Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schmidt, Andreas: Das Uber vier Malefitz-Personen ergangene Justitz-Rad. Berlin, 1725.

Bild:
<< vorherige Seite
§. 60.

Am folgenden 4ten Januar. war schon ein völliger Rücksprung
bey diesem Kranichfeld, und da ich des Abends zum erstenmahle ins Hoff-
Gerichte gebethen wurde, ihre canditatos mortis zu sehen, fand ich sie alle
viere in der Gerichts-Stube beysammen, hörete die erste drey umständlich,
nicht allein, was sie in der Mühle verübet, sondern auch wider den Kranich-
feld aussagen, hörete aber auch wie Kranichfeld tapffer leugnen konnte:
Legete man ihm die Sache was nahe, daß er nicht mit unverschämten Lügen
auszubeugen wuste, so that er, als hätte er die Frage nicht gehöret, oder
gab eine gantz fremde Antwort, daß man ins Geschick ihn wieder zu bringen
weder Zeit noch Mühe schonete, so ferne man nicht besorgen wolte, er würde
einem den Proceß in die Weite spielen, wie er denn ruhmräthig sich verlau-
ten lassen, die Herren dencken mit mir so kurtz davon zu kommen, es soll ih-
nen so nicht gelingen.

§. 61.

TRIUM REGUM und drauf folgenden Sonntag wandte ich
zum Besuch in dem Hoff-Gerichte an, nahm am ersten Tage die 3. Män-
ner, einen nach dem andern, Kranichfeld zuletzt vor, fand an ihm, was be-
reits gehöret hatte, ein recht tolles und rasendes Gemüth, davon nachgehends
einige Specimina folgen sollen. War aber unter denen Männern nur noch
etwas weniges zu spühren, welches Schaam und Furcht heissen möchte, so
war, da ich des andern Tages wieder kam, und die drey Weiber vor hatte,
nun gar nichts, als unverschämte Frechheit. Die Fixelin resilirte, gab schon
Unwillen von sich, einem Lutherischen Prediger Rede und Antwort zu geben:
Die Schieffer-Deckerin gieng leiser, und die Hoffmannin beschloß es mit
einem Zeter-Geschrey über die Gerichte.

§. 62.

Am 3. p. Epiphan bekam zwey Billets aus dem Hoff-Ge-
richte, eins vom Herrn Geh. Rath Mylio, und das audre vom Herrn Kriegs-
Rathe Annisio, die beyde des Jnhalts waren, daß Fixel aus eigenem Triebe
ihme meine specialem animae curam erbethen hätte, und Hoffmann desglei-
chen, so fern er derer Patrum consensum haben würde. Jch säumete nicht,
sondern machte mich noch des Tages, nach geendigter Vesper-Predigt auf,
hatte sie beyde zugleich vor, sie kamen auch beyde biß auf die Mittewoche
zu mir, da wars Hoffmannen vom Pater verbothen mehr zu mir zu kommen,
welches ich mir gefallen ließ, ohngeacht ich ihn sonst gerne gelitten hätte, weil
er aufmercksam war und gerne lernen wolte.

§. 63.

Meine Collega, der jüngste Herr Schmid nahm den Schieffer-
Decker, der ihm aber die Dinge eben so spielete, wie mir, blieb beym Leug-

nen,
§. 60.

Am folgenden 4ten Januar. war ſchon ein voͤlliger Ruͤckſprung
bey dieſem Kranichfeld, und da ich des Abends zum erſtenmahle ins Hoff-
Gerichte gebethen wurde, ihre canditatos mortis zu ſehen, fand ich ſie alle
viere in der Gerichts-Stube beyſammen, hoͤrete die erſte drey umſtaͤndlich,
nicht allein, was ſie in der Muͤhle veruͤbet, ſondern auch wider den Kranich-
feld ausſagen, hoͤrete aber auch wie Kranichfeld tapffer leugnen konnte:
Legete man ihm die Sache was nahe, daß er nicht mit unverſchaͤmten Luͤgen
auszubeugen wuſte, ſo that er, als haͤtte er die Frage nicht gehoͤret, oder
gab eine gantz fremde Antwort, daß man ins Geſchick ihn wieder zu bringen
weder Zeit noch Muͤhe ſchonete, ſo ferne man nicht beſorgen wolte, er wuͤrde
einem den Proceß in die Weite ſpielen, wie er denn ruhmraͤthig ſich verlau-
ten laſſen, die Herren dencken mit mir ſo kurtz davon zu kommen, es ſoll ih-
nen ſo nicht gelingen.

§. 61.

TRIUM REGUM und drauf folgenden Sonntag wandte ich
zum Beſuch in dem Hoff-Gerichte an, nahm am erſten Tage die 3. Maͤn-
ner, einen nach dem andern, Kranichfeld zuletzt vor, fand an ihm, was be-
reits gehoͤret hatte, ein recht tolles und raſendes Gemuͤth, davon nachgehends
einige Specimina folgen ſollen. War aber unter denen Maͤnnern nur noch
etwas weniges zu ſpuͤhren, welches Schaam und Furcht heiſſen moͤchte, ſo
war, da ich des andern Tages wieder kam, und die drey Weiber vor hatte,
nun gar nichts, als unverſchaͤmte Frechheit. Die Fixelin reſilirte, gab ſchon
Unwillen von ſich, einem Lutheriſchen Prediger Rede und Antwort zu geben:
Die Schieffer-Deckerin gieng leiſer, und die Hoffmannin beſchloß es mit
einem Zeter-Geſchrey uͤber die Gerichte.

§. 62.

Am 3. p. Epiphan bekam zwey Billets aus dem Hoff-Ge-
richte, eins vom Herrn Geh. Rath Mylio, und das audre vom Herrn Kriegs-
Rathe Anniſio, die beyde des Jnhalts waren, daß Fixel aus eigenem Triebe
ihme meine ſpecialem animæ curam erbethen haͤtte, und Hoffmann desglei-
chen, ſo fern er derer Patrum conſenſum haben wuͤrde. Jch ſaͤumete nicht,
ſondern machte mich noch des Tages, nach geendigter Veſper-Predigt auf,
hatte ſie beyde zugleich vor, ſie kamen auch beyde biß auf die Mittewoche
zu mir, da wars Hoffmannen vom Pater verbothen mehr zu mir zu kommen,
welches ich mir gefallen ließ, ohngeacht ich ihn ſonſt gerne gelitten haͤtte, weil
er aufmerckſam war und gerne lernen wolte.

§. 63.

Meine Collega, der juͤngſte Herr Schmid nahm den Schieffer-
Decker, der ihm aber die Dinge eben ſo ſpielete, wie mir, blieb beym Leug-

nen,
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0040" n="42[40]"/>
      <div n="1">
        <head>§. 60.</head>
        <p>Am folgenden 4ten <hi rendition="#aq">Januar.</hi> war &#x017F;chon ein vo&#x0364;lliger Ru&#x0364;ck&#x017F;prung<lb/>
bey die&#x017F;em Kranichfeld, und da ich des Abends zum er&#x017F;tenmahle ins Hoff-<lb/>
Gerichte gebethen wurde, ihre <hi rendition="#aq">canditatos mortis</hi> zu &#x017F;ehen, fand ich &#x017F;ie alle<lb/>
viere in der Gerichts-Stube bey&#x017F;ammen, ho&#x0364;rete die er&#x017F;te drey um&#x017F;ta&#x0364;ndlich,<lb/>
nicht allein, was &#x017F;ie in der Mu&#x0364;hle veru&#x0364;bet, &#x017F;ondern auch wider den Kranich-<lb/>
feld aus&#x017F;agen, ho&#x0364;rete aber auch wie Kranichfeld tapffer leugnen konnte:<lb/>
Legete man ihm die Sache was nahe, daß er nicht mit unver&#x017F;cha&#x0364;mten Lu&#x0364;gen<lb/>
auszubeugen wu&#x017F;te, &#x017F;o that er, als ha&#x0364;tte er die Frage nicht geho&#x0364;ret, oder<lb/>
gab eine gantz fremde Antwort, daß man ins Ge&#x017F;chick ihn wieder zu bringen<lb/>
weder Zeit noch Mu&#x0364;he &#x017F;chonete, &#x017F;o ferne man nicht be&#x017F;orgen wolte, er wu&#x0364;rde<lb/>
einem den <hi rendition="#aq">Proceß</hi> in die Weite &#x017F;pielen, wie er denn ruhmra&#x0364;thig &#x017F;ich verlau-<lb/>
ten la&#x017F;&#x017F;en, die Herren dencken mit mir &#x017F;o kurtz davon zu kommen, es &#x017F;oll ih-<lb/>
nen &#x017F;o nicht gelingen.</p>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <head>§. 61.</head>
        <p><hi rendition="#aq">TRIUM REGUM</hi> und drauf folgenden Sonntag wandte ich<lb/>
zum Be&#x017F;uch in dem Hoff-Gerichte an, nahm am er&#x017F;ten Tage die 3. Ma&#x0364;n-<lb/>
ner, einen nach dem andern, Kranichfeld zuletzt vor, fand an ihm, was be-<lb/>
reits geho&#x0364;ret hatte, ein recht tolles und ra&#x017F;endes Gemu&#x0364;th, davon nachgehends<lb/>
einige <hi rendition="#aq">Specimina</hi> folgen &#x017F;ollen. War aber unter denen Ma&#x0364;nnern nur noch<lb/>
etwas weniges zu &#x017F;pu&#x0364;hren, welches Schaam und Furcht hei&#x017F;&#x017F;en mo&#x0364;chte, &#x017F;o<lb/>
war, da ich des andern Tages wieder kam, und die drey Weiber vor hatte,<lb/>
nun gar nichts, als unver&#x017F;cha&#x0364;mte Frechheit. Die Fixelin <hi rendition="#aq">re&#x017F;ilir</hi>te, gab &#x017F;chon<lb/>
Unwillen von &#x017F;ich, einem Lutheri&#x017F;chen Prediger Rede und Antwort zu geben:<lb/>
Die Schieffer-Deckerin gieng lei&#x017F;er, und die Hoffmannin be&#x017F;chloß es mit<lb/>
einem Zeter-Ge&#x017F;chrey u&#x0364;ber die Gerichte.</p>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <head>§. 62.</head>
        <p>Am 3. <hi rendition="#aq">p. Epiphan</hi> bekam zwey <hi rendition="#aq">Billets</hi> aus dem Hoff-Ge-<lb/>
richte, eins vom Herrn Geh. Rath <hi rendition="#aq">Mylio,</hi> und das audre vom Herrn Kriegs-<lb/>
Rathe <hi rendition="#aq">Anni&#x017F;io,</hi> die beyde des Jnhalts waren, daß Fixel aus eigenem Triebe<lb/>
ihme meine <hi rendition="#aq">&#x017F;pecialem animæ curam</hi> erbethen ha&#x0364;tte, und Hoffmann desglei-<lb/>
chen, &#x017F;o fern er derer <hi rendition="#aq">Patrum con&#x017F;en&#x017F;um</hi> haben wu&#x0364;rde. Jch &#x017F;a&#x0364;umete nicht,<lb/>
&#x017F;ondern machte mich noch des Tages, nach geendigter <hi rendition="#aq">Ve&#x017F;per-</hi>Predigt auf,<lb/>
hatte &#x017F;ie beyde zugleich vor, &#x017F;ie kamen auch beyde biß auf die Mittewoche<lb/>
zu mir, da wars Hoffmannen vom <hi rendition="#aq">Pater</hi> verbothen mehr zu mir zu kommen,<lb/>
welches ich mir gefallen ließ, ohngeacht ich ihn &#x017F;on&#x017F;t gerne gelitten ha&#x0364;tte, weil<lb/>
er aufmerck&#x017F;am war und gerne lernen wolte.</p>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <head>§. 63.</head>
        <p>Meine <hi rendition="#aq">Collega,</hi> der ju&#x0364;ng&#x017F;te Herr Schmid nahm den Schieffer-<lb/>
Decker, der ihm aber die Dinge eben &#x017F;o &#x017F;pielete, wie mir, blieb beym Leug-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">nen,</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[42[40]/0040] §. 60.Am folgenden 4ten Januar. war ſchon ein voͤlliger Ruͤckſprung bey dieſem Kranichfeld, und da ich des Abends zum erſtenmahle ins Hoff- Gerichte gebethen wurde, ihre canditatos mortis zu ſehen, fand ich ſie alle viere in der Gerichts-Stube beyſammen, hoͤrete die erſte drey umſtaͤndlich, nicht allein, was ſie in der Muͤhle veruͤbet, ſondern auch wider den Kranich- feld ausſagen, hoͤrete aber auch wie Kranichfeld tapffer leugnen konnte: Legete man ihm die Sache was nahe, daß er nicht mit unverſchaͤmten Luͤgen auszubeugen wuſte, ſo that er, als haͤtte er die Frage nicht gehoͤret, oder gab eine gantz fremde Antwort, daß man ins Geſchick ihn wieder zu bringen weder Zeit noch Muͤhe ſchonete, ſo ferne man nicht beſorgen wolte, er wuͤrde einem den Proceß in die Weite ſpielen, wie er denn ruhmraͤthig ſich verlau- ten laſſen, die Herren dencken mit mir ſo kurtz davon zu kommen, es ſoll ih- nen ſo nicht gelingen. §. 61.TRIUM REGUM und drauf folgenden Sonntag wandte ich zum Beſuch in dem Hoff-Gerichte an, nahm am erſten Tage die 3. Maͤn- ner, einen nach dem andern, Kranichfeld zuletzt vor, fand an ihm, was be- reits gehoͤret hatte, ein recht tolles und raſendes Gemuͤth, davon nachgehends einige Specimina folgen ſollen. War aber unter denen Maͤnnern nur noch etwas weniges zu ſpuͤhren, welches Schaam und Furcht heiſſen moͤchte, ſo war, da ich des andern Tages wieder kam, und die drey Weiber vor hatte, nun gar nichts, als unverſchaͤmte Frechheit. Die Fixelin reſilirte, gab ſchon Unwillen von ſich, einem Lutheriſchen Prediger Rede und Antwort zu geben: Die Schieffer-Deckerin gieng leiſer, und die Hoffmannin beſchloß es mit einem Zeter-Geſchrey uͤber die Gerichte. §. 62.Am 3. p. Epiphan bekam zwey Billets aus dem Hoff-Ge- richte, eins vom Herrn Geh. Rath Mylio, und das audre vom Herrn Kriegs- Rathe Anniſio, die beyde des Jnhalts waren, daß Fixel aus eigenem Triebe ihme meine ſpecialem animæ curam erbethen haͤtte, und Hoffmann desglei- chen, ſo fern er derer Patrum conſenſum haben wuͤrde. Jch ſaͤumete nicht, ſondern machte mich noch des Tages, nach geendigter Veſper-Predigt auf, hatte ſie beyde zugleich vor, ſie kamen auch beyde biß auf die Mittewoche zu mir, da wars Hoffmannen vom Pater verbothen mehr zu mir zu kommen, welches ich mir gefallen ließ, ohngeacht ich ihn ſonſt gerne gelitten haͤtte, weil er aufmerckſam war und gerne lernen wolte. §. 63.Meine Collega, der juͤngſte Herr Schmid nahm den Schieffer- Decker, der ihm aber die Dinge eben ſo ſpielete, wie mir, blieb beym Leug- nen,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/schmid_justitzrad_1725
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/schmid_justitzrad_1725/40
Zitationshilfe: Schmidt, Andreas: Das Uber vier Malefitz-Personen ergangene Justitz-Rad. Berlin, 1725, S. 42[40]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schmid_justitzrad_1725/40>, abgerufen am 14.05.2021.