schlagen. Der ungenannte E. F. in Henke's Magazin 6) sprach auch über diese Erzählung die Einsicht aus, sie berichte nicht genau Alles, wie es vorgefallen sei, sondern wie es wohl vorgefallen sein möchte. Demnach sei namentlich in die Reden der beiden Frauen Manches von dem zurückge- tragen, was über die Bestimmung ihrer Söhne erst der spätere Erfolg lehrte, und auch sonst sei mancher Zug aus der Sage hinzugekommen. Dennoch liege ein wahres Fak- tum zum Grunde, nämlich ein wirklicher Besuch der Ma- ria bei Elisabet, ihre vergnügte Unterhaltung und ihr Dank gegen Gott, was Alles habe stattfinden können, auch ohne dass die beiden Frauen von der ausserordentlichen Bestimmung ihrer Kinder damals schon etwas wussten, lediglich vermö- ge des hohen Werthes, welchen die Orientalinnen auf Mut- terfreuden legten. Von dieser vergnügten Zusammenkunft und den Äusserungen ihres Dankes gegen Gott mochte nun nach diesem Verfasser Maria oft erzählt haben, wenn sie über das folgende, merkwürdige Leben ihres Sohnes nach- dachte, und so kam diese Erzählung in Umlauf. -- Auch Horst, der sonst einen richtigen Blick in die dichterische Natur dieser Abschnitte hat und die natürliche Erklärungs- weise derselben gut widerlegt, gleitet hier unversehens zur Hälfte in diese zurück, indem er gar nichts Unwahrschein- liches darin findet, dass Maria ihre ältere und an Erfah- rung reichere Verwandte während ihrer, in manchem Be- tracht leidensvollen Schwangerschaft besucht, und dass Eli- sabet bei diesem Besuche das erste Leben an ihrem Kinde gespürt habe, ein Zug, welcher, weil er später für ominös gehalten wurde, sich durch die mündliche Sage wohl habe erhalten können 7).
Auch hier wieder dasselbe unkritische Verfahren, wel- ches das Mythische und Poetische einer Erzählung ausge-
6) 5. Band, 1. Stück. S. 161 f.
7) In Henke's Museum, 1, 4, S. 725.
13*
Drittes Kapitel. §. 27.
schlagen. Der ungenannte E. F. in Henke's Magazin 6) sprach auch über diese Erzählung die Einsicht aus, sie berichte nicht genau Alles, wie es vorgefallen sei, sondern wie es wohl vorgefallen sein möchte. Demnach sei namentlich in die Reden der beiden Frauen Manches von dem zurückge- tragen, was über die Bestimmung ihrer Söhne erst der spätere Erfolg lehrte, und auch sonst sei mancher Zug aus der Sage hinzugekommen. Dennoch liege ein wahres Fak- tum zum Grunde, nämlich ein wirklicher Besuch der Ma- ria bei Elisabet, ihre vergnügte Unterhaltung und ihr Dank gegen Gott, was Alles habe stattfinden können, auch ohne daſs die beiden Frauen von der ausserordentlichen Bestimmung ihrer Kinder damals schon etwas wuſsten, lediglich vermö- ge des hohen Werthes, welchen die Orientalinnen auf Mut- terfreuden legten. Von dieser vergnügten Zusammenkunft und den Äusserungen ihres Dankes gegen Gott mochte nun nach diesem Verfasser Maria oft erzählt haben, wenn sie über das folgende, merkwürdige Leben ihres Sohnes nach- dachte, und so kam diese Erzählung in Umlauf. — Auch Horst, der sonst einen richtigen Blick in die dichterische Natur dieser Abschnitte hat und die natürliche Erklärungs- weise derselben gut widerlegt, gleitet hier unversehens zur Hälfte in diese zurück, indem er gar nichts Unwahrschein- liches darin findet, daſs Maria ihre ältere und an Erfah- rung reichere Verwandte während ihrer, in manchem Be- tracht leidensvollen Schwangerschaft besucht, und daſs Eli- sabet bei diesem Besuche das erste Leben an ihrem Kinde gespürt habe, ein Zug, welcher, weil er später für ominös gehalten wurde, sich durch die mündliche Sage wohl habe erhalten können 7).
Auch hier wieder dasselbe unkritische Verfahren, wel- ches das Mythische und Poëtische einer Erzählung ausge-
6) 5. Band, 1. Stück. S. 161 f.
7) In Henke's Museum, 1, 4, S. 725.
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Drittes Kapitel. §. 27.
schlagen. Der ungenannte E. F. in Henke's Magazin 6) sprach
auch über diese Erzählung die Einsicht aus, sie berichte
nicht genau Alles, wie es vorgefallen sei, sondern wie es
wohl vorgefallen sein möchte. Demnach sei namentlich in
die Reden der beiden Frauen Manches von dem zurückge-
tragen, was über die Bestimmung ihrer Söhne erst der
spätere Erfolg lehrte, und auch sonst sei mancher Zug aus
der Sage hinzugekommen. Dennoch liege ein wahres Fak-
tum zum Grunde, nämlich ein wirklicher Besuch der Ma-
ria bei Elisabet, ihre vergnügte Unterhaltung und ihr Dank
gegen Gott, was Alles habe stattfinden können, auch ohne daſs
die beiden Frauen von der ausserordentlichen Bestimmung
ihrer Kinder damals schon etwas wuſsten, lediglich vermö-
ge des hohen Werthes, welchen die Orientalinnen auf Mut-
terfreuden legten. Von dieser vergnügten Zusammenkunft
und den Äusserungen ihres Dankes gegen Gott mochte nun
nach diesem Verfasser Maria oft erzählt haben, wenn sie
über das folgende, merkwürdige Leben ihres Sohnes nach-
dachte, und so kam diese Erzählung in Umlauf. — Auch
Horst, der sonst einen richtigen Blick in die dichterische
Natur dieser Abschnitte hat und die natürliche Erklärungs-
weise derselben gut widerlegt, gleitet hier unversehens zur
Hälfte in diese zurück, indem er gar nichts Unwahrschein-
liches darin findet, daſs Maria ihre ältere und an Erfah-
rung reichere Verwandte während ihrer, in manchem Be-
tracht leidensvollen Schwangerschaft besucht, und daſs Eli-
sabet bei diesem Besuche das erste Leben an ihrem Kinde
gespürt habe, ein Zug, welcher, weil er später für ominös
gehalten wurde, sich durch die mündliche Sage wohl habe
erhalten können 7).
Auch hier wieder dasselbe unkritische Verfahren, wel-
ches das Mythische und Poëtische einer Erzählung ausge-
6) 5. Band, 1. Stück. S. 161 f.
7) In Henke's Museum, 1, 4, S. 725.
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Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835, S. 195. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus01_1835/219>, abgerufen am 23.09.2024.
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