ihrer sicher zu seyn, und sie muß empfangen, um überzeugt zu werden, daß sie seiner sicher ist. Dieß Band des thierischen Triebes, der Eigenliebe und des Eigennutzes ist nicht halt- bar. Sie findet bey ihm keine Liebe, und er bey ihr höchstens Dankbarkeit, nie persönliche Anhänglichkeit, ihr Herz müßte denn unge- wöhnlich gut seyn. Ein ängstliches Mißtrauen auf beyden Seiten theilt ihnen eine Empfin- dung mit, die wie Eifersucht aussieht, und im Grunde hält bloß diese eine Verbindung zu- sammen, die so locker und so quälend ist, als sie, für das Wohl der bürgerlichen Gesellschaft und die Fortpflanzung des menschlichen Ge- schlechts, zu seyn verdienet.
Daß die Unterhaltung einer solchen Per- son sehr kostbar seyn müsse, fließt aus dem vorigen. Man miethet eine Wohnung, die der Eitelkeit des Unterhalters und den An- maßungen der Unterhaltenen angemessen ist. Sie muß in einer lebhaften Straße seyn, da- mit man, wenn man bey ihr im Fenster liegt,
ihrer ſicher zu ſeyn, und ſie muß empfangen, um uͤberzeugt zu werden, daß ſie ſeiner ſicher iſt. Dieß Band des thieriſchen Triebes, der Eigenliebe und des Eigennutzes iſt nicht halt- bar. Sie findet bey ihm keine Liebe, und er bey ihr hoͤchſtens Dankbarkeit, nie perſoͤnliche Anhaͤnglichkeit, ihr Herz muͤßte denn unge- woͤhnlich gut ſeyn. Ein aͤngſtliches Mißtrauen auf beyden Seiten theilt ihnen eine Empfin- dung mit, die wie Eiferſucht ausſieht, und im Grunde haͤlt bloß dieſe eine Verbindung zu- ſammen, die ſo locker und ſo quaͤlend iſt, als ſie, fuͤr das Wohl der buͤrgerlichen Geſellſchaft und die Fortpflanzung des menſchlichen Ge- ſchlechts, zu ſeyn verdienet.
Daß die Unterhaltung einer ſolchen Per- ſon ſehr koſtbar ſeyn muͤſſe, fließt aus dem vorigen. Man miethet eine Wohnung, die der Eitelkeit des Unterhalters und den An- maßungen der Unterhaltenen angemeſſen iſt. Sie muß in einer lebhaften Straße ſeyn, da- mit man, wenn man bey ihr im Fenſter liegt,
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ihrer ſicher zu ſeyn, und ſie muß empfangen,
um uͤberzeugt zu werden, daß ſie ſeiner ſicher
iſt. Dieß Band des thieriſchen Triebes, der
Eigenliebe und des Eigennutzes iſt nicht halt-
bar. Sie findet bey ihm keine Liebe, und er
bey ihr hoͤchſtens Dankbarkeit, nie perſoͤnliche
Anhaͤnglichkeit, ihr Herz muͤßte denn unge-
woͤhnlich gut ſeyn. Ein aͤngſtliches Mißtrauen
auf beyden Seiten theilt ihnen eine Empfin-
dung mit, die wie Eiferſucht ausſieht, und im
Grunde haͤlt bloß dieſe eine Verbindung zu-
ſammen, die ſo locker und ſo quaͤlend iſt, als
ſie, fuͤr das Wohl der buͤrgerlichen Geſellſchaft
und die Fortpflanzung des menſchlichen Ge-
ſchlechts, zu ſeyn verdienet.
Daß die Unterhaltung einer ſolchen Per-
ſon ſehr koſtbar ſeyn muͤſſe, fließt aus dem
vorigen. Man miethet eine Wohnung, die
der Eitelkeit des Unterhalters und den An-
maßungen der Unterhaltenen angemeſſen iſt.
Sie muß in einer lebhaften Straße ſeyn, da-
mit man, wenn man bey ihr im Fenſter liegt,
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Schulz, Friedrich: Reise eines Liefländers. Bd. 2, [H. 3]. Berlin, 1795, S. 58. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schulz_reise0201_1795/68>, abgerufen am 23.09.2024.
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