etwa zu weitläuftig in meinem Erklären? Aber zu weitläuftig seyn, heist noch nicht Auf hebens machen. Und dann, ich war wirklich zu kurz: Hr. H. hat mich ja nicht einmal verstanden. Doch schriebe ich statt 4 Blätter 4 Bogen über diese Materie: bei ihm gewönne ich doch nichts. Er liest sie nicht, er durchdenkt sie nicht, er hüpft weg.
Daß indessen diese Zalenneuerung nicht ganz unerheblich sei, schliesse ich aus dem Satze eines alten Pädagogen: nichts ist klein, ohne welches große Dinge nicht erhalten werden. Warum sehen Schul- knaben die amusante Universalhistorie als ei- ne Folter an? Warum hat sich diese unent- behrliche Wissenschaft von so vielen deut- schen Universitäten verloren? Das mag wol merere Ursachen haben; aber zuverläßig ist Eine davon, man frage Junge und Alte: ich kan nicht, ich mag nicht, Zalen behalten.
Noch erheblicher kommt mir das geschick- te Abteilen in historischen Schriften vor. Seit einigen Jaren seufzen deutsche Patrio- ten laut über den einreisenden Geschmack an Romanenlesen; und fürchten, unser vaterländisches Publicum werde darüber bald so fade, wie unsre Nachbarn jenseit
des
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etwa zu weitlaͤuftig in meinem Erklaͤren? Aber zu weitlaͤuftig ſeyn, heiſt noch nicht Auf hebens machen. Und dann, ich war wirklich zu kurz: Hr. H. hat mich ja nicht einmal verſtanden. Doch ſchriebe ich ſtatt 4 Blaͤtter 4 Bogen uͤber dieſe Materie: bei ihm gewoͤnne ich doch nichts. Er lieſt ſie nicht, er durchdenkt ſie nicht, er hüpft weg.
Daß indeſſen dieſe Zalenneuerung nicht ganz unerheblich ſei, ſchlieſſe ich aus dem Satze eines alten Paͤdagogen: nichts iſt klein, ohne welches große Dinge nicht erhalten werden. Warum ſehen Schul- knaben die amuſante Univerſalhiſtorie als ei- ne Folter an? Warum hat ſich dieſe unent- behrliche Wiſſenſchaft von ſo vielen deut- ſchen Univerſitaͤten verloren? Das mag wol merere Urſachen haben; aber zuverlaͤßig iſt Eine davon, man frage Junge und Alte: ich kan nicht, ich mag nicht, Zalen behalten.
Noch erheblicher kommt mir das geſchick- te Abteilen in hiſtoriſchen Schriften vor. Seit einigen Jaren ſeufzen deutſche Patrio- ten laut uͤber den einreiſenden Geſchmack an Romanenleſen; und fuͤrchten, unſer vaterlaͤndiſches Publicum werde daruͤber bald ſo fade, wie unſre Nachbarn jenſeit
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[313[89]/0109]
etwa zu weitlaͤuftig in meinem Erklaͤren?
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einmal verſtanden. Doch ſchriebe ich ſtatt
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ihm gewoͤnne ich doch nichts. Er lieſt ſie
nicht, er durchdenkt ſie nicht, er hüpft weg.
Daß indeſſen dieſe Zalenneuerung nicht
ganz unerheblich ſei, ſchlieſſe ich aus dem
Satze eines alten Paͤdagogen: nichts iſt
klein, ohne welches große Dinge nicht
erhalten werden. Warum ſehen Schul-
knaben die amuſante Univerſalhiſtorie als ei-
ne Folter an? Warum hat ſich dieſe unent-
behrliche Wiſſenſchaft von ſo vielen deut-
ſchen Univerſitaͤten verloren? Das mag
wol merere Urſachen haben; aber zuverlaͤßig
iſt Eine davon, man frage Junge und Alte:
ich kan nicht, ich mag nicht, Zalen behalten.
Noch erheblicher kommt mir das geſchick-
te Abteilen in hiſtoriſchen Schriften vor.
Seit einigen Jaren ſeufzen deutſche Patrio-
ten laut uͤber den einreiſenden Geſchmack
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Schlözer, August Ludwig von: August Ludwig Schlözers [...] Vorstellung seiner Universal-Historie. Bd. 2. Göttingen u. a., 1773, S. 313[89]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schloezer_universalhistorie02_1773/109>, abgerufen am 11.09.2024.
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