und von Venedig besonders hört man kein Wort, nicht zum Lobe, noch weniger zum Ta- del. So ist hier auch die Kunst, über die Leute zu sprechen, die "medisance", bey wei- tem keine so ergiebige Hülfsquelle für die Un- terhaltung, als anderwärts. Es ist hier alles voller Parteyen, die in der Afterregierung des kleinen, noch so genannten, Freystaats ihren Grund haben. Auf jemand sticheln, über jemand lachen, jemand mit Versen und Sinngedichten verfolgen, wäre zugleich eine politische und gesellschaftliche Kriegserklärung, die nicht mit ähnlichen, sondern mit ernsthaf- ten Waffen erwiedert werden würde; denn die Veroneser sind bey aller Feinheit der Sit- ten, bey aller Bildung durch schöne Künste und Wissenschaften, und bey aller Artigkeit im Aeußern, dennoch im Rufe der Rachsucht, die indessen, unter den höheren Ständen we- niger öffentlich zum Ausbruch kömmt, son- dern sich mehr in Ränken, in Kränkungen durch die zweyte Hand und Untergrabungen
zeigt.
und von Venedig beſonders hoͤrt man kein Wort, nicht zum Lobe, noch weniger zum Ta- del. So iſt hier auch die Kunſt, uͤber die Leute zu ſprechen, die „medisance“, bey wei- tem keine ſo ergiebige Huͤlfsquelle fuͤr die Un- terhaltung, als anderwaͤrts. Es iſt hier alles voller Parteyen, die in der Afterregierung des kleinen, noch ſo genannten, Freyſtaats ihren Grund haben. Auf jemand ſticheln, uͤber jemand lachen, jemand mit Verſen und Sinngedichten verfolgen, waͤre zugleich eine politiſche und geſellſchaftliche Kriegserklaͤrung, die nicht mit aͤhnlichen, ſondern mit ernſthaf- ten Waffen erwiedert werden wuͤrde; denn die Veroneſer ſind bey aller Feinheit der Sit- ten, bey aller Bildung durch ſchoͤne Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, und bey aller Artigkeit im Aeußern, dennoch im Rufe der Rachſucht, die indeſſen, unter den hoͤheren Staͤnden we- niger oͤffentlich zum Ausbruch koͤmmt, ſon- dern ſich mehr in Raͤnken, in Kraͤnkungen durch die zweyte Hand und Untergrabungen
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und von Venedig beſonders hoͤrt man kein
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del. So iſt hier auch die Kunſt, uͤber die
Leute zu ſprechen, die „medisance“, bey wei-
tem keine ſo ergiebige Huͤlfsquelle fuͤr die Un-
terhaltung, als anderwaͤrts. Es iſt hier alles
voller Parteyen, die in der Afterregierung
des kleinen, noch ſo genannten, Freyſtaats
ihren Grund haben. Auf jemand ſticheln,
uͤber jemand lachen, jemand mit Verſen und
Sinngedichten verfolgen, waͤre zugleich eine
politiſche und geſellſchaftliche Kriegserklaͤrung,
die nicht mit aͤhnlichen, ſondern mit ernſthaf-
ten Waffen erwiedert werden wuͤrde; denn
die Veroneſer ſind bey aller Feinheit der Sit-
ten, bey aller Bildung durch ſchoͤne Kuͤnſte
und Wiſſenſchaften, und bey aller Artigkeit
im Aeußern, dennoch im Rufe der Rachſucht,
die indeſſen, unter den hoͤheren Staͤnden we-
niger oͤffentlich zum Ausbruch koͤmmt, ſon-
dern ſich mehr in Raͤnken, in Kraͤnkungen
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Die "Neue Reise durch Italien" ist auch erschiene… [mehr]
Die "Neue Reise durch Italien" ist auch erschienen als 7. Heft der "Reise eines Livländers von Riga nach Warschau, durch Südpreußen, über Breslau [...] nach Bozen in Tyrol".
Schulz, Friedrich: Neue Reise durch Italien. Bd. 1, H. 1. Berlin, 1797, S. 176. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schulz_italien_1797/184>, abgerufen am 15.09.2024.
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