Ein Strom von Thränen, der meinen Augen entfloß, war meine einzige Antwort.
Dann trat er zu mir, schloß mich in seine Arme, bedeckte mich mit glühenden Küssen, überhäufte mich mit Liebkosungen, und ich litt es ohne Widerstreben, ohne mich in seinen mich immer fester und fester um- schlingenden Armen zu sträuben.
-- "Jch wußte wohl," sagte er darauf, mich einige Augenblicke loslassend, "daß es schon zu spät sei, daß du mich nicht mehr lassen könntest! So sollst du, wenn ich dir auch nicht den Schmerz werde er- sparen können, doch auch das Glück kennen lernen! Ja, du sollst glücklich seyn, Dina, ich gelobe es dir! Aber wenn deine Lippen es mir gestanden haben werden, daß du es warest, dann mache mir auch nie Vorwürfe, es möge kommen, was da wolle!"
Jch verstand ihn nicht; wie hätte ich ihn wohl verstehen können?
Er umarmte und küßte mich nochmals; dann ging er.
Wo nähme ich Worte her, um das zu beschrei- ben, was in mir vorging? Auch ist mir selbst, trotz der Lebhaftigkeit der Erinnerung, nur ein dunkles Bild davon geblieben, weil sich mein armes Gehirn wie im Kreise drehte, weil ich mir selbst über Nichts, was ich dachte und empfand, Rechenschaft abzulegen
Ein Strom von Thränen, der meinen Augen entfloß, war meine einzige Antwort.
Dann trat er zu mir, ſchloß mich in ſeine Arme, bedeckte mich mit glühenden Küſſen, überhäufte mich mit Liebkoſungen, und ich litt es ohne Widerſtreben, ohne mich in ſeinen mich immer feſter und feſter um- ſchlingenden Armen zu ſträuben.
— „Jch wußte wohl,“ ſagte er darauf, mich einige Augenblicke loslaſſend, „daß es ſchon zu ſpät ſei, daß du mich nicht mehr laſſen könnteſt! So ſollſt du, wenn ich dir auch nicht den Schmerz werde er- ſparen können, doch auch das Glück kennen lernen! Ja, du ſollſt glücklich ſeyn, Dina, ich gelobe es dir! Aber wenn deine Lippen es mir geſtanden haben werden, daß du es wareſt, dann mache mir auch nie Vorwürfe, es möge kommen, was da wolle!“
Jch verſtand ihn nicht; wie hätte ich ihn wohl verſtehen können?
Er umarmte und küßte mich nochmals; dann ging er.
Wo nähme ich Worte her, um das zu beſchrei- ben, was in mir vorging? Auch iſt mir ſelbſt, trotz der Lebhaftigkeit der Erinnerung, nur ein dunkles Bild davon geblieben, weil ſich mein armes Gehirn wie im Kreiſe drehte, weil ich mir ſelbſt über Nichts, was ich dachte und empfand, Rechenſchaft abzulegen
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Ein Strom von Thränen, der meinen Augen
entfloß, war meine einzige Antwort.
Dann trat er zu mir, ſchloß mich in ſeine Arme,
bedeckte mich mit glühenden Küſſen, überhäufte mich
mit Liebkoſungen, und ich litt es ohne Widerſtreben,
ohne mich in ſeinen mich immer feſter und feſter um-
ſchlingenden Armen zu ſträuben.
— „Jch wußte wohl,“ ſagte er darauf, mich
einige Augenblicke loslaſſend, „daß es ſchon zu ſpät
ſei, daß du mich nicht mehr laſſen könnteſt! So ſollſt
du, wenn ich dir auch nicht den Schmerz werde er-
ſparen können, doch auch das Glück kennen lernen!
Ja, du ſollſt glücklich ſeyn, Dina, ich gelobe es
dir! Aber wenn deine Lippen es mir geſtanden haben
werden, daß du es wareſt, dann mache mir auch nie
Vorwürfe, es möge kommen, was da wolle!“
Jch verſtand ihn nicht; wie hätte ich ihn wohl
verſtehen können?
Er umarmte und küßte mich nochmals; dann
ging er.
Wo nähme ich Worte her, um das zu beſchrei-
ben, was in mir vorging? Auch iſt mir ſelbſt, trotz
der Lebhaftigkeit der Erinnerung, nur ein dunkles
Bild davon geblieben, weil ſich mein armes Gehirn
wie im Kreiſe drehte, weil ich mir ſelbſt über Nichts,
was ich dachte und empfand, Rechenſchaft abzulegen
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Schoppe, Amalie: Der Prophet. Bd. 2. Jena, 1846, S. 112. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schoppe_prophet02_1846/118>, abgerufen am 23.09.2024.
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