liche Gottesdienste, bei denen der Prophet in der glänzendsten Kleidung als Hoherpriester fungirte, wur- den angestellt; man öffnete die Thüren des großen Tempels; auf dem Altare, auf dem das sogenannte goldene Buch oder die Mormonbibel lag, brannten Tag und Nacht Kerzen; die Priester schwangen un- aufhörlich das Weihrauchfaß; die Gläubigen knieten unaufhörlich vor den Altären und der Prophet hielt fast täglich begeisterte Reden, die ihre Wirkung um so weniger verfehlen konnten, da sie durch seine im- posante äußere Erscheinung, durch eine volltönende Stimme und eine ihm angeborene Beredtsamkeit mäch- tig unterstützt wurden.
Dann setzte er allgemeine Fasten an, nach der von ihm gemachten Erfahrung, daß Nichts dem Fa- natismus mehr Vorschub leiste, als ein hungriger Magen. Zu andern Zeiten wurden Processionen von ihm angeordnet, an deren Spitze er selbst sich stellte; barhaupt und barfuß, im schlechtesten, abgetragensten Gewande, Haupt und Blick zu Boden gesenkt, schritt er in feierlicher Stille den Gläubigen voran zum Tempel, warf sich vor dem goldenen Buche nieder, berührte mit seinem Antlitze die Marmorstufen des Altars und lag lange so, wie im heißesten, in- brünstigsten Gebete, und Alles folgte seinem Bei- spiele.
liche Gottesdienſte, bei denen der Prophet in der glänzendſten Kleidung als Hoherprieſter fungirte, wur- den angeſtellt; man öffnete die Thüren des großen Tempels; auf dem Altare, auf dem das ſogenannte goldene Buch oder die Mormonbibel lag, brannten Tag und Nacht Kerzen; die Prieſter ſchwangen un- aufhörlich das Weihrauchfaß; die Gläubigen knieten unaufhörlich vor den Altären und der Prophet hielt faſt täglich begeiſterte Reden, die ihre Wirkung um ſo weniger verfehlen konnten, da ſie durch ſeine im- poſante äußere Erſcheinung, durch eine volltönende Stimme und eine ihm angeborene Beredtſamkeit mäch- tig unterſtützt wurden.
Dann ſetzte er allgemeine Faſten an, nach der von ihm gemachten Erfahrung, daß Nichts dem Fa- natismus mehr Vorſchub leiſte, als ein hungriger Magen. Zu andern Zeiten wurden Proceſſionen von ihm angeordnet, an deren Spitze er ſelbſt ſich ſtellte; barhaupt und barfuß, im ſchlechteſten, abgetragenſten Gewande, Haupt und Blick zu Boden geſenkt, ſchritt er in feierlicher Stille den Gläubigen voran zum Tempel, warf ſich vor dem goldenen Buche nieder, berührte mit ſeinem Antlitze die Marmorſtufen des Altars und lag lange ſo, wie im heißeſten, in- brünſtigſten Gebete, und Alles folgte ſeinem Bei- ſpiele.
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liche Gottesdienſte, bei denen der Prophet in der
glänzendſten Kleidung als Hoherprieſter fungirte, wur-
den angeſtellt; man öffnete die Thüren des großen
Tempels; auf dem Altare, auf dem das ſogenannte
goldene Buch oder die Mormonbibel lag, brannten
Tag und Nacht Kerzen; die Prieſter ſchwangen un-
aufhörlich das Weihrauchfaß; die Gläubigen knieten
unaufhörlich vor den Altären und der Prophet hielt
faſt täglich begeiſterte Reden, die ihre Wirkung um
ſo weniger verfehlen konnten, da ſie durch ſeine im-
poſante äußere Erſcheinung, durch eine volltönende
Stimme und eine ihm angeborene Beredtſamkeit mäch-
tig unterſtützt wurden.
Dann ſetzte er allgemeine Faſten an, nach der
von ihm gemachten Erfahrung, daß Nichts dem Fa-
natismus mehr Vorſchub leiſte, als ein hungriger
Magen. Zu andern Zeiten wurden Proceſſionen von
ihm angeordnet, an deren Spitze er ſelbſt ſich ſtellte;
barhaupt und barfuß, im ſchlechteſten, abgetragenſten
Gewande, Haupt und Blick zu Boden geſenkt, ſchritt
er in feierlicher Stille den Gläubigen voran zum
Tempel, warf ſich vor dem goldenen Buche nieder,
berührte mit ſeinem Antlitze die Marmorſtufen des
Altars und lag lange ſo, wie im heißeſten, in-
brünſtigſten Gebete, und Alles folgte ſeinem Bei-
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Schoppe, Amalie: Der Prophet. Bd. 3. Jena, 1846, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schoppe_prophet03_1846/46>, abgerufen am 10.08.2024.
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