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Spindler, Karl: Die Engel-Ehe. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 8. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–66. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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aber zum Verlieben wär's noch zu bald. Vielleicht kommt's dazu ... ich weiß nicht recht. Erlaubt indessen, daß ich Euch gut sei. -- Recht gern, da Ihr so vernünftig sprecht. -- Und seid auch gut mit mir, Jungfer. -- Das versteht sich. Erstens hält der Vater viel auf Euch ... -- Er soll's nicht bereuen, bei Gott! -- Zweitens habt Ihr ihm das Leben erhalten... -- Das freut mich mehrentheils um Euretwillen. -- Endlich kann ich Euch nicht vergessen, Georg, daß Ihr, ohne mich noch zu kennen, mein Recht gegen den Rüttimann vertheidigt habt. -- Ohne Euch zu kennen? Ei ja doch! ich hatte Euch schon oft gesehn; am Morgen, so oft Ihr die Leinwand auf dem Grase netztet; am Mittag, wann Ihr die Hühner füttertet; am Abend, wann Ihr bei Eurer Arbeit unterm Baume saßt und fleißig war't, bis die Sterne langsam kamen, bis die Gletscher verglühten. Gesehn und wohlgefallen und gedacht, ich möcht' bei Euch sein mein Lebelang, das war eins bei mir, und der Himmel, Gott sei Dank, hat schon den Anfang dazu erlaubt. --

Vreneli hörte mit freundlichem Lächeln die schlichten und ungeschmückten Reden des Burschen an, fragte aber plötzlich in einen fremdern Ton übergehend: Gefällt's Euch in Appenzell? -- Es hat mir darinnen nie besser gefallen, als heute. -- Könnt Ihr denn Eure Heimath vergessen, und wie heißt Euer Geburtsland? -- Ich bin ein Berner, wißt Ihr's nicht schon? bin in Pruntrutt daheim. Vor langen Jahren ist mein

aber zum Verlieben wär's noch zu bald. Vielleicht kommt's dazu ... ich weiß nicht recht. Erlaubt indessen, daß ich Euch gut sei. — Recht gern, da Ihr so vernünftig sprecht. — Und seid auch gut mit mir, Jungfer. — Das versteht sich. Erstens hält der Vater viel auf Euch ... — Er soll's nicht bereuen, bei Gott! — Zweitens habt Ihr ihm das Leben erhalten... — Das freut mich mehrentheils um Euretwillen. — Endlich kann ich Euch nicht vergessen, Georg, daß Ihr, ohne mich noch zu kennen, mein Recht gegen den Rüttimann vertheidigt habt. — Ohne Euch zu kennen? Ei ja doch! ich hatte Euch schon oft gesehn; am Morgen, so oft Ihr die Leinwand auf dem Grase netztet; am Mittag, wann Ihr die Hühner füttertet; am Abend, wann Ihr bei Eurer Arbeit unterm Baume saßt und fleißig war't, bis die Sterne langsam kamen, bis die Gletscher verglühten. Gesehn und wohlgefallen und gedacht, ich möcht' bei Euch sein mein Lebelang, das war eins bei mir, und der Himmel, Gott sei Dank, hat schon den Anfang dazu erlaubt. —

Vreneli hörte mit freundlichem Lächeln die schlichten und ungeschmückten Reden des Burschen an, fragte aber plötzlich in einen fremdern Ton übergehend: Gefällt's Euch in Appenzell? — Es hat mir darinnen nie besser gefallen, als heute. — Könnt Ihr denn Eure Heimath vergessen, und wie heißt Euer Geburtsland? — Ich bin ein Berner, wißt Ihr's nicht schon? bin in Pruntrutt daheim. Vor langen Jahren ist mein

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[0045] aber zum Verlieben wär's noch zu bald. Vielleicht kommt's dazu ... ich weiß nicht recht. Erlaubt indessen, daß ich Euch gut sei. — Recht gern, da Ihr so vernünftig sprecht. — Und seid auch gut mit mir, Jungfer. — Das versteht sich. Erstens hält der Vater viel auf Euch ... — Er soll's nicht bereuen, bei Gott! — Zweitens habt Ihr ihm das Leben erhalten... — Das freut mich mehrentheils um Euretwillen. — Endlich kann ich Euch nicht vergessen, Georg, daß Ihr, ohne mich noch zu kennen, mein Recht gegen den Rüttimann vertheidigt habt. — Ohne Euch zu kennen? Ei ja doch! ich hatte Euch schon oft gesehn; am Morgen, so oft Ihr die Leinwand auf dem Grase netztet; am Mittag, wann Ihr die Hühner füttertet; am Abend, wann Ihr bei Eurer Arbeit unterm Baume saßt und fleißig war't, bis die Sterne langsam kamen, bis die Gletscher verglühten. Gesehn und wohlgefallen und gedacht, ich möcht' bei Euch sein mein Lebelang, das war eins bei mir, und der Himmel, Gott sei Dank, hat schon den Anfang dazu erlaubt. — Vreneli hörte mit freundlichem Lächeln die schlichten und ungeschmückten Reden des Burschen an, fragte aber plötzlich in einen fremdern Ton übergehend: Gefällt's Euch in Appenzell? — Es hat mir darinnen nie besser gefallen, als heute. — Könnt Ihr denn Eure Heimath vergessen, und wie heißt Euer Geburtsland? — Ich bin ein Berner, wißt Ihr's nicht schon? bin in Pruntrutt daheim. Vor langen Jahren ist mein

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T12:06:51Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T12:06:51Z)

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Zitationshilfe: Spindler, Karl: Die Engel-Ehe. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 8. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–66. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/spindler_engel_1910/45>, abgerufen am 12.08.2022.