Erinnerungsmale pflegen wir Historiker, mit einem alten griechischen Worte, Epo- chen, zu nennen. Diese Epochen sind al- lerdings Erinnerungsmale für den be- trachtenden Reisenden; sie sind zugleich Sta- tionen für den ermüdenden Reisenden. Die Distanz zwischen zwei solchen Epochen heist Periode. Begreift der Hr. Consistorial- Rath diese Definitionen, und giebt er sie zu; so fare ich nun weiter fort.
I. Erinnerungsmale sollen also doch auf- gerichtet, d. i. Epochen bestimmt, Perio- den und Abteilungen gemacht, werden? Jch dachte, es wäre (§. 20) weit mnemoni- scher, aus der Geschichte nur Bild und Con- tinuum zu machen.
II. Die Erinnerungsmale müssen wieder unter sich erinnern. Eine herrliche Regel! Jch möchte wissen, wo sie Hr. H. her hat; denn in den gewöhnlichen Büchern steht sie nicht. Und wenn ich noch 30 Jare lebe: so hoffe ich über alle Völkergeschichten, die in der Universalhistorie seyn müssen, solche wieder unter sich erinnernde Perioden zu ma- chen. Wollte mir jeder jetztlebender Histo-
riker
anſtaunte, wie Kinder farbigte Blaſen anſtaunen.
Erinnerungsmale pflegen wir Hiſtoriker, mit einem alten griechiſchen Worte, Epo- chen, zu nennen. Dieſe Epochen ſind al- lerdings Erinnerungsmale fuͤr den be- trachtenden Reiſenden; ſie ſind zugleich Sta- tionen fuͤr den ermuͤdenden Reiſenden. Die Diſtanz zwiſchen zwei ſolchen Epochen heiſt Periode. Begreift der Hr. Conſiſtorial- Rath dieſe Definitionen, und giebt er ſie zu; ſo fare ich nun weiter fort.
I. Erinnerungsmale ſollen alſo doch auf- gerichtet, d. i. Epochen beſtimmt, Perio- den und Abteilungen gemacht, werden? Jch dachte, es waͤre (§. 20) weit mnemoni- ſcher, aus der Geſchichte nur Bild und Con- tinuum zu machen.
II. Die Erinnerungsmale muͤſſen wieder unter ſich erinnern. Eine herrliche Regel! Jch moͤchte wiſſen, wo ſie Hr. H. her hat; denn in den gewoͤhnlichen Buͤchern ſteht ſie nicht. Und wenn ich noch 30 Jare lebe: ſo hoffe ich uͤber alle Voͤlkergeſchichten, die in der Univerſalhiſtorie ſeyn muͤſſen, ſolche wieder unter ſich erinnernde Perioden zu ma- chen. Wollte mir jeder jetztlebender Hiſto-
riker
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[306[82]/0102]
anſtaunte, wie Kinder farbigte Blaſen
anſtaunen.
Erinnerungsmale pflegen wir Hiſtoriker,
mit einem alten griechiſchen Worte, Epo-
chen, zu nennen. Dieſe Epochen ſind al-
lerdings Erinnerungsmale fuͤr den be-
trachtenden Reiſenden; ſie ſind zugleich Sta-
tionen fuͤr den ermuͤdenden Reiſenden. Die
Diſtanz zwiſchen zwei ſolchen Epochen heiſt
Periode. Begreift der Hr. Conſiſtorial-
Rath dieſe Definitionen, und giebt er ſie zu;
ſo fare ich nun weiter fort.
I. Erinnerungsmale ſollen alſo doch auf-
gerichtet, d. i. Epochen beſtimmt, Perio-
den und Abteilungen gemacht, werden? Jch
dachte, es waͤre (§. 20) weit mnemoni-
ſcher, aus der Geſchichte nur Bild und Con-
tinuum zu machen.
II. Die Erinnerungsmale muͤſſen wieder
unter ſich erinnern. Eine herrliche Regel!
Jch moͤchte wiſſen, wo ſie Hr. H. her hat;
denn in den gewoͤhnlichen Buͤchern ſteht ſie
nicht. Und wenn ich noch 30 Jare lebe:
ſo hoffe ich uͤber alle Voͤlkergeſchichten, die
in der Univerſalhiſtorie ſeyn muͤſſen, ſolche
wieder unter ſich erinnernde Perioden zu ma-
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Schlözer, August Ludwig von: August Ludwig Schlözers [...] Vorstellung seiner Universal-Historie. Bd. 2. Göttingen u. a., 1773, S. 306[82]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schloezer_universalhistorie02_1773/102>, abgerufen am 11.09.2024.
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