Schweizerladen. Die Gäste hatten ganz das Ansehen, als ob sie den langen Tag hindurch bald davor, bald darin gesessen und auf jede Weise lange Weile gehabt hätten. Als das Ave Maria geläutet wurde, setzten sie das eine Knie auf die Bänke und Stühle, nah- men den Hut herunter und flüsterten ein paar dahin gehörige Worte. Sodann klapperten die Steine auf dem Damenbrete wie vorher, und die Unbeschäftigten gähnten dazwischen.
Meine eigene Fahrlässigkeit war Schuld daran gewesen, daß mich mein Postknecht in einen Gasthof, wo es ihm sehr gefiel, hatte fahren dürfen. Jn der That, es wäre eine Schande für diese berühmte alte Stadt, wenn sie nur Einen und nur Solchen Gasthof be- säße, als der meinige war. Jch müßte mich sehr irren, wenn nicht schon ein Mitglied je- ner Kirchenversammlung in dem Zimmer, das mir zu Theil wurde, gewohnt haben sollte; wenigstens deutete die Täfeley, womit dasselbe geziert war, auf zwey Jahrhunderte und dar-
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Schweizerladen. Die Gaͤſte hatten ganz das Anſehen, als ob ſie den langen Tag hindurch bald davor, bald darin geſeſſen und auf jede Weiſe lange Weile gehabt haͤtten. Als das Ave Maria gelaͤutet wurde, ſetzten ſie das eine Knie auf die Baͤnke und Stuͤhle, nah- men den Hut herunter und fluͤſterten ein paar dahin gehoͤrige Worte. Sodann klapperten die Steine auf dem Damenbrete wie vorher, und die Unbeſchaͤftigten gaͤhnten dazwiſchen.
Meine eigene Fahrlaͤſſigkeit war Schuld daran geweſen, daß mich mein Poſtknecht in einen Gaſthof, wo es ihm ſehr gefiel, hatte fahren duͤrfen. Jn der That, es waͤre eine Schande fuͤr dieſe beruͤhmte alte Stadt, wenn ſie nur Einen und nur Solchen Gaſthof be- ſaͤße, als der meinige war. Jch muͤßte mich ſehr irren, wenn nicht ſchon ein Mitglied je- ner Kirchenverſammlung in dem Zimmer, das mir zu Theil wurde, gewohnt haben ſollte; wenigſtens deutete die Taͤfeley, womit daſſelbe geziert war, auf zwey Jahrhunderte und dar-
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Schweizerladen. Die Gaͤſte hatten ganz das
Anſehen, als ob ſie den langen Tag hindurch
bald davor, bald darin geſeſſen und auf jede
Weiſe lange Weile gehabt haͤtten. Als das
Ave Maria gelaͤutet wurde, ſetzten ſie das
eine Knie auf die Baͤnke und Stuͤhle, nah-
men den Hut herunter und fluͤſterten ein paar
dahin gehoͤrige Worte. Sodann klapperten
die Steine auf dem Damenbrete wie vorher,
und die Unbeſchaͤftigten gaͤhnten dazwiſchen.
Meine eigene Fahrlaͤſſigkeit war Schuld
daran geweſen, daß mich mein Poſtknecht in
einen Gaſthof, wo es ihm ſehr gefiel, hatte
fahren duͤrfen. Jn der That, es waͤre eine
Schande fuͤr dieſe beruͤhmte alte Stadt, wenn
ſie nur Einen und nur Solchen Gaſthof be-
ſaͤße, als der meinige war. Jch muͤßte mich
ſehr irren, wenn nicht ſchon ein Mitglied je-
ner Kirchenverſammlung in dem Zimmer, das
mir zu Theil wurde, gewohnt haben ſollte;
wenigſtens deutete die Taͤfeley, womit daſſelbe
geziert war, auf zwey Jahrhunderte und dar-
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Die "Neue Reise durch Italien" ist auch erschiene… [mehr]
Die "Neue Reise durch Italien" ist auch erschienen als 7. Heft der "Reise eines Livländers von Riga nach Warschau, durch Südpreußen, über Breslau [...] nach Bozen in Tyrol".
Schulz, Friedrich: Neue Reise durch Italien. Bd. 1, H. 1. Berlin, 1797, S. 35. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schulz_italien_1797/43>, abgerufen am 15.09.2024.
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