was tauge, schuldig, selbst zu bauen, so- gleich selbst zu bauen? Weil Hr. H. Klop- stocks Oden kritisirt; ist er schuldig, zum Beweise, daß er Fähigkeit und Beruf zu einer solchen Kritik habe, selbst Klopstock- sche Oden zu machen?
II. Wenn auch ich meinen Plan nie aus- führen könnte: folgte daraus, daß der Plan an sich nichts tauge? Nein, es folgte nur, daß ich der Ausführung nicht gewachsen wäre. Damit verlöre ich etwas, aber nicht alles. Ein guter möglicher Bauriß auf dem Papier ist immer etwas: der ihn aus- führt, thut mer; aber der ihn gemacht hat, hat doch etwas gethan. Bekäme ich auf der nächsten Messe schon eine ganze Weltgeschich- te nach meinem Jdeal zu lesen; ich würde mich freuen, und dem Verfasser, ohnge- fehr wie der Sänger der Alceste seinem Com- ponisten, sagen: "wie machten Sie es, daß Sie sich des Jdeals so geschwinde bemächtig- ten, welches meinem Geiste vorschwebte, und welches in der Ausführung völlig zu er- reichen, ich noch itzo unvermögend bin, und vielleicht nie vermögend werden werde"?
III. Daß ich mich bestrebe, nach diesem Jdeal meine Vorlesungen über die Weltge-
schichte
was tauge, ſchuldig, ſelbſt zu bauen, ſo- gleich ſelbſt zu bauen? Weil Hr. H. Klop- ſtocks Oden kritiſirt; iſt er ſchuldig, zum Beweiſe, daß er Faͤhigkeit und Beruf zu einer ſolchen Kritik habe, ſelbſt Klopſtock- ſche Oden zu machen?
II. Wenn auch ich meinen Plan nie aus- fuͤhren koͤnnte: folgte daraus, daß der Plan an ſich nichts tauge? Nein, es folgte nur, daß ich der Ausfuͤhrung nicht gewachſen waͤre. Damit verloͤre ich etwas, aber nicht alles. Ein guter moͤglicher Bauriß auf dem Papier iſt immer etwas: der ihn aus- fuͤhrt, thut mer; aber der ihn gemacht hat, hat doch etwas gethan. Bekaͤme ich auf der naͤchſten Meſſe ſchon eine ganze Weltgeſchich- te nach meinem Jdeal zu leſen; ich wuͤrde mich freuen, und dem Verfaſſer, ohnge- fehr wie der Saͤnger der Alceſte ſeinem Com- poniſten, ſagen: “wie machten Sie es, daß Sie ſich des Jdeals ſo geſchwinde bemaͤchtig- ten, welches meinem Geiſte vorſchwebte, und welches in der Ausfuͤhrung voͤllig zu er- reichen, ich noch itzo unvermoͤgend bin, und vielleicht nie vermoͤgend werden werde„?
III. Daß ich mich beſtrebe, nach dieſem Jdeal meine Vorleſungen uͤber die Weltge-
ſchichte
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[283[59]/0079]
was tauge, ſchuldig, ſelbſt zu bauen, ſo-
gleich ſelbſt zu bauen? Weil Hr. H. Klop-
ſtocks Oden kritiſirt; iſt er ſchuldig, zum
Beweiſe, daß er Faͤhigkeit und Beruf zu
einer ſolchen Kritik habe, ſelbſt Klopſtock-
ſche Oden zu machen?
II. Wenn auch ich meinen Plan nie aus-
fuͤhren koͤnnte: folgte daraus, daß der Plan
an ſich nichts tauge? Nein, es folgte nur,
daß ich der Ausfuͤhrung nicht gewachſen
waͤre. Damit verloͤre ich etwas, aber nicht
alles. Ein guter moͤglicher Bauriß auf
dem Papier iſt immer etwas: der ihn aus-
fuͤhrt, thut mer; aber der ihn gemacht hat,
hat doch etwas gethan. Bekaͤme ich auf der
naͤchſten Meſſe ſchon eine ganze Weltgeſchich-
te nach meinem Jdeal zu leſen; ich wuͤrde
mich freuen, und dem Verfaſſer, ohnge-
fehr wie der Saͤnger der Alceſte ſeinem Com-
poniſten, ſagen: “wie machten Sie es, daß
Sie ſich des Jdeals ſo geſchwinde bemaͤchtig-
ten, welches meinem Geiſte vorſchwebte,
und welches in der Ausfuͤhrung voͤllig zu er-
reichen, ich noch itzo unvermoͤgend bin, und
vielleicht nie vermoͤgend werden werde„?
III. Daß ich mich beſtrebe, nach dieſem
Jdeal meine Vorleſungen uͤber die Weltge-
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Schlözer, August Ludwig von: August Ludwig Schlözers [...] Vorstellung seiner Universal-Historie. Bd. 2. Göttingen u. a., 1773, S. 283[59]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schloezer_universalhistorie02_1773/79>, abgerufen am 11.09.2024.
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