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Schmidt, Andreas: Das Uber vier Malefitz-Personen ergangene Justitz-Rad. Berlin, 1725.

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§. 137.

Wir ermahneten unsre beyde Lutherische arme Sünder,
solches als eine zwiesache Wolthat von GOtt anznnehmen, und so wol die
Erlassung der schmertzlichen Tortur, als auch die Prolongation ihres Todes,
der heiligsten Direction ihres himmlischen Vaters zuzuschreiben, und so viel
ernstlicher nun das nöthige Werck der Busse und des Glaubens zu treiben,
massen ihnen der barmhertzige GOtt in so grosser Langmuth nachgienge,
und ihnen solche Güte vom Könige geschehen liesse, Dero man sich nicht
erinnern könnte, daß es jemanden, ausser ihnen, so reichlich allhie wieder-
fahren wäre: würden sie sichs nun auch nicht recht gebrauchen, wolten wir
uns ihrer Unbußfertigkeit auch nicht theilhafftig machen.

§. 138.

Fixel bedanckete sich und versprach, wie er sich alle Tage
mehr und mehr im Glauben an Christo JEsu stärcken wolte; Schieffer-
Decker aber war stille, doch so viel man am folgenden Dinstage erfuhr,
wolte er auch also sich zähmen, wie er gehöret hatte, daß Fixel solches gethan,
der den Aufschub dieses Todes mit Danck vor GOtt erkandt hatte. Des
Brandteweins konnten wir ihn nicht gäntzlich entwehnen, daher er recht
winselte, daß er mit Genehmhaltung der Gerichte für 3 Pf bekam: Des
Tabacks begab er sich auch nicht, ohngeacht wir ihn vielfältig ermahneten,
daß er auch davon abstünde, wir auch nicht eher glauben würden, seine Be-
kehrung gienge ihme aus ernstlichen Hertzen, so lange er noch seines nichti-
gen Leibes damit wartete; Denn wo eine rechtschaffene Buß-Arbeit in
jemanden vorgienge, wäre ja leicht zu ermessen, daß man solcherley Zeug
hinwerffen und die kurtze Zeit zur sorgfältigern Bereitung der Seelen anwen-
den würde; Allein es war immer Zeit bey ihm übrig, so gar, daß er auch
mit der Facultät um sich wurff: Könnte er nur seinen Proceß in die Facul-
tät bringen, er wolte noch lange Zeit haben, wo nicht gar anders die Sache
fiedern.

§. 139.

Jch dachte einmahl wieder in sein Gemüthe zu greiffen, und
einen neuen Versuch zu thun, wie er sich über numehro gestandenen Müh-
len-Raube mit uns Predigern besprechen lassen wolte, erzehlete ihm, wie der
geplünderte Damm-Müller mit seiner Frauen bey mir gewesen, und erzeh-
let hätte, daß jemand unter ihnen in der Mühle geschrien zu allen denen ge-
bundenen: Jhr Hunde bethet, ihr sollet alle sterben! auch jemand unter
denen hingeworffenen laut gebethet, denen die übrige erschrockene Leute nach-
gebethet hätten, fragte ihn, wie ihm denn dabey zu muthe gewesen? bekam
aber zur Antwort: Das hätte er nicht gehöret, redeten die Leute mehr, als

wahr
§. 137.

Wir ermahneten unſre beyde Lutheriſche arme Suͤnder,
ſolches als eine zwieſache Wolthat von GOtt anznnehmen, und ſo wol die
Erlaſſung der ſchmertzlichen Tortur, als auch die Prolongation ihres Todes,
der heiligſten Direction ihres himmliſchen Vaters zuzuſchreiben, und ſo viel
ernſtlicher nun das noͤthige Werck der Buſſe und des Glaubens zu treiben,
maſſen ihnen der barmhertzige GOtt in ſo groſſer Langmuth nachgienge,
und ihnen ſolche Guͤte vom Koͤnige geſchehen lieſſe, Dero man ſich nicht
erinnern koͤnnte, daß es jemanden, auſſer ihnen, ſo reichlich allhie wieder-
fahren waͤre: wuͤrden ſie ſichs nun auch nicht recht gebrauchen, wolten wir
uns ihrer Unbußfertigkeit auch nicht theilhafftig machen.

§. 138.

Fixel bedanckete ſich und verſprach, wie er ſich alle Tage
mehr und mehr im Glauben an Chriſto JEſu ſtaͤrcken wolte; Schieffer-
Decker aber war ſtille, doch ſo viel man am folgenden Dinſtage erfuhr,
wolte er auch alſo ſich zaͤhmen, wie er gehoͤret hatte, daß Fixel ſolches gethan,
der den Aufſchub dieſes Todes mit Danck vor GOtt erkandt hatte. Des
Brandteweins konnten wir ihn nicht gaͤntzlich entwehnen, daher er recht
winſelte, daß er mit Genehmhaltung der Gerichte fuͤr 3 Pf bekam: Des
Tabacks begab er ſich auch nicht, ohngeacht wir ihn vielfaͤltig ermahneten,
daß er auch davon abſtuͤnde, wir auch nicht eher glauben wuͤrden, ſeine Be-
kehrung gienge ihme aus ernſtlichen Hertzen, ſo lange er noch ſeines nichti-
gen Leibes damit wartete; Denn wo eine rechtſchaffene Buß-Arbeit in
jemanden vorgienge, waͤre ja leicht zu ermeſſen, daß man ſolcherley Zeug
hinwerffen und die kurtze Zeit zur ſorgfaͤltigern Bereitung der Seelen anwen-
den wuͤrde; Allein es war immer Zeit bey ihm uͤbrig, ſo gar, daß er auch
mit der Facultaͤt um ſich wurff: Koͤnnte er nur ſeinen Proceß in die Facul-
taͤt bringen, er wolte noch lange Zeit haben, wo nicht gar anders die Sache
fiedern.

§. 139.

Jch dachte einmahl wieder in ſein Gemuͤthe zu greiffen, und
einen neuen Verſuch zu thun, wie er ſich uͤber numehro geſtandenen Muͤh-
len-Raube mit uns Predigern beſprechen laſſen wolte, erzehlete ihm, wie der
gepluͤnderte Damm-Muͤller mit ſeiner Frauen bey mir geweſen, und erzeh-
let haͤtte, daß jemand unter ihnen in der Muͤhle geſchrien zu allen denen ge-
bundenen: Jhr Hunde bethet, ihr ſollet alle ſterben! auch jemand unter
denen hingeworffenen laut gebethet, denen die uͤbrige erſchrockene Leute nach-
gebethet haͤtten, fragte ihn, wie ihm denn dabey zu muthe geweſen? bekam
aber zur Antwort: Das haͤtte er nicht gehoͤret, redeten die Leute mehr, als

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Zitationshilfe: Schmidt, Andreas: Das Uber vier Malefitz-Personen ergangene Justitz-Rad. Berlin, 1725, S. 94[92]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schmid_justitzrad_1725/100>, abgerufen am 11.04.2021.