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Schmidt, Andreas: Das Uber vier Malefitz-Personen ergangene Justitz-Rad. Berlin, 1725.

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ihnen die Buben-That aus kam, und denen Richtern bekandt wurde, zwey,
ich solte schier glauben auch der dritte, ihr eigener Mann, öffentlich es be-
zeuget, daß sie von ihren vorgehabten Händeln so viel Nachricht gehabt und
alles wol gewust hätte. Allein sie verharrete in ihrem frechen Leugnen, daß
man ihr biß diese Stunde nichts abfragen können. Ob sie, nach-
dem sie nunmehro entbunden, und eine Tochter gebohren, weiterer An-
frage frey bleiben, und wegen der geführten falschen Brand-Brieffe, dero sie
überzeuget worden, gleichen Lohn mit der Schiefferdeckerin bekommen wer-
de, ist uns zur Zeit verborgen, man glaubet aber, daß schwerlich was Gelin-
deres für sie sey aufgehoben worden.

§. 43.

Christoph Kranichfeld, sonst unter ihnen der Schultze
am allermeisten Schieffer-Decker genandt, dieser wird in der Historie allhie
öffters vorkommen, in dem er nebst der Fixelin denen Gerichten sowol in der
wider ihn angestellten Inquisition, als denen Predigern in ihrer Visitation die
meiste Arbeit zu machen recht ausgelernet hatte. Er war der Aelteste unter
allen in diesem vorseyenden Handel, und mehrmalen vorgewesen, wenn es
hart zugegangen war, hatte schon das 40ste Jahr zurücke geleget. Seine
Gebuhrts Stadt soll Tenstädt in Thüringen seyn, woselbst sein Vater ein
Todten-Gräber gewesen, der ihme im 5ten Jahre seines Alters verstorben.
Die Mutter soll sich nach seines Vatern Tode wieder verheyrathet haben,
wann aber der Stieff-Vater mit der gantzen Bagage vor Havelberg zusam-
men angetroffen worden, will es schier das Ansehen gewinnen, daß derselbe
durch seinen Stieff-Vater mit denen übrigen Brüdern zum Bettel-Stabe,
und falschen Brand-Brieffen herangebracht worden. Er hats in dieser
sündlichen Profession am höchsten gebracht, daß er wol zu zweyen mahlen
Pferde und Wagen anschaffen, und damit commoder als die andere Fuß-
gänger von Stadt zu Stadt kommen können, ist aber damit allewege so un-
glücklich gewesen, daß er sie, wenn er wo im Gerichte angehalten worden,
einbüssen, und wieder Fußgänger werden müssen.

§. 44.

Er wolte ein Schieffer-Decker heissen, ich glaube aber, da er
ein flüchtiges Gemüthe hatte, daß er davon wenig vergessen, und eher ein
Tausend-Künstler mochte genandt werden: Denn bald ist er auf den Dörf-
fern auf haarschneiden ausgegangen, die Peruquierer damit zu versehen,
bald hat er den Strumpff-Handel vorgenommen, bald ist er ein Pferde-
Artzt gewesen, und noch andere bey Landsberg und Wrietzen herum haben
ihn als einen Bergmann gekleidet angemercket, die mit einem klingenden

Trian-
E 2

ihnen die Buben-That aus kam, und denen Richtern bekandt wurde, zwey,
ich ſolte ſchier glauben auch der dritte, ihr eigener Mann, oͤffentlich es be-
zeuget, daß ſie von ihren vorgehabten Haͤndeln ſo viel Nachricht gehabt und
alles wol gewuſt haͤtte. Allein ſie verharrete in ihrem frechen Leugnen, daß
man ihr biß dieſe Stunde nichts abfragen koͤnnen. Ob ſie, nach-
dem ſie nunmehro entbunden, und eine Tochter gebohren, weiterer An-
frage frey bleiben, und wegen der gefuͤhrten falſchen Brand-Brieffe, dero ſie
uͤberzeuget worden, gleichen Lohn mit der Schiefferdeckerin bekommen wer-
de, iſt uns zur Zeit verborgen, man glaubet aber, daß ſchwerlich was Gelin-
deres fuͤr ſie ſey aufgehoben worden.

§. 43.

Chriſtoph Kranichfeld, ſonſt unter ihnen der Schultze
am allermeiſten Schieffer-Decker genandt, dieſer wird in der Hiſtorie allhie
oͤffters vorkommen, in dem er nebſt der Fixelin denen Gerichten ſowol in der
wider ihn angeſtellten Inquiſition, als denen Predigern in ihrer Viſitation die
meiſte Arbeit zu machen recht ausgelernet hatte. Er war der Aelteſte unter
allen in dieſem vorſeyenden Handel, und mehrmalen vorgeweſen, wenn es
hart zugegangen war, hatte ſchon das 40ſte Jahr zuruͤcke geleget. Seine
Gebuhrts Stadt ſoll Tenſtaͤdt in Thuͤringen ſeyn, woſelbſt ſein Vater ein
Todten-Graͤber geweſen, der ihme im 5ten Jahre ſeines Alters verſtorben.
Die Mutter ſoll ſich nach ſeines Vatern Tode wieder verheyrathet haben,
wann aber der Stieff-Vater mit der gantzen Bagage vor Havelberg zuſam-
men angetroffen worden, will es ſchier das Anſehen gewinnen, daß derſelbe
durch ſeinen Stieff-Vater mit denen uͤbrigen Bruͤdern zum Bettel-Stabe,
und falſchen Brand-Brieffen herangebracht worden. Er hats in dieſer
ſuͤndlichen Profesſion am hoͤchſten gebracht, daß er wol zu zweyen mahlen
Pferde und Wagen anſchaffen, und damit commoder als die andere Fuß-
gaͤnger von Stadt zu Stadt kommen koͤnnen, iſt aber damit allewege ſo un-
gluͤcklich geweſen, daß er ſie, wenn er wo im Gerichte angehalten worden,
einbuͤſſen, und wieder Fußgaͤnger werden muͤſſen.

§. 44.

Er wolte ein Schieffer-Decker heiſſen, ich glaube aber, da er
ein fluͤchtiges Gemuͤthe hatte, daß er davon wenig vergeſſen, und eher ein
Tauſend-Kuͤnſtler mochte genandt werden: Denn bald iſt er auf den Doͤrf-
fern auf haarſchneiden ausgegangen, die Peruquierer damit zu verſehen,
bald hat er den Strumpff-Handel vorgenommen, bald iſt er ein Pferde-
Artzt geweſen, und noch andere bey Landsberg und Wrietzen herum haben
ihn als einen Bergmann gekleidet angemercket, die mit einem klingenden

Trian-
E 2
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Zitationshilfe: Schmidt, Andreas: Das Uber vier Malefitz-Personen ergangene Justitz-Rad. Berlin, 1725, S. 35[33]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schmid_justitzrad_1725/33>, abgerufen am 22.04.2021.