Schlözer, August Ludwig von: August Ludwig Schlözers [...] Vorstellung seiner Universal-Historie. Bd. 2. Göttingen u. a., 1773.Hrn. H. so lebhaft vor, daß er sie auch an- derswo in seiner Recension, unter einem an- dern aus der Weberkunst entliehenen Bilde, anbringt. Er wirft mir vor, mein Buch sei ein aus mancherlei Schrifften aufgewun- denes schönes Krausgewinde; es sei aus ei- ner andern fremden Textur, wo es eigent- lich seinen Sitz hätte. Er hat wieder Recht. Wir Historiker nemen Zettel und Eintrag von andern, und verweben es nur: wie der Holländer Linnengarn vom Westfälinger kauft, und Battist daraus webt. Jn wel- chem Verstande aber man sagen könne, daß z. Ex. der Satz: Lukull brachte Kirschen nach Jtalien, im Plinius oder im Ander- son eigentlich seinen Sitz habe, verstehe ich eben so wenig, als wenn man oben, dem Holländer zum Schimpfe, sagen wollte: das Linnengarn habe eigentlich in Westfa- len seinen Sitz. V. Solche Begriffe vom Wesen der Ge- Gei-
Hrn. H. ſo lebhaft vor, daß er ſie auch an- derswo in ſeiner Recenſion, unter einem an- dern aus der Weberkunſt entliehenen Bilde, anbringt. Er wirft mir vor, mein Buch ſei ein aus mancherlei Schrifften aufgewun- denes ſchönes Krausgewinde; es ſei aus ei- ner andern fremden Textur, wo es eigent- lich ſeinen Sitz hätte. Er hat wieder Recht. Wir Hiſtoriker nemen Zettel und Eintrag von andern, und verweben es nur: wie der Hollaͤnder Linnengarn vom Weſtfaͤlinger kauft, und Battiſt daraus webt. Jn wel- chem Verſtande aber man ſagen koͤnne, daß z. Ex. der Satz: Lukull brachte Kirſchen nach Jtalien, im Plinius oder im Ander- ſon eigentlich ſeinen Sitz habe, verſtehe ich eben ſo wenig, als wenn man oben, dem Hollaͤnder zum Schimpfe, ſagen wollte: das Linnengarn habe eigentlich in Weſtfa- len ſeinen Sitz. V. Solche Begriffe vom Weſen der Ge- Gei-
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dern bloß von fremdem Gute lebe, ſchwebt
Hrn. H. ſo lebhaft vor, daß er ſie auch an-
derswo in ſeiner Recenſion, unter einem an-
dern aus der Weberkunſt entliehenen Bilde,
anbringt. Er wirft mir vor, mein Buch
ſei ein aus mancherlei Schrifften aufgewun-
denes ſchönes Krausgewinde; es ſei aus ei-
ner andern fremden Textur, wo es eigent-
lich ſeinen Sitz hätte. Er hat wieder Recht.
Wir Hiſtoriker nemen Zettel und Eintrag
von andern, und verweben es nur: wie
der Hollaͤnder Linnengarn vom Weſtfaͤlinger
kauft, und Battiſt daraus webt. Jn wel-
chem Verſtande aber man ſagen koͤnne, daß
z. Ex. der Satz: Lukull brachte Kirſchen
nach Jtalien, im Plinius oder im Ander-
ſon eigentlich ſeinen Sitz habe, verſtehe ich
eben ſo wenig, als wenn man oben, dem
Hollaͤnder zum Schimpfe, ſagen wollte: das
Linnengarn habe eigentlich in Weſtfa-
len ſeinen Sitz.
V. Solche Begriffe vom Weſen der Ge-
ſchichte hat der Richter hiſtoriſcher Buͤcher,
Hr. Herder. Nun erſt begreife ich — denn
ſonſt wuſte ich nicht, daß jemand dergleichen
Begriffe haben koͤnne —, warum einige
junge Leute, die ſich die Mine von Schoͤnen
Gei-
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| Zitationshilfe: | Schlözer, August Ludwig von: August Ludwig Schlözers [...] Vorstellung seiner Universal-Historie. Bd. 2. Göttingen u. a., 1773, S. 244[20]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schloezer_universalhistorie02_1773/40>, abgerufen am 11.09.2024. |


