vor dem Thor;" sagte der Baron, während sie die Treppe, die nach dem Garten führte, hinunterstiegen; "die Czika sitzt, in meinem Mantel gehüllt, darin. Meinen Sie nicht auch, daß es gerathen ist, das Kind zu der Zusammenkunft mitzunehmen? Wenn die Zigeunerin wirklich des Kindes Mutter ist, so sind wir ihr wol diese Aufmerksamkeit schuldig. In jedem Fall kann sie sich überzeugen, daß das Kind lebt und gesund ist und sich in seinen neuen Verhältnissen wohl befindet. -- Aber was bedeutet denn dies rege Leben im Schloß? Anna-Maria ist doch sonst keine Freun¬ din von Festgelagen. Ist Malte vielleicht fortgelaufen gewesen und wieder zurückgekehrt und wird dem Kalbe jetzt ein Kalb geschlachtet?"
"Es handelt sich nicht um einen verlornen Sohn, sondern um eine wiedergefundene Tochter," sagte Os¬ wald, sich zu einem scherzhaften Tone zwingend; "Fräulein Helene ist aus der Pension zurück. Seit¬ dem reiht sich Fest an Fest."
"Tempora mutantur;" lachte Oldenburg; "das muß ja eine Circe von Mädchen sein, die solche Metamorphosen zu Wege bringen kann. Ist sie schön?"
"Mir erscheint sie so."
"Lassen Sie uns einmal an die Fenster treten,"
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vor dem Thor;“ ſagte der Baron, während ſie die Treppe, die nach dem Garten führte, hinunterſtiegen; „die Czika ſitzt, in meinem Mantel gehüllt, darin. Meinen Sie nicht auch, daß es gerathen iſt, das Kind zu der Zuſammenkunft mitzunehmen? Wenn die Zigeunerin wirklich des Kindes Mutter iſt, ſo ſind wir ihr wol dieſe Aufmerkſamkeit ſchuldig. In jedem Fall kann ſie ſich überzeugen, daß das Kind lebt und geſund iſt und ſich in ſeinen neuen Verhältniſſen wohl befindet. — Aber was bedeutet denn dies rege Leben im Schloß? Anna-Maria iſt doch ſonſt keine Freun¬ din von Feſtgelagen. Iſt Malte vielleicht fortgelaufen geweſen und wieder zurückgekehrt und wird dem Kalbe jetzt ein Kalb geſchlachtet?“
„Es handelt ſich nicht um einen verlornen Sohn, ſondern um eine wiedergefundene Tochter,“ ſagte Os¬ wald, ſich zu einem ſcherzhaften Tone zwingend; „Fräulein Helene iſt aus der Penſion zurück. Seit¬ dem reiht ſich Feſt an Feſt.“
„Tempora mutantur;“ lachte Oldenburg; „das muß ja eine Circe von Mädchen ſein, die ſolche Metamorphoſen zu Wege bringen kann. Iſt ſie ſchön?“
„Mir erſcheint ſie ſo.“
„Laſſen Sie uns einmal an die Fenſter treten,“
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vor dem Thor;“ ſagte der Baron, während ſie die
Treppe, die nach dem Garten führte, hinunterſtiegen;
„die Czika ſitzt, in meinem Mantel gehüllt, darin.
Meinen Sie nicht auch, daß es gerathen iſt, das
Kind zu der Zuſammenkunft mitzunehmen? Wenn die
Zigeunerin wirklich des Kindes Mutter iſt, ſo ſind
wir ihr wol dieſe Aufmerkſamkeit ſchuldig. In jedem
Fall kann ſie ſich überzeugen, daß das Kind lebt und
geſund iſt und ſich in ſeinen neuen Verhältniſſen wohl
befindet. — Aber was bedeutet denn dies rege Leben
im Schloß? Anna-Maria iſt doch ſonſt keine Freun¬
din von Feſtgelagen. Iſt Malte vielleicht fortgelaufen
geweſen und wieder zurückgekehrt und wird dem Kalbe
jetzt ein Kalb geſchlachtet?“
„Es handelt ſich nicht um einen verlornen Sohn,
ſondern um eine wiedergefundene Tochter,“ ſagte Os¬
wald, ſich zu einem ſcherzhaften Tone zwingend;
„Fräulein Helene iſt aus der Penſion zurück. Seit¬
dem reiht ſich Feſt an Feſt.“
„Tempora mutantur;“ lachte Oldenburg; „das
muß ja eine Circe von Mädchen ſein, die ſolche
Metamorphoſen zu Wege bringen kann. Iſt ſie
ſchön?“
„Mir erſcheint ſie ſo.“
„Laſſen Sie uns einmal an die Fenſter treten,“
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Spielhagen, Friedrich: Problematische Naturen. Bd. 4. Berlin, 1861, S. 83. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/spielhagen_problematische04_1861/93>, abgerufen am 10.08.2024.
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