dem Morgenthau süßester Unschuld. Die rothe Rose hat nun der Sturm des Lebens wol schon lange ge¬ knickt, und hätte ich sie auch damals treuer bewahrt -- was würde die Welt, die kalte, freche, lästernde Welt aus der romantischen Liebe eines Barons und einer Zingarella zuletzt gemacht haben! Damals war ich zu jung und hätte die Geliebte vor dieser schnöden Welt nicht vertheidigen können; jetzt bin ich ein Mann geworden und habe blos ein Kind, einen Findling, zu schirmen und zu schützen. So sind jetzt die Chancen alle für mich. Ich werde der Zigeunerin geben, was sie verlangt, und wärmsten, aufrichtigsten Dank in den Kauf. Ich hoffe, sie hat die Verabredung nicht vergessen. Halt, Karl! -- Wir müssen hier aussteigen, um durch den Wald zu gehen. Ich kenne den Pfad von früher her noch ziemlich gut. Es ist die Stunde, welche uns die braune Gräfin bestimmte. Wir kom¬ men gerade zur rechten Zeit."
"Wollen wir nicht doch die Kleine lieber hier lassen?" sagte Oswald.
"Weshalb?" fragte der Baron, der schon aus dem Wagen gestiegen war.
"Das Kind hängt sehr an der Frau, die ja am Ende doch seine Mutter ist. Vielleicht wird es bei ihrem Anblick von der alten Liebe zum Waldesleben
dem Morgenthau ſüßeſter Unſchuld. Die rothe Roſe hat nun der Sturm des Lebens wol ſchon lange ge¬ knickt, und hätte ich ſie auch damals treuer bewahrt — was würde die Welt, die kalte, freche, läſternde Welt aus der romantiſchen Liebe eines Barons und einer Zingarella zuletzt gemacht haben! Damals war ich zu jung und hätte die Geliebte vor dieſer ſchnöden Welt nicht vertheidigen können; jetzt bin ich ein Mann geworden und habe blos ein Kind, einen Findling, zu ſchirmen und zu ſchützen. So ſind jetzt die Chancen alle für mich. Ich werde der Zigeunerin geben, was ſie verlangt, und wärmſten, aufrichtigſten Dank in den Kauf. Ich hoffe, ſie hat die Verabredung nicht vergeſſen. Halt, Karl! — Wir müſſen hier ausſteigen, um durch den Wald zu gehen. Ich kenne den Pfad von früher her noch ziemlich gut. Es iſt die Stunde, welche uns die braune Gräfin beſtimmte. Wir kom¬ men gerade zur rechten Zeit.“
„Wollen wir nicht doch die Kleine lieber hier laſſen?“ ſagte Oswald.
„Weshalb?“ fragte der Baron, der ſchon aus dem Wagen geſtiegen war.
„Das Kind hängt ſehr an der Frau, die ja am Ende doch ſeine Mutter iſt. Vielleicht wird es bei ihrem Anblick von der alten Liebe zum Waldesleben
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dem Morgenthau ſüßeſter Unſchuld. Die rothe Roſe
hat nun der Sturm des Lebens wol ſchon lange ge¬
knickt, und hätte ich ſie auch damals treuer bewahrt —
was würde die Welt, die kalte, freche, läſternde Welt
aus der romantiſchen Liebe eines Barons und einer
Zingarella zuletzt gemacht haben! Damals war ich
zu jung und hätte die Geliebte vor dieſer ſchnöden
Welt nicht vertheidigen können; jetzt bin ich ein Mann
geworden und habe blos ein Kind, einen Findling,
zu ſchirmen und zu ſchützen. So ſind jetzt die Chancen
alle für mich. Ich werde der Zigeunerin geben, was
ſie verlangt, und wärmſten, aufrichtigſten Dank in
den Kauf. Ich hoffe, ſie hat die Verabredung nicht
vergeſſen. Halt, Karl! — Wir müſſen hier ausſteigen,
um durch den Wald zu gehen. Ich kenne den Pfad
von früher her noch ziemlich gut. Es iſt die Stunde,
welche uns die braune Gräfin beſtimmte. Wir kom¬
men gerade zur rechten Zeit.“
„Wollen wir nicht doch die Kleine lieber hier laſſen?“
ſagte Oswald.
„Weshalb?“ fragte der Baron, der ſchon aus dem
Wagen geſtiegen war.
„Das Kind hängt ſehr an der Frau, die ja am
Ende doch ſeine Mutter iſt. Vielleicht wird es bei
ihrem Anblick von der alten Liebe zum Waldesleben
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Spielhagen, Friedrich: Problematische Naturen. Bd. 4. Berlin, 1861, S. 95. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/spielhagen_problematische04_1861/105>, abgerufen am 10.08.2024.
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