S. 75.
3) Eckermann, Lehrbuch der Religionsgeschichte und Mythologie, IV. 1. S. 149 und 183.
4) Mülhause, die Urreligion des deutschen Volkes, S. 310.
5) Eckermann, a. a. O., IV. S. 176 und 183, 189.
steigen und Niedersteigen der Lebens- und Todesgöttinnen zur Zeit des Frühlings und des Herbstes aus der Unterwelt oder der Erde und zu der Unterwelt oder Erde ist zugleich der natürliche Gedanken verbunden, dass alsdann das Todtenreich geöffnet sei und ein besonderer Verkehr zwischen den Abgeschiedenen und Lebenden stattfinde.1) Dieser Gedanke mit daran sich anschliessenden Gebräuchen, Opfern, Sagen u. s. w. findet sich in einer merkwürdigen Uebereinstimmung bei den Griechen, Römern und Germanen und sie fielen von selbst in die Zeiten der Sonnenwenden, des Frühlings und des Herbstes. Preller hebt dabei mit Recht hervor, dass das Pflanzenleben das Vorbild des menschlichen Lebens sei und dass die Menschen und ihre Geschlechter gleich den Pflanzen entstehen und vergehen, blühen und welken, kommen und gehen. -
Den Mummelsee auf dem Schwarzwalde sucht ein Württemberger Herzog vergeblich durch ein neunerlei Zwirnnetz zu ergründen.2) In der finnischen Mythe werden die Krankheiten, Schmerzen und schädlichen Thiere von einer alten Frau als neun Knaben auf einem Wassersteine nach einer Schwangerschaft von 30 Sommern und eben so vielen Wintern geboren.3) Nach althessischem Volksglauben bestanden die Krankheiten ebenso aus neun Brüdern, nach altslavischem aus neun Schwestern.4) Die finnische Jungfrau Impi wohnt im hohen Norden und als sie einst im Meere badete, zeugte Meri-Turisas, der Meergott, neun schlimme Söhne mit ihr.5) Bei den Ehsten ist Pohjolen-Emändä Königin des Nordens und Mutter von neun hässlichen ungestalteten Söhnen. Durch den Blitz, ein rothes Garn, werden die neun Kinder aus dem harten und eisigen dreimonatlichen Winter, Grabe und Mutterschosse geboren; das Himmelsfeuer muss sich mit dem irdischen Wasser gatten, damit die Erde blühe und den ringenden, leidenden
1) Preller, a. a. O., S. 228 ff.
2) Rochholz, Schweizersagen, I. S.9 Anm.; Grimm, D. S., I. S. 75.
3) Eckermann, Lehrbuch der Religionsgeschichte und Mythologie, IV. 1. S. 149 und 183.
4) Mülhause, die Urreligion des deutschen Volkes, S. 310.
5) Eckermann, a. a. O., IV. S. 176 und 183, 189.
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steigen und Niedersteigen der Lebens- und Todesgöttinnen zur Zeit des Frühlings und des Herbstes aus der Unterwelt oder der Erde und zu der Unterwelt oder Erde ist zugleich der natürliche Gedanken verbunden, dass alsdann das Todtenreich geöffnet sei und ein besonderer Verkehr zwischen den Abgeschiedenen und Lebenden stattfinde.<noteplace="foot"n="1)">Preller, a. a. O., S. 228 ff.<lb/></note> Dieser Gedanke mit daran sich anschliessenden Gebräuchen, Opfern, Sagen u. s. w. findet sich in einer merkwürdigen Uebereinstimmung bei den Griechen, Römern und Germanen und sie fielen von selbst in die Zeiten der Sonnenwenden, des Frühlings und des Herbstes. Preller hebt dabei mit Recht hervor, dass das Pflanzenleben das Vorbild des menschlichen Lebens sei und dass die Menschen und ihre Geschlechter gleich den Pflanzen entstehen und vergehen, blühen und welken, kommen und gehen. -
Den Mummelsee auf dem Schwarzwalde sucht ein Württemberger Herzog vergeblich durch ein neunerlei Zwirnnetz zu ergründen.<noteplace="foot"n="2)">Rochholz, Schweizersagen, I. S.9 Anm.; Grimm, D. S., I. S. 75.<lb/></note> In der finnischen Mythe werden die Krankheiten, Schmerzen und schädlichen Thiere von einer alten Frau als neun Knaben auf einem Wassersteine nach einer Schwangerschaft von 30 Sommern und eben so vielen Wintern geboren.<noteplace="foot"n="3)">Eckermann, Lehrbuch der Religionsgeschichte und Mythologie, IV. 1. S. 149 und 183.<lb/></note> Nach althessischem Volksglauben bestanden die Krankheiten ebenso aus neun Brüdern, nach altslavischem aus neun Schwestern.<noteplace="foot"n="4)">Mülhause, die Urreligion des deutschen Volkes, S. 310.<lb/></note> Die finnische Jungfrau Impi wohnt im hohen Norden und als sie einst im Meere badete, zeugte Meri-Turisas, der Meergott, neun schlimme Söhne mit ihr.<noteplace="foot"n="5)">Eckermann, a. a. O., IV. S. 176 und 183, 189.<lb/></note> Bei den Ehsten ist Pohjolen-Emändä Königin des Nordens und Mutter von neun hässlichen ungestalteten Söhnen. Durch den Blitz, ein rothes Garn, werden die neun Kinder aus dem harten und eisigen dreimonatlichen Winter, Grabe und Mutterschosse geboren; das Himmelsfeuer muss sich mit dem irdischen Wasser gatten, damit die Erde blühe und den ringenden, leidenden
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steigen und Niedersteigen der Lebens- und Todesgöttinnen zur Zeit des Frühlings und des Herbstes aus der Unterwelt oder der Erde und zu der Unterwelt oder Erde ist zugleich der natürliche Gedanken verbunden, dass alsdann das Todtenreich geöffnet sei und ein besonderer Verkehr zwischen den Abgeschiedenen und Lebenden stattfinde. 1) Dieser Gedanke mit daran sich anschliessenden Gebräuchen, Opfern, Sagen u. s. w. findet sich in einer merkwürdigen Uebereinstimmung bei den Griechen, Römern und Germanen und sie fielen von selbst in die Zeiten der Sonnenwenden, des Frühlings und des Herbstes. Preller hebt dabei mit Recht hervor, dass das Pflanzenleben das Vorbild des menschlichen Lebens sei und dass die Menschen und ihre Geschlechter gleich den Pflanzen entstehen und vergehen, blühen und welken, kommen und gehen. - Den Mummelsee auf dem Schwarzwalde sucht ein Württemberger Herzog vergeblich durch ein neunerlei Zwirnnetz zu ergründen. 2) In der finnischen Mythe werden die Krankheiten, Schmerzen und schädlichen Thiere von einer alten Frau als neun Knaben auf einem Wassersteine nach einer Schwangerschaft von 30 Sommern und eben so vielen Wintern geboren. 3) Nach althessischem Volksglauben bestanden die Krankheiten ebenso aus neun Brüdern, nach altslavischem aus neun Schwestern. 4) Die finnische Jungfrau Impi wohnt im hohen Norden und als sie einst im Meere badete, zeugte Meri-Turisas, der Meergott, neun schlimme Söhne mit ihr. 5) Bei den Ehsten ist Pohjolen-Emändä Königin des Nordens und Mutter von neun hässlichen ungestalteten Söhnen. Durch den Blitz, ein rothes Garn, werden die neun Kinder aus dem harten und eisigen dreimonatlichen Winter, Grabe und Mutterschosse geboren; das Himmelsfeuer muss sich mit dem irdischen Wasser gatten, damit die Erde blühe und den ringenden, leidenden
1) Preller, a. a. O., S. 228 ff.
2) Rochholz, Schweizersagen, I. S.9 Anm.; Grimm, D. S., I. S. 75.
3) Eckermann, Lehrbuch der Religionsgeschichte und Mythologie, IV. 1. S. 149 und 183.
4) Mülhause, die Urreligion des deutschen Volkes, S. 310.
5) Eckermann, a. a. O., IV. S. 176 und 183, 189.
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Schauberg, Joseph: Vergleichendes Handbuch der Symbolik der Freimaurerei, Bd. 2. Schaffhausen, 1861, S. 653. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schauberg_freimaurerei02_1861/673>, abgerufen am 25.09.2024.
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