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Steinen, Karl von den: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. Berlin, 1894.

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Leute -- unregelmässig bemalt mit menschlichen Figuren und Fischwirbelsäulen.
Man trommelte bei Festen auf diesem Rieseninstrument mit dicken Holzknüppeln,
ähnlich den Mandiokastampfern.

Drinnen gab es schöne Masken und eine neue Form des Tanzanzuges: zwei
gewaltige Krinolinen von 10 m Umfang mit Stroh bedeckt, kleinen Hütten ver-
gleichbar, koalu, die der Tänzer an einem Ring auf der Schulter trug. Bald war
ein schwungvoller Tauschhandel überall im Gange. Wir erhielten schönen Feder-
schmuck, Kronen aus Ararafedern, die auf der einen Seite lichtblau, auf der
andern gelb sind, zierliche Matten, in denen sie aufbewahrt werden, schwarzgelbe
Rohrdiademe, wie deren Luchu auf Tafel 6 eins trägt, andere mit strahlen-
förmigen Spitzen, grosse Pansflöten, ein mit Zeichnungen verziertes Ruder, Spinn-
wirtel der einfachsten Art: aus Topfscherben hergestellte Scheiben, und eine
Menge merkwürdiger zilinderförmiger Hölzer, die mit Ornamenten bedeckt waren
und bei Festen auf dem Rücken getragen wurden. Dann aber kam in dem
Gerät dieser dritten Bakairi deutlich zum Ausdruck, dass wir uns bei dem den
übrigen Kulisehu-Indianern nächst wohnenden Teil des Stammes befanden; es
war vielerlei Importwaare vorhanden und wurde hier auch als solche bezeichnet.
Die Bakairi machen selbst keine Töpfe und haben selbst keinen Ort, an dem
sie sich die Steine für die Steinbeile holen könnten, hier aber sagte man uns
auch sofort, dass die Töpfe von den Mehinaku und die Steinbeile von den Trumai
stammten. Unter den Töpfen war einer in Schildkrötenform, der ein wahres
Meisterwerk der primitiven Plastik darstellte, an dem Kopf, Schwanz und Füsse,
sowie die Schildzeichnung auf das Herrlichste ausgeführt waren. Von den Auetö
fanden wir eine halbzerbrochene Thonpuppe, von den Mehinaku herrührend auch
Knäuel feingesponnener Baumwolle, von den Trumai und Suya zierliche Feder-
hauben. Aus unserm eigenen Besitz von 1884 entdeckten wir zwei Eisenmeissel,
Teile eines Ladestockes, die auf Steinen zugeschliffen waren.

In höchsteigener Person trafen wir einen Nahuqua; leider war der Mensch
sichtlich idiotisch und konnte meinen Zwecken wenig bieten. Es ist seltsam,
dass dieses keine vereinzelte Erscheinung ist: die Kustenau von 1884 hatten einen
versimpelten Bakairi unter sich, die Yuruna desgleichen einen Arara-Indianer mit
ausgesprochenem Schwachsinn, und Aehnliches glaube ich, noch öfter bemerkt zu
haben. Werden die Leute dumm in der neuen Umgebung oder überlässt man
dem Nachbar nur die dummen Exemplare zur Nutzniessung?

In dem Flötenhause wurden anthropologische Messungen und photographische
Aufnahmen gegen Vergütung in Perlen ausgeführt. In diesem Dorf gab es einen
ausgesprochen semitischen Typus, von dem Tafel 13 ein klassisches Beispiel
darstellt. Die Leute liessen sich Alles gefallen und nannten den Tasterzirkel
nuna "Mond". Nur Einer war entrüstet, als ich ihm, nachdem ihn Ehrenreich
von Kopf bis zu Fuss in allen Richtungen gemessen hatte, die Gebühr von drei
schönen, dicken Perlen überreichte. Er wollte so viel Perlen haben, als Messungen
an ihm vorgenommen waren, er wiederholte mit lebhaftem Geberdenspiel und

Leute — unregelmässig bemalt mit menschlichen Figuren und Fischwirbelsäulen.
Man trommelte bei Festen auf diesem Rieseninstrument mit dicken Holzknüppeln,
ähnlich den Mandiokastampfern.

Drinnen gab es schöne Masken und eine neue Form des Tanzanzuges: zwei
gewaltige Krinolinen von 10 m Umfang mit Stroh bedeckt, kleinen Hütten ver-
gleichbar, koálu, die der Tänzer an einem Ring auf der Schulter trug. Bald war
ein schwungvoller Tauschhandel überall im Gange. Wir erhielten schönen Feder-
schmuck, Kronen aus Ararafedern, die auf der einen Seite lichtblau, auf der
andern gelb sind, zierliche Matten, in denen sie aufbewahrt werden, schwarzgelbe
Rohrdiademe, wie deren Luchu auf Tafel 6 eins trägt, andere mit strahlen-
förmigen Spitzen, grosse Pansflöten, ein mit Zeichnungen verziertes Ruder, Spinn-
wirtel der einfachsten Art: aus Topfscherben hergestellte Scheiben, und eine
Menge merkwürdiger zilinderförmiger Hölzer, die mit Ornamenten bedeckt waren
und bei Festen auf dem Rücken getragen wurden. Dann aber kam in dem
Gerät dieser dritten Bakaïrí deutlich zum Ausdruck, dass wir uns bei dem den
übrigen Kulisehu-Indianern nächst wohnenden Teil des Stammes befanden; es
war vielerlei Importwaare vorhanden und wurde hier auch als solche bezeichnet.
Die Bakaïrí machen selbst keine Töpfe und haben selbst keinen Ort, an dem
sie sich die Steine für die Steinbeile holen könnten, hier aber sagte man uns
auch sofort, dass die Töpfe von den Mehinakú und die Steinbeile von den Trumaí
stammten. Unter den Töpfen war einer in Schildkrötenform, der ein wahres
Meisterwerk der primitiven Plastik darstellte, an dem Kopf, Schwanz und Füsse,
sowie die Schildzeichnung auf das Herrlichste ausgeführt waren. Von den Auetö́
fanden wir eine halbzerbrochene Thonpuppe, von den Mehinakú herrührend auch
Knäuel feingesponnener Baumwolle, von den Trumaí und Suyá zierliche Feder-
hauben. Aus unserm eigenen Besitz von 1884 entdeckten wir zwei Eisenmeissel,
Teile eines Ladestockes, die auf Steinen zugeschliffen waren.

In höchsteigener Person trafen wir einen Nahuquá; leider war der Mensch
sichtlich idiotisch und konnte meinen Zwecken wenig bieten. Es ist seltsam,
dass dieses keine vereinzelte Erscheinung ist: die Kustenaú von 1884 hatten einen
versimpelten Bakaïrí unter sich, die Yuruna desgleichen einen Arara-Indianer mit
ausgesprochenem Schwachsinn, und Aehnliches glaube ich, noch öfter bemerkt zu
haben. Werden die Leute dumm in der neuen Umgebung oder überlässt man
dem Nachbar nur die dummen Exemplare zur Nutzniessung?

In dem Flötenhause wurden anthropologische Messungen und photographische
Aufnahmen gegen Vergütung in Perlen ausgeführt. In diesem Dorf gab es einen
ausgesprochen semitischen Typus, von dem Tafel 13 ein klassisches Beispiel
darstellt. Die Leute liessen sich Alles gefallen und nannten den Tasterzirkel
núna »Mond«. Nur Einer war entrüstet, als ich ihm, nachdem ihn Ehrenreich
von Kopf bis zu Fuss in allen Richtungen gemessen hatte, die Gebühr von drei
schönen, dicken Perlen überreichte. Er wollte so viel Perlen haben, als Messungen
an ihm vorgenommen waren, er wiederholte mit lebhaftem Geberdenspiel und

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[93/0123] Leute — unregelmässig bemalt mit menschlichen Figuren und Fischwirbelsäulen. Man trommelte bei Festen auf diesem Rieseninstrument mit dicken Holzknüppeln, ähnlich den Mandiokastampfern. Drinnen gab es schöne Masken und eine neue Form des Tanzanzuges: zwei gewaltige Krinolinen von 10 m Umfang mit Stroh bedeckt, kleinen Hütten ver- gleichbar, koálu, die der Tänzer an einem Ring auf der Schulter trug. Bald war ein schwungvoller Tauschhandel überall im Gange. Wir erhielten schönen Feder- schmuck, Kronen aus Ararafedern, die auf der einen Seite lichtblau, auf der andern gelb sind, zierliche Matten, in denen sie aufbewahrt werden, schwarzgelbe Rohrdiademe, wie deren Luchu auf Tafel 6 eins trägt, andere mit strahlen- förmigen Spitzen, grosse Pansflöten, ein mit Zeichnungen verziertes Ruder, Spinn- wirtel der einfachsten Art: aus Topfscherben hergestellte Scheiben, und eine Menge merkwürdiger zilinderförmiger Hölzer, die mit Ornamenten bedeckt waren und bei Festen auf dem Rücken getragen wurden. Dann aber kam in dem Gerät dieser dritten Bakaïrí deutlich zum Ausdruck, dass wir uns bei dem den übrigen Kulisehu-Indianern nächst wohnenden Teil des Stammes befanden; es war vielerlei Importwaare vorhanden und wurde hier auch als solche bezeichnet. Die Bakaïrí machen selbst keine Töpfe und haben selbst keinen Ort, an dem sie sich die Steine für die Steinbeile holen könnten, hier aber sagte man uns auch sofort, dass die Töpfe von den Mehinakú und die Steinbeile von den Trumaí stammten. Unter den Töpfen war einer in Schildkrötenform, der ein wahres Meisterwerk der primitiven Plastik darstellte, an dem Kopf, Schwanz und Füsse, sowie die Schildzeichnung auf das Herrlichste ausgeführt waren. Von den Auetö́ fanden wir eine halbzerbrochene Thonpuppe, von den Mehinakú herrührend auch Knäuel feingesponnener Baumwolle, von den Trumaí und Suyá zierliche Feder- hauben. Aus unserm eigenen Besitz von 1884 entdeckten wir zwei Eisenmeissel, Teile eines Ladestockes, die auf Steinen zugeschliffen waren. In höchsteigener Person trafen wir einen Nahuquá; leider war der Mensch sichtlich idiotisch und konnte meinen Zwecken wenig bieten. Es ist seltsam, dass dieses keine vereinzelte Erscheinung ist: die Kustenaú von 1884 hatten einen versimpelten Bakaïrí unter sich, die Yuruna desgleichen einen Arara-Indianer mit ausgesprochenem Schwachsinn, und Aehnliches glaube ich, noch öfter bemerkt zu haben. Werden die Leute dumm in der neuen Umgebung oder überlässt man dem Nachbar nur die dummen Exemplare zur Nutzniessung? In dem Flötenhause wurden anthropologische Messungen und photographische Aufnahmen gegen Vergütung in Perlen ausgeführt. In diesem Dorf gab es einen ausgesprochen semitischen Typus, von dem Tafel 13 ein klassisches Beispiel darstellt. Die Leute liessen sich Alles gefallen und nannten den Tasterzirkel núna »Mond«. Nur Einer war entrüstet, als ich ihm, nachdem ihn Ehrenreich von Kopf bis zu Fuss in allen Richtungen gemessen hatte, die Gebühr von drei schönen, dicken Perlen überreichte. Er wollte so viel Perlen haben, als Messungen an ihm vorgenommen waren, er wiederholte mit lebhaftem Geberdenspiel und

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Zitationshilfe: Steinen, Karl von den: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. Berlin, 1894, S. 93. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/steinen_naturvoelker_1894/123>, abgerufen am 16.04.2021.