solcher Keckheit angebracht, daß deren Grund- mauer gleich so senkrecht empor steigt, wie der Felsen selbst, daß man mithin vor dessen Ver- witterung gar nicht besorgt gewesen scheint; und doch war diese Burg, wie es von unten herauf das Ansehen hat, nicht unüberwindlich, weil man sie, von den herüber ragenden Berg- spitzen her, mit etwas Mechanick, unter Fel- senstücken begraben und die Belagerten mit Steinen hätte zerschmettern können. Sie ist übrigens seit lange nicht mehr bewohnt, und zwar wie ein uralter deutscher Reisebeschreiber, Herr Johann Wilhelm Neumair von Ramßla, sagt: "wegen der Gespenst, so sich darin aufhalten sollen."
Das Thal, welches hier auf beyden Seiten von unwirthbaren Felsen eingeschlossen, und von der Etsch durchströmt wird, giebt eine öde, arme Ansicht. Es ist streckenweise sumpfig, und streckenweise von dem Strome so aufgeris- sen, daß der Boden kein Gräschen zeigt, son- dern nichts, als Stein und Stein, zwischen
ſolcher Keckheit angebracht, daß deren Grund- mauer gleich ſo ſenkrecht empor ſteigt, wie der Felſen ſelbſt, daß man mithin vor deſſen Ver- witterung gar nicht beſorgt geweſen ſcheint; und doch war dieſe Burg, wie es von unten herauf das Anſehen hat, nicht unuͤberwindlich, weil man ſie, von den heruͤber ragenden Berg- ſpitzen her, mit etwas Mechanick, unter Fel- ſenſtuͤcken begraben und die Belagerten mit Steinen haͤtte zerſchmettern koͤnnen. Sie iſt uͤbrigens ſeit lange nicht mehr bewohnt, und zwar wie ein uralter deutſcher Reiſebeſchreiber, Herr Johann Wilhelm Neumair von Ramßla, ſagt: „wegen der Geſpenſt, ſo ſich darin aufhalten ſollen.“
Das Thal, welches hier auf beyden Seiten von unwirthbaren Felſen eingeſchloſſen, und von der Etſch durchſtroͤmt wird, giebt eine oͤde, arme Anſicht. Es iſt ſtreckenweiſe ſumpfig, und ſtreckenweiſe von dem Strome ſo aufgeriſ- ſen, daß der Boden kein Graͤschen zeigt, ſon- dern nichts, als Stein und Stein, zwiſchen
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ſolcher Keckheit angebracht, daß deren Grund-
mauer gleich ſo ſenkrecht empor ſteigt, wie der
Felſen ſelbſt, daß man mithin vor deſſen Ver-
witterung gar nicht beſorgt geweſen ſcheint;
und doch war dieſe Burg, wie es von unten
herauf das Anſehen hat, nicht unuͤberwindlich,
weil man ſie, von den heruͤber ragenden Berg-
ſpitzen her, mit etwas Mechanick, unter Fel-
ſenſtuͤcken begraben und die Belagerten mit
Steinen haͤtte zerſchmettern koͤnnen. Sie iſt
uͤbrigens ſeit lange nicht mehr bewohnt, und
zwar wie ein uralter deutſcher Reiſebeſchreiber,
Herr Johann Wilhelm Neumair von
Ramßla, ſagt: „wegen der Geſpenſt,
ſo ſich darin aufhalten ſollen.“
Das Thal, welches hier auf beyden Seiten
von unwirthbaren Felſen eingeſchloſſen, und
von der Etſch durchſtroͤmt wird, giebt eine oͤde,
arme Anſicht. Es iſt ſtreckenweiſe ſumpfig,
und ſtreckenweiſe von dem Strome ſo aufgeriſ-
ſen, daß der Boden kein Graͤschen zeigt, ſon-
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Die "Neue Reise durch Italien" ist auch erschiene… [mehr]
Die "Neue Reise durch Italien" ist auch erschienen als 7. Heft der "Reise eines Livländers von Riga nach Warschau, durch Südpreußen, über Breslau [...] nach Bozen in Tyrol".
Schulz, Friedrich: Neue Reise durch Italien. Bd. 1, H. 1. Berlin, 1797, S. 26. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schulz_italien_1797/34>, abgerufen am 15.09.2024.
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