Schnitzler, Arthur: Reigen. Wien, 1903.
konntet, der euch zur Ehe begehrt; -- ihr kennt ja das Elend nicht, das die meisten von diesen armen Geschöpfen der Sünde in die Arme treibt. Die junge Frau. So verkaufen sich denn alle? Der Gatte. Das möchte ich nicht sagen. Ich mein' ja auch nicht nur das materielle Elend. Aber es gibt auch -- ich möchte sagen -- ein sittliches Elend; eine mangelhafte Auf- fassung für das, was erlaubt, und insbe- sondere für das, was edel ist. Die junge Frau. Aber warum sind die zu bedauern? --. Denen geht's ja ganz gut? Der Gatte. Du hast sonderbare Ansichten, mein Kind. Du darfst nicht vergessen, daß solche Wesen von Natur aus bestimmt sind, immer tiefer und tiefer zu fallen. Da gibt es kein Auf- halten.
konntet, der euch zur Ehe begehrt; — ihr kennt ja das Elend nicht, das die meisten von diesen armen Geschöpfen der Sünde in die Arme treibt. Die junge Frau. So verkaufen sich denn alle? Der Gatte. Das möchte ich nicht sagen. Ich mein’ ja auch nicht nur das materielle Elend. Aber es gibt auch — ich möchte sagen — ein sittliches Elend; eine mangelhafte Auf- fassung für das, was erlaubt, und insbe- sondere für das, was edel ist. Die junge Frau. Aber warum sind die zu bedauern? —. Denen geht’s ja ganz gut? Der Gatte. Du hast sonderbare Ansichten, mein Kind. Du darfst nicht vergessen, daß solche Wesen von Natur aus bestimmt sind, immer tiefer und tiefer zu fallen. Da gibt es kein Auf- halten. <TEI> <text> <body> <div n="2"> <sp who="#GATTE"> <p><pb facs="#f0100" n="92"/> konntet, der euch zur Ehe begehrt; — ihr<lb/> kennt ja das Elend nicht, das die meisten<lb/> von diesen armen Geschöpfen der Sünde<lb/> in die Arme treibt.</p> </sp><lb/> <sp who="#JFRAU"> <speaker> <hi rendition="#b">Die junge Frau.</hi> </speaker><lb/> <p>So verkaufen sich denn alle?</p> </sp><lb/> <sp who="#GATTE"> <speaker> <hi rendition="#b">Der Gatte.</hi> </speaker><lb/> <p>Das möchte ich nicht sagen. Ich mein’ ja<lb/> auch nicht nur das materielle Elend. Aber<lb/> es gibt auch — ich möchte sagen — ein<lb/> sittliches Elend; eine mangelhafte Auf-<lb/> fassung für das, was erlaubt, und insbe-<lb/> sondere für das, was edel ist.</p> </sp><lb/> <sp who="#JFRAU"> <speaker> <hi rendition="#b">Die junge Frau.</hi> </speaker><lb/> <p>Aber warum sind die zu bedauern? —.<lb/> Denen geht’s ja ganz gut?</p> </sp><lb/> <sp who="#GATTE"> <speaker> <hi rendition="#b">Der Gatte.</hi> </speaker><lb/> <p>Du hast sonderbare Ansichten, mein Kind.<lb/> Du darfst nicht vergessen, daß solche Wesen<lb/> von Natur aus bestimmt sind, immer tiefer<lb/> und tiefer zu fallen. Da gibt es kein Auf-<lb/> halten.</p> </sp><lb/> </div> </body> </text> </TEI> [92/0100]
konntet, der euch zur Ehe begehrt; — ihr
kennt ja das Elend nicht, das die meisten
von diesen armen Geschöpfen der Sünde
in die Arme treibt.
Die junge Frau.
So verkaufen sich denn alle?
Der Gatte.
Das möchte ich nicht sagen. Ich mein’ ja
auch nicht nur das materielle Elend. Aber
es gibt auch — ich möchte sagen — ein
sittliches Elend; eine mangelhafte Auf-
fassung für das, was erlaubt, und insbe-
sondere für das, was edel ist.
Die junge Frau.
Aber warum sind die zu bedauern? —.
Denen geht’s ja ganz gut?
Der Gatte.
Du hast sonderbare Ansichten, mein Kind.
Du darfst nicht vergessen, daß solche Wesen
von Natur aus bestimmt sind, immer tiefer
und tiefer zu fallen. Da gibt es kein Auf-
halten.
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| Zitationshilfe: | Schnitzler, Arthur: Reigen. Wien, 1903, S. 92. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schnitzler_reigen_1903/100>, abgerufen am 11.09.2024. |


