"Und wenn es nun nicht gelänge!" rief sie wieder; "von Kindesbeinen an hab' ich gehört, der Priehl sei nicht zu stopfen, und darum dürfe nicht daran gerührt werden."
"Das war ein Vorwand für die Faulen!" sagte Hauke; "weshalb denn sollte man den Priehl nicht stopfen können?"
-- "Das hört' ich nicht; vielleicht, weil er gerade durchgeht; die Spülung ist zu stark." -- Eine Erinnerung überkam sie, und ein fast schelmisches Lächeln brach aus ihren ernsten Augen: "Als ich Kind war," sprach sie, "hörte ich einmal die Knechte darüber reden; sie meinten, wenn ein Damm dort halten solle, müsse was Lebigs da hinein geworfen und mit verdämmt werden; bei einem Deichbau auf der andern Seite, vor wohl hundert Jahren, sei ein Zigeunerkind verdämmet worden, das sie um schweres Geld der Mutter abgehandelt hätten; jetzt aber würde wohl Keine ihr Kind verkaufen!"
Hauke schüttelte den Kopf: "Da ist es gut, daß wir keins haben; sie würden es sonst noch schier von uns verlangen!"
"Sie sollten's nicht bekommen!" sagte Elke und schlug wie in Angst die Arme über ihren Leib.
„Und wenn es nun nicht gelänge!” rief ſie wieder; „von Kindesbeinen an hab' ich gehört, der Priehl ſei nicht zu ſtopfen, und darum dürfe nicht daran gerührt werden.”
„Das war ein Vorwand für die Faulen!” ſagte Hauke; „weshalb denn ſollte man den Priehl nicht ſtopfen können?”
— „Das hört' ich nicht; vielleicht, weil er gerade durchgeht; die Spülung iſt zu ſtark.” — Eine Erinnerung überkam ſie, und ein faſt ſchelmiſches Lächeln brach aus ihren ernſten Augen: „Als ich Kind war,” ſprach ſie, „hörte ich einmal die Knechte darüber reden; ſie meinten, wenn ein Damm dort halten ſolle, müſſe was Lebigs da hinein geworfen und mit verdämmt werden; bei einem Deichbau auf der andern Seite, vor wohl hundert Jahren, ſei ein Zigeunerkind verdämmet worden, das ſie um ſchweres Geld der Mutter abgehandelt hätten; jetzt aber würde wohl Keine ihr Kind verkaufen!”
Hauke ſchüttelte den Kopf: „Da iſt es gut, daß wir keins haben; ſie würden es ſonſt noch ſchier von uns verlangen!”
„Sie ſollten's nicht bekommen!” ſagte Elke und ſchlug wie in Angſt die Arme über ihren Leib.
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„Und wenn es nun nicht gelänge!” rief ſie
wieder; „von Kindesbeinen an hab' ich gehört, der
Priehl ſei nicht zu ſtopfen, und darum dürfe nicht
daran gerührt werden.”
„Das war ein Vorwand für die Faulen!”
ſagte Hauke; „weshalb denn ſollte man den Priehl
nicht ſtopfen können?”
— „Das hört' ich nicht; vielleicht, weil er
gerade durchgeht; die Spülung iſt zu ſtark.” —
Eine Erinnerung überkam ſie, und ein faſt ſchelmiſches
Lächeln brach aus ihren ernſten Augen: „Als ich
Kind war,” ſprach ſie, „hörte ich einmal die Knechte
darüber reden; ſie meinten, wenn ein Damm dort
halten ſolle, müſſe was Lebigs da hinein geworfen
und mit verdämmt werden; bei einem Deichbau
auf der andern Seite, vor wohl hundert Jahren,
ſei ein Zigeunerkind verdämmet worden, das ſie
um ſchweres Geld der Mutter abgehandelt hätten;
jetzt aber würde wohl Keine ihr Kind verkaufen!”
Hauke ſchüttelte den Kopf: „Da iſt es gut,
daß wir keins haben; ſie würden es ſonſt noch
ſchier von uns verlangen!”
„Sie ſollten's nicht bekommen!” ſagte Elke
und ſchlug wie in Angſt die Arme über ihren Leib.
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Zuerst erschienen in: Deutsche Rundschau (Berlin)… [mehr]
Zuerst erschienen in: Deutsche Rundschau (Berlin), April/Mai 1888. Erste Buchausgabe Berlin: Paetel 1888, diese wurde für das DTA zur Digitalisierung herangezogen.
Storm, Theodor: Der Schimmelreiter. Berlin, 1888, S. 108. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/storm_schimmelreiter_1888/120>, abgerufen am 23.09.2024.
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