Versäumte möglichst nachholen. Wir wollen recht viel zusammen spazieren gehen; ich will Dir aus Deinen Lieblingsbüchern vorlesen; es soll ein reizendes still¬ vergnügtes Leben werden," und das junge Mädchen nahm die Hand ihres Vaters und führte sie an ihre Lippen.
"Du bist ein liebes gutes Kind," sagte der Baron und seine Stimme zitterte etwas: "gebe Gott, daß ich mich Deiner noch recht lange zu erfreuen habe."
"Aber, bester Vater, schon wieder solche hypochon¬ drische Gedanken! Du bist ja jetzt, Gott sei Dank, wieder so rüstig, wie immer. Weshalb sollten wir nicht noch lange glücklich zusammen leben!"
"Aber wenn Du uns verließest."
"Ich sterbe fürs erste noch nicht, deshalb sei nur ganz unbesorgt;" sagte Fräulein Helene lachend.
"Das wolle auch Gott verhüten! aber die Kinder werden ja nicht blos durch den Tod von den Eltern getrennt. Wenn Du nun heirathest, so müssen wir uns doch darauf gefaßt machen, Dich abermals zu verlieren, nachdem wir Dich kaum wieder gewonnen haben."
"Aber, Papa, Du sprichst ja gerade, als ob ich wo möglich morgen schon heiraten soll! Ich denke ja gar nicht daran. Auch die Mutter fing gestern
2*
Verſäumte möglichſt nachholen. Wir wollen recht viel zuſammen ſpazieren gehen; ich will Dir aus Deinen Lieblingsbüchern vorleſen; es ſoll ein reizendes ſtill¬ vergnügtes Leben werden,“ und das junge Mädchen nahm die Hand ihres Vaters und führte ſie an ihre Lippen.
„Du biſt ein liebes gutes Kind,“ ſagte der Baron und ſeine Stimme zitterte etwas: „gebe Gott, daß ich mich Deiner noch recht lange zu erfreuen habe.“
„Aber, beſter Vater, ſchon wieder ſolche hypochon¬ driſche Gedanken! Du biſt ja jetzt, Gott ſei Dank, wieder ſo rüſtig, wie immer. Weshalb ſollten wir nicht noch lange glücklich zuſammen leben!“
„Aber wenn Du uns verließeſt.“
„Ich ſterbe fürs erſte noch nicht, deshalb ſei nur ganz unbeſorgt;“ ſagte Fräulein Helene lachend.
„Das wolle auch Gott verhüten! aber die Kinder werden ja nicht blos durch den Tod von den Eltern getrennt. Wenn Du nun heiratheſt, ſo müſſen wir uns doch darauf gefaßt machen, Dich abermals zu verlieren, nachdem wir Dich kaum wieder gewonnen haben.“
„Aber, Papa, Du ſprichſt ja gerade, als ob ich wo möglich morgen ſchon heiraten ſoll! Ich denke ja gar nicht daran. Auch die Mutter fing geſtern
2*
<TEI><text><body><divn="1"><p><pbfacs="#f0029"n="19"/>
Verſäumte möglichſt nachholen. Wir wollen recht viel<lb/>
zuſammen ſpazieren gehen; ich will Dir aus Deinen<lb/>
Lieblingsbüchern vorleſen; es ſoll ein reizendes ſtill¬<lb/>
vergnügtes Leben werden,“ und das junge Mädchen<lb/>
nahm die Hand ihres Vaters und führte ſie an ihre<lb/>
Lippen.</p><lb/><p>„Du biſt ein liebes gutes Kind,“ſagte der Baron<lb/>
und ſeine Stimme zitterte etwas: „gebe Gott, daß ich<lb/>
mich Deiner noch recht lange zu erfreuen habe.“</p><lb/><p>„Aber, beſter Vater, ſchon wieder ſolche hypochon¬<lb/>
driſche Gedanken! Du biſt ja jetzt, Gott ſei Dank,<lb/>
wieder ſo rüſtig, wie immer. Weshalb ſollten wir<lb/>
nicht noch lange glücklich zuſammen leben!“</p><lb/><p>„Aber wenn Du uns verließeſt.“</p><lb/><p>„Ich ſterbe fürs erſte noch nicht, deshalb ſei nur<lb/>
ganz unbeſorgt;“ſagte Fräulein Helene lachend.</p><lb/><p>„Das wolle auch Gott verhüten! aber die Kinder<lb/>
werden ja nicht blos durch den Tod von den Eltern<lb/>
getrennt. Wenn Du nun heiratheſt, ſo müſſen wir<lb/>
uns doch darauf gefaßt machen, Dich abermals zu<lb/>
verlieren, nachdem wir Dich kaum wieder gewonnen<lb/>
haben.“</p><lb/><p>„Aber, Papa, Du ſprichſt ja gerade, als ob ich<lb/>
wo möglich morgen ſchon heiraten ſoll! Ich denke<lb/>
ja gar nicht daran. Auch die Mutter fing geſtern<lb/><fwplace="bottom"type="sig">2*<lb/></fw></p></div></body></text></TEI>
[19/0029]
Verſäumte möglichſt nachholen. Wir wollen recht viel
zuſammen ſpazieren gehen; ich will Dir aus Deinen
Lieblingsbüchern vorleſen; es ſoll ein reizendes ſtill¬
vergnügtes Leben werden,“ und das junge Mädchen
nahm die Hand ihres Vaters und führte ſie an ihre
Lippen.
„Du biſt ein liebes gutes Kind,“ ſagte der Baron
und ſeine Stimme zitterte etwas: „gebe Gott, daß ich
mich Deiner noch recht lange zu erfreuen habe.“
„Aber, beſter Vater, ſchon wieder ſolche hypochon¬
driſche Gedanken! Du biſt ja jetzt, Gott ſei Dank,
wieder ſo rüſtig, wie immer. Weshalb ſollten wir
nicht noch lange glücklich zuſammen leben!“
„Aber wenn Du uns verließeſt.“
„Ich ſterbe fürs erſte noch nicht, deshalb ſei nur
ganz unbeſorgt;“ ſagte Fräulein Helene lachend.
„Das wolle auch Gott verhüten! aber die Kinder
werden ja nicht blos durch den Tod von den Eltern
getrennt. Wenn Du nun heiratheſt, ſo müſſen wir
uns doch darauf gefaßt machen, Dich abermals zu
verlieren, nachdem wir Dich kaum wieder gewonnen
haben.“
„Aber, Papa, Du ſprichſt ja gerade, als ob ich
wo möglich morgen ſchon heiraten ſoll! Ich denke
ja gar nicht daran. Auch die Mutter fing geſtern
2*
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend
gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien
von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem
DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.
Spielhagen, Friedrich: Problematische Naturen. Bd. 4. Berlin, 1861, S. 19. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/spielhagen_problematische04_1861/29>, abgerufen am 10.08.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.