Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Simmel, Georg: Philosophie des Geldes. Leipzig, 1900.

Bild:
<< vorherige Seite

Und gerade indem sie so das formal gleiche Verhältnis zu den Dingen
haben, sind sie einander so fremd, wie bei Spinoza das Denken und
die Ausdehnung: weil diese beiden ebendasselbe, die absolute Sub-
stanz, ausdrücken, jedes aber auf seine Weise und für sich vollständig,
kann nie eines in das andere übergreifen. Sie berühren sich nirgends,
weil sie die Begriffe der Dinge nach völlig Verschiedenem fragen.

Dieses Verhältnis zwischen Wert und Wirklichkeit pflegt man als
die Subjektivität des Wertes zu bezeichnen. Indem ein und derselbe
Gegenstand in einer Seele den höchsten, in einer andern den niedrigsten
Grad des Wertes besitzen kann, und umgekehrt die allseitige und
äusserste Verschiedenheit der Objekte sich mit der Gleichheit ihres
Wertes verträgt, so scheint als Grund der Wertung nur das Subjekt
mit seinen normalen oder ausnahmsweisen, dauernden oder wechselnden
Stimmungen und Reaktionsweisen übrig zu bleiben. Es bedarf kaum
der Erwähnung, dass diese Subjektivität nichts mit jener zu thun hat,
der man die Gesamtheit der Welt, da sie "meine Vorstellung" ist, an-
heimgegeben hat. Denn die Subjektivität, die vom Werte ausgesagt wird,
stellt ihn in den Gegensatz zu den fertigen, gegebenen Objekten, völlig
gleichgültig dagegen, auf welche Weise diese selbst zustande gekommen
sind. Anders ausgedrückt: das Subjekt, das alle Objekte umfasst, ist
ein anderes als dasjenige, das sich ihnen gegenüberstellt, während die
Subjektivität des Wertes, die er mit allen Objekten teilt, hier ganz
selbstverständlich ist. Auch kann seine Subjektivität nicht den Sinn
der Willkür haben: all jene Unabhängigkeit vom Wirklichen bedeutet
nicht, dass der Wille ihn mit ungebundener oder launenhafter Freiheit
da und dorthin verteilen könnte. Das Bewusstsein findet ihn vielmehr
als eine Thatsache vor, an der es unmittelbar so wenig ändern kann, wie
an den Wirklichkeiten. Nach Ausschluss dieser Bedeutungen bleibt der
Subjektivität des Wertes zunächst nur die negative: dass der Wert nicht
in demselben Sinne an den Objekten selbst haftet, wie die Farbe oder
die Temperatur; denn diese, obgleich von unsern Sinnesbeschaffenheiten
bestimmt, werden doch von einem Gefühle unmittelbarer Abhängigkeit
von dem Objekt begleitet -- einem Gefühle, auf das uns dem Werte
gegenüber die eingesehene Gleichgültigkeit zwischen der Wirklichkeits-
und der Wertreihe leicht verzichten lehrt. Allein wesentlicher und
fruchtbarer als diese Bestimmung sind diejenigen Fälle, in denen die
psychologischen Thatsachen sie dennoch zu dementieren scheinen.

Bedeutet Subjektivität des Wertes, dass er keine den Dingen an und
für sich anhaftende und von unserem Bewusstsein nachgezeichnete Bestimmt-
heit, sondern dass der Wert der Objekte nur ein in uns stattfindender
Wertungsprozess, nur unsere Beurteilung ihrer ist -- so will dies mit

Und gerade indem sie so das formal gleiche Verhältnis zu den Dingen
haben, sind sie einander so fremd, wie bei Spinoza das Denken und
die Ausdehnung: weil diese beiden ebendasselbe, die absolute Sub-
stanz, ausdrücken, jedes aber auf seine Weise und für sich vollständig,
kann nie eines in das andere übergreifen. Sie berühren sich nirgends,
weil sie die Begriffe der Dinge nach völlig Verschiedenem fragen.

Dieses Verhältnis zwischen Wert und Wirklichkeit pflegt man als
die Subjektivität des Wertes zu bezeichnen. Indem ein und derselbe
Gegenstand in einer Seele den höchsten, in einer andern den niedrigsten
Grad des Wertes besitzen kann, und umgekehrt die allseitige und
äuſserste Verschiedenheit der Objekte sich mit der Gleichheit ihres
Wertes verträgt, so scheint als Grund der Wertung nur das Subjekt
mit seinen normalen oder ausnahmsweisen, dauernden oder wechselnden
Stimmungen und Reaktionsweisen übrig zu bleiben. Es bedarf kaum
der Erwähnung, daſs diese Subjektivität nichts mit jener zu thun hat,
der man die Gesamtheit der Welt, da sie „meine Vorstellung“ ist, an-
heimgegeben hat. Denn die Subjektivität, die vom Werte ausgesagt wird,
stellt ihn in den Gegensatz zu den fertigen, gegebenen Objekten, völlig
gleichgültig dagegen, auf welche Weise diese selbst zustande gekommen
sind. Anders ausgedrückt: das Subjekt, das alle Objekte umfaſst, ist
ein anderes als dasjenige, das sich ihnen gegenüberstellt, während die
Subjektivität des Wertes, die er mit allen Objekten teilt, hier ganz
selbstverständlich ist. Auch kann seine Subjektivität nicht den Sinn
der Willkür haben: all jene Unabhängigkeit vom Wirklichen bedeutet
nicht, daſs der Wille ihn mit ungebundener oder launenhafter Freiheit
da und dorthin verteilen könnte. Das Bewuſstsein findet ihn vielmehr
als eine Thatsache vor, an der es unmittelbar so wenig ändern kann, wie
an den Wirklichkeiten. Nach Ausschluſs dieser Bedeutungen bleibt der
Subjektivität des Wertes zunächst nur die negative: daſs der Wert nicht
in demselben Sinne an den Objekten selbst haftet, wie die Farbe oder
die Temperatur; denn diese, obgleich von unsern Sinnesbeschaffenheiten
bestimmt, werden doch von einem Gefühle unmittelbarer Abhängigkeit
von dem Objekt begleitet — einem Gefühle, auf das uns dem Werte
gegenüber die eingesehene Gleichgültigkeit zwischen der Wirklichkeits-
und der Wertreihe leicht verzichten lehrt. Allein wesentlicher und
fruchtbarer als diese Bestimmung sind diejenigen Fälle, in denen die
psychologischen Thatsachen sie dennoch zu dementieren scheinen.

Bedeutet Subjektivität des Wertes, daſs er keine den Dingen an und
für sich anhaftende und von unserem Bewuſstsein nachgezeichnete Bestimmt-
heit, sondern daſs der Wert der Objekte nur ein in uns stattfindender
Wertungsprozeſs, nur unsere Beurteilung ihrer ist — so will dies mit

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0031" n="7"/>
Und gerade indem sie so das formal gleiche Verhältnis zu den Dingen<lb/>
haben, sind sie einander so fremd, wie bei Spinoza das Denken und<lb/>
die Ausdehnung: weil diese beiden ebendasselbe, die absolute Sub-<lb/>
stanz, ausdrücken, jedes aber auf seine Weise und für sich vollständig,<lb/>
kann nie eines in das andere übergreifen. Sie berühren sich nirgends,<lb/>
weil sie die Begriffe der Dinge nach völlig Verschiedenem fragen.</p><lb/>
            <p>Dieses Verhältnis zwischen Wert und Wirklichkeit pflegt man als<lb/>
die Subjektivität des Wertes zu bezeichnen. Indem ein und derselbe<lb/>
Gegenstand in einer Seele den höchsten, in einer andern den niedrigsten<lb/>
Grad des Wertes besitzen kann, und umgekehrt die allseitige und<lb/>
äu&#x017F;serste Verschiedenheit der Objekte sich mit der Gleichheit ihres<lb/>
Wertes verträgt, so scheint als Grund der Wertung nur das Subjekt<lb/>
mit seinen normalen oder ausnahmsweisen, dauernden oder wechselnden<lb/>
Stimmungen und Reaktionsweisen übrig zu bleiben. Es bedarf kaum<lb/>
der Erwähnung, da&#x017F;s diese Subjektivität nichts mit jener zu thun hat,<lb/>
der man die Gesamtheit der Welt, da sie &#x201E;meine Vorstellung&#x201C; ist, an-<lb/>
heimgegeben hat. Denn die Subjektivität, die vom Werte ausgesagt wird,<lb/>
stellt ihn in den Gegensatz zu den fertigen, gegebenen Objekten, völlig<lb/>
gleichgültig dagegen, auf welche Weise diese selbst zustande gekommen<lb/>
sind. Anders ausgedrückt: das Subjekt, das alle Objekte umfa&#x017F;st, ist<lb/>
ein anderes als dasjenige, das sich ihnen gegenüberstellt, während <hi rendition="#g">die</hi><lb/>
Subjektivität des Wertes, die er mit allen Objekten teilt, hier ganz<lb/>
selbstverständlich ist. Auch kann seine Subjektivität nicht den Sinn<lb/>
der Willkür haben: all jene Unabhängigkeit vom Wirklichen bedeutet<lb/>
nicht, da&#x017F;s der Wille ihn mit ungebundener oder launenhafter Freiheit<lb/>
da und dorthin verteilen könnte. Das Bewu&#x017F;stsein findet ihn vielmehr<lb/>
als eine Thatsache vor, an der es unmittelbar so wenig ändern kann, wie<lb/>
an den Wirklichkeiten. Nach Ausschlu&#x017F;s dieser Bedeutungen bleibt der<lb/>
Subjektivität des Wertes zunächst nur die negative: da&#x017F;s der Wert nicht<lb/>
in demselben Sinne an den Objekten selbst haftet, wie die Farbe oder<lb/>
die Temperatur; denn diese, obgleich von unsern Sinnesbeschaffenheiten<lb/>
bestimmt, werden doch von einem Gefühle unmittelbarer Abhängigkeit<lb/>
von dem Objekt begleitet &#x2014; einem Gefühle, auf das uns dem Werte<lb/>
gegenüber die eingesehene Gleichgültigkeit zwischen der Wirklichkeits-<lb/>
und der Wertreihe leicht verzichten lehrt. Allein wesentlicher und<lb/>
fruchtbarer als diese Bestimmung sind diejenigen Fälle, in denen die<lb/>
psychologischen Thatsachen sie dennoch zu dementieren scheinen.</p><lb/>
            <p>Bedeutet Subjektivität des Wertes, da&#x017F;s er keine den Dingen an und<lb/>
für sich anhaftende und von unserem Bewu&#x017F;stsein nachgezeichnete Bestimmt-<lb/>
heit, sondern da&#x017F;s der Wert der Objekte nur ein in uns stattfindender<lb/>
Wertungsproze&#x017F;s, nur unsere Beurteilung ihrer ist &#x2014; so will dies mit<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[7/0031] Und gerade indem sie so das formal gleiche Verhältnis zu den Dingen haben, sind sie einander so fremd, wie bei Spinoza das Denken und die Ausdehnung: weil diese beiden ebendasselbe, die absolute Sub- stanz, ausdrücken, jedes aber auf seine Weise und für sich vollständig, kann nie eines in das andere übergreifen. Sie berühren sich nirgends, weil sie die Begriffe der Dinge nach völlig Verschiedenem fragen. Dieses Verhältnis zwischen Wert und Wirklichkeit pflegt man als die Subjektivität des Wertes zu bezeichnen. Indem ein und derselbe Gegenstand in einer Seele den höchsten, in einer andern den niedrigsten Grad des Wertes besitzen kann, und umgekehrt die allseitige und äuſserste Verschiedenheit der Objekte sich mit der Gleichheit ihres Wertes verträgt, so scheint als Grund der Wertung nur das Subjekt mit seinen normalen oder ausnahmsweisen, dauernden oder wechselnden Stimmungen und Reaktionsweisen übrig zu bleiben. Es bedarf kaum der Erwähnung, daſs diese Subjektivität nichts mit jener zu thun hat, der man die Gesamtheit der Welt, da sie „meine Vorstellung“ ist, an- heimgegeben hat. Denn die Subjektivität, die vom Werte ausgesagt wird, stellt ihn in den Gegensatz zu den fertigen, gegebenen Objekten, völlig gleichgültig dagegen, auf welche Weise diese selbst zustande gekommen sind. Anders ausgedrückt: das Subjekt, das alle Objekte umfaſst, ist ein anderes als dasjenige, das sich ihnen gegenüberstellt, während die Subjektivität des Wertes, die er mit allen Objekten teilt, hier ganz selbstverständlich ist. Auch kann seine Subjektivität nicht den Sinn der Willkür haben: all jene Unabhängigkeit vom Wirklichen bedeutet nicht, daſs der Wille ihn mit ungebundener oder launenhafter Freiheit da und dorthin verteilen könnte. Das Bewuſstsein findet ihn vielmehr als eine Thatsache vor, an der es unmittelbar so wenig ändern kann, wie an den Wirklichkeiten. Nach Ausschluſs dieser Bedeutungen bleibt der Subjektivität des Wertes zunächst nur die negative: daſs der Wert nicht in demselben Sinne an den Objekten selbst haftet, wie die Farbe oder die Temperatur; denn diese, obgleich von unsern Sinnesbeschaffenheiten bestimmt, werden doch von einem Gefühle unmittelbarer Abhängigkeit von dem Objekt begleitet — einem Gefühle, auf das uns dem Werte gegenüber die eingesehene Gleichgültigkeit zwischen der Wirklichkeits- und der Wertreihe leicht verzichten lehrt. Allein wesentlicher und fruchtbarer als diese Bestimmung sind diejenigen Fälle, in denen die psychologischen Thatsachen sie dennoch zu dementieren scheinen. Bedeutet Subjektivität des Wertes, daſs er keine den Dingen an und für sich anhaftende und von unserem Bewuſstsein nachgezeichnete Bestimmt- heit, sondern daſs der Wert der Objekte nur ein in uns stattfindender Wertungsprozeſs, nur unsere Beurteilung ihrer ist — so will dies mit

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/simmel_geld_1900
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/simmel_geld_1900/31
Zitationshilfe: Simmel, Georg: Philosophie des Geldes. Leipzig, 1900, S. 7. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/simmel_geld_1900/31>, abgerufen am 07.10.2022.