gewiß, sie waren schon im Geestdorf droben; von dorther schimmerte so viel Lichtschein, wie er nie- mals noch gesehen hatte; ja selbst hoch oben aus der Luft, es mochte wohl vom Kirchthurm sein, brach solcher in die Nacht hinaus. "Sie werden Alle fort sein, Alle!" sprach Hauke bei sich selber; "freilich auf mancher Werfte wird ein Haus in Trümmern liegen, schlechte Jahre werden für die überschwemmten Fennen kommen; Siele und Schleusen zu repariren sein! Wir müssen's tragen, und ich will helfen, auch denen, die mir Leids gethan; nur, Herr, mein Gott, sei gnädig mit uns Menschen!"
Da warf er seine Augen seitwärts nach dem neuen Koog; um ihn schäumte das Meer; aber in ihm lag es wie nächtlicher Friede. Ein un- willkürliches Jauchzen brach aus des Reiters Brust: "Der Hauke-Haiendeich, er soll schon halten; er wird es noch nach hundert Jahren thun!"
Ein donnerartiges Rauschen zu seinen Füßen weckte ihn aus diesen Träumen; der Schimmel wollte nicht mehr vorwärts. Was war das? -- Das Pferd sprang zurück, und er fühlte es, ein Deich- stück stürzte vor ihm in die Tiefe. Er riß die
gewiß, ſie waren ſchon im Geeſtdorf droben; von dorther ſchimmerte ſo viel Lichtſchein, wie er nie- mals noch geſehen hatte; ja ſelbſt hoch oben aus der Luft, es mochte wohl vom Kirchthurm ſein, brach ſolcher in die Nacht hinaus. „Sie werden Alle fort ſein, Alle!” ſprach Hauke bei ſich ſelber; „freilich auf mancher Werfte wird ein Haus in Trümmern liegen, ſchlechte Jahre werden für die überſchwemmten Fennen kommen; Siele und Schleuſen zu repariren ſein! Wir müſſen's tragen, und ich will helfen, auch denen, die mir Leids gethan; nur, Herr, mein Gott, ſei gnädig mit uns Menſchen!”
Da warf er ſeine Augen ſeitwärts nach dem neuen Koog; um ihn ſchäumte das Meer; aber in ihm lag es wie nächtlicher Friede. Ein un- willkürliches Jauchzen brach aus des Reiters Bruſt: „Der Hauke-Haiendeich, er ſoll ſchon halten; er wird es noch nach hundert Jahren thun!”
Ein donnerartiges Rauſchen zu ſeinen Füßen weckte ihn aus dieſen Träumen; der Schimmel wollte nicht mehr vorwärts. Was war das? — Das Pferd ſprang zurück, und er fühlte es, ein Deich- ſtück ſtürzte vor ihm in die Tiefe. Er riß die
<TEI><text><body><divn="1"><p><pbfacs="#f0227"n="215"/>
gewiß, ſie waren ſchon im Geeſtdorf droben; von<lb/>
dorther ſchimmerte ſo viel Lichtſchein, wie er nie-<lb/>
mals noch geſehen hatte; ja ſelbſt hoch oben aus<lb/>
der Luft, es mochte wohl vom Kirchthurm ſein,<lb/>
brach ſolcher in die Nacht hinaus. „Sie werden<lb/>
Alle fort ſein, Alle!”ſprach Hauke bei ſich ſelber;<lb/>„freilich auf mancher Werfte wird ein Haus in<lb/>
Trümmern liegen, ſchlechte Jahre werden für die<lb/>
überſchwemmten Fennen kommen; Siele und<lb/>
Schleuſen zu repariren ſein! Wir müſſen's tragen,<lb/>
und ich will helfen, auch denen, die mir Leids<lb/>
gethan; nur, Herr, mein Gott, ſei gnädig mit uns<lb/>
Menſchen!”</p><lb/><p>Da warf er ſeine Augen ſeitwärts nach dem<lb/>
neuen Koog; um ihn ſchäumte das Meer; aber in<lb/>
ihm lag es wie nächtlicher Friede. Ein un-<lb/>
willkürliches Jauchzen brach aus des Reiters Bruſt:<lb/>„Der Hauke-Haiendeich, er ſoll ſchon halten; er<lb/>
wird es noch nach hundert Jahren thun!”</p><lb/><p>Ein donnerartiges Rauſchen zu ſeinen Füßen<lb/>
weckte ihn aus dieſen Träumen; der Schimmel wollte<lb/>
nicht mehr vorwärts. Was war das? — Das<lb/>
Pferd ſprang zurück, und er fühlte es, ein Deich-<lb/>ſtück ſtürzte vor ihm in die Tiefe. Er riß die<lb/></p></div></body></text></TEI>
[215/0227]
gewiß, ſie waren ſchon im Geeſtdorf droben; von
dorther ſchimmerte ſo viel Lichtſchein, wie er nie-
mals noch geſehen hatte; ja ſelbſt hoch oben aus
der Luft, es mochte wohl vom Kirchthurm ſein,
brach ſolcher in die Nacht hinaus. „Sie werden
Alle fort ſein, Alle!” ſprach Hauke bei ſich ſelber;
„freilich auf mancher Werfte wird ein Haus in
Trümmern liegen, ſchlechte Jahre werden für die
überſchwemmten Fennen kommen; Siele und
Schleuſen zu repariren ſein! Wir müſſen's tragen,
und ich will helfen, auch denen, die mir Leids
gethan; nur, Herr, mein Gott, ſei gnädig mit uns
Menſchen!”
Da warf er ſeine Augen ſeitwärts nach dem
neuen Koog; um ihn ſchäumte das Meer; aber in
ihm lag es wie nächtlicher Friede. Ein un-
willkürliches Jauchzen brach aus des Reiters Bruſt:
„Der Hauke-Haiendeich, er ſoll ſchon halten; er
wird es noch nach hundert Jahren thun!”
Ein donnerartiges Rauſchen zu ſeinen Füßen
weckte ihn aus dieſen Träumen; der Schimmel wollte
nicht mehr vorwärts. Was war das? — Das
Pferd ſprang zurück, und er fühlte es, ein Deich-
ſtück ſtürzte vor ihm in die Tiefe. Er riß die
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Zuerst erschienen in: Deutsche Rundschau (Berlin)… [mehr]
Zuerst erschienen in: Deutsche Rundschau (Berlin), April/Mai 1888. Erste Buchausgabe Berlin: Paetel 1888, diese wurde für das DTA zur Digitalisierung herangezogen.
Storm, Theodor: Der Schimmelreiter. Berlin, 1888, S. 215. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/storm_schimmelreiter_1888/227>, abgerufen am 25.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.