trie einige Grade höher oder tiefer, als die Griechische im 6ten Säc. vor Christo, stehe? -- Er gebe einem Kenner ein par hundert ägyptischer, etruskischer, und mexikanischer Scherben vor: der Kenner wird in diesen Scherben Data finden, nicht blos von der Cultur dieser Völker in der Töpferkunst, sondern auch von dem Grade der Cultur, auf dem jedes dieser Völker, verglichen mit dem andern, stand.
Von der historischen Hevristik hat wol Hr. H. nie was gehört? Sie ist das in der Historie, was bei Romanen das Schöpferische ist. Wer diese Kunst kan, oder richtiger zu reden, wer dieses Talent besitzt; der fragt dem einfältigsten Annalisten, wie einem Kinde, Dinge ab, an die er selbst nie gedacht hat: der gräbt aus den Wundern des heil. Januars eine physische Geschichte der Auswürfe des Vesuvs und der Verwü- stungen von Neapel heraus: der liest auf einer zerbrochnen Scherbe die Sätze einer schon seit Jartausenden verlornen Dogma- tik. Es verlohnte sich der Mühe, -- nicht mit historischer Kunst eine Theorie dieser He- vristik zu verfertigen, sondern -- eine Menge treffender Beispiele zu sammlen, wie viele
wichtige
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trie einige Grade hoͤher oder tiefer, als die Griechiſche im 6ten Saͤc. vor Chriſto, ſtehe? — Er gebe einem Kenner ein par hundert aͤgyptiſcher, etruſkiſcher, und mexikaniſcher Scherben vor: der Kenner wird in dieſen Scherben Data finden, nicht blos von der Cultur dieſer Voͤlker in der Toͤpferkunſt, ſondern auch von dem Grade der Cultur, auf dem jedes dieſer Voͤlker, verglichen mit dem andern, ſtand.
Von der hiſtoriſchen Hevriſtik hat wol Hr. H. nie was gehoͤrt? Sie iſt das in der Hiſtorie, was bei Romanen das Schoͤpferiſche iſt. Wer dieſe Kunſt kan, oder richtiger zu reden, wer dieſes Talent beſitzt; der fragt dem einfaͤltigſten Annaliſten, wie einem Kinde, Dinge ab, an die er ſelbſt nie gedacht hat: der graͤbt aus den Wundern des heil. Januars eine phyſiſche Geſchichte der Auswuͤrfe des Veſuvs und der Verwuͤ- ſtungen von Neapel heraus: der lieſt auf einer zerbrochnen Scherbe die Saͤtze einer ſchon ſeit Jartauſenden verlornen Dogma- tik. Es verlohnte ſich der Muͤhe, — nicht mit hiſtoriſcher Kunſt eine Theorie dieſer He- vriſtik zu verfertigen, ſondern — eine Menge treffender Beiſpiele zu ſammlen, wie viele
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[279[55]/0075]
trie einige Grade hoͤher oder tiefer, als die
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— Er gebe einem Kenner ein par hundert
aͤgyptiſcher, etruſkiſcher, und mexikaniſcher
Scherben vor: der Kenner wird in dieſen
Scherben Data finden, nicht blos von der
Cultur dieſer Voͤlker in der Toͤpferkunſt,
ſondern auch von dem Grade der Cultur, auf
dem jedes dieſer Voͤlker, verglichen mit dem
andern, ſtand.
Von der hiſtoriſchen Hevriſtik hat
wol Hr. H. nie was gehoͤrt? Sie iſt das
in der Hiſtorie, was bei Romanen das
Schoͤpferiſche iſt. Wer dieſe Kunſt kan, oder
richtiger zu reden, wer dieſes Talent beſitzt;
der fragt dem einfaͤltigſten Annaliſten, wie
einem Kinde, Dinge ab, an die er ſelbſt
nie gedacht hat: der graͤbt aus den Wundern
des heil. Januars eine phyſiſche Geſchichte
der Auswuͤrfe des Veſuvs und der Verwuͤ-
ſtungen von Neapel heraus: der lieſt auf
einer zerbrochnen Scherbe die Saͤtze einer
ſchon ſeit Jartauſenden verlornen Dogma-
tik. Es verlohnte ſich der Muͤhe, — nicht
mit hiſtoriſcher Kunſt eine Theorie dieſer He-
vriſtik zu verfertigen, ſondern — eine Menge
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Schlözer, August Ludwig von: August Ludwig Schlözers [...] Vorstellung seiner Universal-Historie. Bd. 2. Göttingen u. a., 1773, S. 279[55]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schloezer_universalhistorie02_1773/75>, abgerufen am 11.09.2024.
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