Spener, Philipp Jakob: Theologische Bedencken. Bd. 2. Halle (Saale), 1701.Das dritte Capitel. den/ wie man dero übung also einrichtete und mäßigte/ daß so viel müglich/die meiste ungemache ausblieben. (nachdem es gleich wol heißt/ praecepta af- firmativa obligant semper, sed non ad semper, daher einige auch ins gemein befohlene dinge dann und wann/ da und dort/ mehrers unheyl zu verhüten/ unterlassen/ oder doch etwas davon ausgesetzt werden dörffen.) Jch hoffe aber auffs wenigste nicht/ daß jemand dergleichen befohlen zu seyn/ vorgeben werde/ (wie dann dergleichen befehl unmüglich gezeiget werden könte) son- dern man begnügte sich allein etwa damit/ daß sothaner gebrauch erlaubt seye/ und also kinder Gottes ihres rechts nach ihrem gutbefinden unverhin- dert jemands/ geniessen dörfften. Wann es dann nun auch also wäre/ und daß die sache göttlicher ordnung nicht zu wider/ erwiesen werden könte/ achte ich doch/ daß wegen oberzehlter ärgernüssen und böser folgen/ auch der be- wandnüß der jetzigen zeiten/ die jenige Christen/ so sich dergleichen frey zu seyn glauben/ gleichwol lieber sich des gebrauchs ihrer freyheit begeben/ als zu so vieler zerrüttung und unheyl/ da es nicht um leibliches leiden/ son- dern die anlaß vieler von allerley leuten begehender sünden/ zu thun ist/ ge- legenheit geben solten/ und wo sie rechtschaffene liebe haben/ der übrigen mit sothaner unterlassung schonen würden. Wir wissen und gestehen alle/ daß nechst dem glauben die liebe die vornehmste Meisterin des gantzen lebens seye/ daher kein kind GOttes seinen nutzen mit eines andern schaden suchet/ oder auch suchen dörffte. Phil. 2/ 4. Ein jeglicher sehe nicht auff das seine/ sondern auffdas/ das des andern ist. 1. Cor. 10/ 24. Niemand suche was sein ist/ sondern ein jeglicher was des andern ist. v. 33. ich suche nicht was mir/ sondern was vielen frommet/ daß sie selig werden. So gehet auch diese regel nicht allein das zeitliche oder leibliche/ sondern auch das geist- liche/ und in gewisser maaß das ewige an. Unser liebste Heyland JEsus/ das höchste muster der liebe/ enteussert sich aus liebe zu uns/ seiner Gott-förmig- keit/ ja eine zeitlang des innerlichen trostes und fühlung der sonsten von sei- ner Gottheit in seine gesegnete menschheit abfliessenden göttlichen freude: al- so gehöret auch uns zu/ nach seinem exempel das leben für die brüder zu assen 1. Joh. 3/ 16. mit begriff auch der empfindlichkeit oder mehrern ge- nusses der geistlichen gnade/ etwas in diesem um des nechsten willen zurück zu setzen. Also da Paulus verlangen hatte/ und es ihm an seiner seelen nütz- licher fande/ bald abzuscheiden und bey Christo zu seyn Phil. 1/ 23. ziehet er dennoch den nutzen/ welchen die gemeinden noch von ihm nöthig hatten/ aus liebe/ dem verlangen des ehendern genusses der völligen heiligkeit und selig- keit vor seine person/ vor: und ist also zu frieden/ noch länger in dem fleisch/ über dessenlast/ wegen der einwohnenden sünde/ er doch klaget Rom.
Das dritte Capitel. den/ wie man dero uͤbung alſo einrichtete und maͤßigte/ daß ſo viel muͤglich/die meiſte ungemache ausblieben. (nachdem es gleich wol heißt/ præcepta af- firmativa obligant ſemper, ſed non ad ſemper, daher einige auch ins gemein befohlene dinge dann und wann/ da und dort/ mehrers unheyl zu verhuͤten/ unterlaſſen/ oder doch etwas davon ausgeſetzt werden doͤrffen.) Jch hoffe aber auffs wenigſte nicht/ daß jemand dergleichen befohlen zu ſeyn/ vorgeben werde/ (wie dann dergleichen befehl unmuͤglich gezeiget werden koͤnte) ſon- dern man begnuͤgte ſich allein etwa damit/ daß ſothaner gebrauch erlaubt ſeye/ und alſo kinder Gottes ihres rechts nach ihrem gutbefinden unverhin- dert jemands/ genieſſen doͤrfften. Wann es dann nun auch alſo waͤre/ und daß die ſache goͤttlicher ordnung nicht zu wider/ erwieſen werden koͤnte/ achte ich doch/ daß wegen oberzehlter aͤrgernuͤſſen und boͤſer folgen/ auch der be- wandnuͤß der jetzigen zeiten/ die jenige Chriſten/ ſo ſich dergleichen frey zu ſeyn glauben/ gleichwol lieber ſich des gebrauchs ihrer freyheit begeben/ als zu ſo vieler zerruͤttung und unheyl/ da es nicht um leibliches leiden/ ſon- dern die anlaß vieler von allerley leuten begehender ſuͤnden/ zu thun iſt/ ge- legenheit geben ſolten/ und wo ſie rechtſchaffene liebe haben/ der uͤbrigen mit ſothaner unterlaſſung ſchonen wuͤrden. Wir wiſſen und geſtehen alle/ daß nechſt dem glauben die liebe die vornehmſte Meiſterin des gantzen lebens ſeye/ daher kein kind GOttes ſeinen nutzen mit eines andern ſchaden ſuchet/ oder auch ſuchen doͤrffte. Phil. 2/ 4. Ein jeglicher ſehe nicht auff das ſeine/ ſondern auffdas/ das des andern iſt. 1. Cor. 10/ 24. Niemand ſuche was ſein iſt/ ſondern ein jeglicher was des andern iſt. v. 33. ich ſuche nicht was mir/ ſondern was vielen frommet/ daß ſie ſelig werden. So gehet auch dieſe regel nicht allein das zeitliche oder leibliche/ ſondern auch das geiſt- liche/ und in gewiſſer maaß das ewige an. Unſer liebſte Heyland JEſus/ das hoͤchſte muſter der liebe/ enteuſſert ſich aus liebe zu uns/ ſeiner Gott-foͤrmig- keit/ ja eine zeitlang des innerlichen troſtes und fuͤhlung der ſonſten von ſei- ner Gottheit in ſeine geſegnete menſchheit abflieſſenden goͤttlichen freude: al- ſo gehoͤret auch uns zu/ nach ſeinem exempel das leben fuͤr die bruͤder zu aſſen 1. Joh. 3/ 16. mit begriff auch der empfindlichkeit oder mehrern ge- nuſſes der geiſtlichen gnade/ etwas in dieſem um des nechſten willen zuruͤck zu ſetzen. Alſo da Paulus verlangen hatte/ und es ihm an ſeiner ſeelen nuͤtz- licher fande/ bald abzuſcheiden und bey Chriſto zu ſeyn Phil. 1/ 23. ziehet er dennoch den nutzen/ welchen die gemeinden noch von ihm noͤthig hatten/ aus liebe/ dem verlangen des ehendern genuſſes der voͤlligen heiligkeit und ſelig- keit vor ſeine perſon/ vor: und iſt alſo zu frieden/ noch laͤnger in dem fleiſch/ uͤber deſſenlaſt/ wegen der einwohnenden ſuͤnde/ er doch klaget Rom.
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Das dritte Capitel.
den/ wie man dero uͤbung alſo einrichtete und maͤßigte/ daß ſo viel muͤglich/
die meiſte ungemache ausblieben. (nachdem es gleich wol heißt/ præcepta af-
firmativa obligant ſemper, ſed non ad ſemper, daher einige auch ins gemein
befohlene dinge dann und wann/ da und dort/ mehrers unheyl zu verhuͤten/
unterlaſſen/ oder doch etwas davon ausgeſetzt werden doͤrffen.) Jch hoffe
aber auffs wenigſte nicht/ daß jemand dergleichen befohlen zu ſeyn/ vorgeben
werde/ (wie dann dergleichen befehl unmuͤglich gezeiget werden koͤnte) ſon-
dern man begnuͤgte ſich allein etwa damit/ daß ſothaner gebrauch erlaubt
ſeye/ und alſo kinder Gottes ihres rechts nach ihrem gutbefinden unverhin-
dert jemands/ genieſſen doͤrfften. Wann es dann nun auch alſo waͤre/ und
daß die ſache goͤttlicher ordnung nicht zu wider/ erwieſen werden koͤnte/ achte
ich doch/ daß wegen oberzehlter aͤrgernuͤſſen und boͤſer folgen/ auch der be-
wandnuͤß der jetzigen zeiten/ die jenige Chriſten/ ſo ſich dergleichen frey zu
ſeyn glauben/ gleichwol lieber ſich des gebrauchs ihrer freyheit begeben/
als zu ſo vieler zerruͤttung und unheyl/ da es nicht um leibliches leiden/ ſon-
dern die anlaß vieler von allerley leuten begehender ſuͤnden/ zu thun iſt/ ge-
legenheit geben ſolten/ und wo ſie rechtſchaffene liebe haben/ der uͤbrigen mit
ſothaner unterlaſſung ſchonen wuͤrden. Wir wiſſen und geſtehen alle/ daß
nechſt dem glauben die liebe die vornehmſte Meiſterin des gantzen lebens ſeye/
daher kein kind GOttes ſeinen nutzen mit eines andern ſchaden ſuchet/ oder
auch ſuchen doͤrffte. Phil. 2/ 4. Ein jeglicher ſehe nicht auff das ſeine/
ſondern auffdas/ das des andern iſt. 1. Cor. 10/ 24. Niemand ſuche was
ſein iſt/ ſondern ein jeglicher was des andern iſt. v. 33. ich ſuche nicht
was mir/ ſondern was vielen frommet/ daß ſie ſelig werden. So gehet
auch dieſe regel nicht allein das zeitliche oder leibliche/ ſondern auch das geiſt-
liche/ und in gewiſſer maaß das ewige an. Unſer liebſte Heyland JEſus/ das
hoͤchſte muſter der liebe/ enteuſſert ſich aus liebe zu uns/ ſeiner Gott-foͤrmig-
keit/ ja eine zeitlang des innerlichen troſtes und fuͤhlung der ſonſten von ſei-
ner Gottheit in ſeine geſegnete menſchheit abflieſſenden goͤttlichen freude: al-
ſo gehoͤret auch uns zu/ nach ſeinem exempel das leben fuͤr die bruͤder zu
aſſen 1. Joh. 3/ 16. mit begriff auch der empfindlichkeit oder mehrern ge-
nuſſes der geiſtlichen gnade/ etwas in dieſem um des nechſten willen zuruͤck
zu ſetzen. Alſo da Paulus verlangen hatte/ und es ihm an ſeiner ſeelen nuͤtz-
licher fande/ bald abzuſcheiden und bey Chriſto zu ſeyn Phil. 1/ 23. ziehet er
dennoch den nutzen/ welchen die gemeinden noch von ihm noͤthig hatten/ aus
liebe/ dem verlangen des ehendern genuſſes der voͤlligen heiligkeit und ſelig-
keit vor ſeine perſon/ vor: und iſt alſo zu frieden/ noch laͤnger in
dem fleiſch/ uͤber deſſenlaſt/ wegen der einwohnenden ſuͤnde/ er doch klaget
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| Zitationshilfe: | Spener, Philipp Jakob: Theologische Bedencken. Bd. 2. Halle (Saale), 1701, S. 64. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/spener_bedencken02_1701/72>, abgerufen am 26.09.2024. |


