ser Art zu betreffen 2), indem sich in beiden die erste Be- fremdung der Landsleute Jesu über seine plözlich zu Tage gekommenen Geistesgaben ausspricht, die sie mit seinen sonstigen Verhältnissen nicht sogleich zu reimen wussten 3). Wäre nämlich nach der zunächst sich bietenden Annahme dem von Matthäus und Markus erzählten Auftritt der bei Lukas beschriebene vorangegangen gewesen: so hätten die Nazaretaner nicht zum zweitenmal sich wundern können, pothen touto e sophia aute; da sie ja von dieser schon das erstemal Proben bekommen hatten; sollte aber umgekehrt die von Lukas erzählte Begebenheit die zweite sein: so konnten sie sich dann theils nicht wieder über die logous tes kharitos an dem uios Ioseph verwundern aus demsel- ben Grunde, theils konnte Jesus nicht schlechtweg sagen: semeron peplerotai e graphe aute en tois os[i]n umon, ohne einen strafenden Rückblick auf die frühere Gelegen- heit zu werfen, bei welcher sie sich bereits hatte erfüllen wollen, aber durch ihre Unempfänglichkeit daran verhin- dert worden war.
Durch diese Erwägungen sind jezt die Ausleger gros- sentheils zu der Einsicht gelangt, dass hier dieselbe Ge- schichte nur verschieden gestellt und geschildert sei 4), und es fragt sich blos noch, welche Relation den Vorzug verdiene? Was die Stellung betrifft, so scheint auf den ersten Anblick die des Lukas Alles für sich zu haben. Für die Verlegung des Wohnsitzes giebt sie den erwünschten Grund; auch die Verwunderung der Nazaretaner scheint sich am besten begreifen zu lassen, wenn Jesus nur so eben erst öffentlich aufgetreten war, und so hat man noch
2) Diess hat besonders Schleiermacher in's Licht gestellt, über den Lukas S. 63.
3)Sieffert, über den Ursprung des ersten kanonischen Evan- geliums, S. 89.
4) So Olshausen, Fritzsche z. d. St. Hase, Leben Jesu §. 56. Sieffert, a. a. O.
Zweiter Abschnitt.
ser Art zu betreffen 2), indem sich in beiden die erste Be- fremdung der Landsleute Jesu über seine plözlich zu Tage gekommenen Geistesgaben ausspricht, die sie mit seinen sonstigen Verhältnissen nicht sogleich zu reimen wuſsten 3). Wäre nämlich nach der zunächst sich bietenden Annahme dem von Matthäus und Markus erzählten Auftritt der bei Lukas beschriebene vorangegangen gewesen: so hätten die Nazaretaner nicht zum zweitenmal sich wundern können, πόϑεν τούτῳ ἡ σοφία αὕτη; da sie ja von dieser schon das erstemal Proben bekommen hatten; sollte aber umgekehrt die von Lukas erzählte Begebenheit die zweite sein: so konnten sie sich dann theils nicht wieder über die λόγους τῆς χάριτος an dem υἱὸς Ἰωσηφ verwundern aus demsel- ben Grunde, theils konnte Jesus nicht schlechtweg sagen: σήμερον πεπλήρωται ἡ γραφὴ αὕτη ἐν τοῖς ὠσ[ι]ν ύμῶν, ohne einen strafenden Rückblick auf die frühere Gelegen- heit zu werfen, bei welcher sie sich bereits hatte erfüllen wollen, aber durch ihre Unempfänglichkeit daran verhin- dert worden war.
Durch diese Erwägungen sind jezt die Ausleger gros- sentheils zu der Einsicht gelangt, daſs hier dieselbe Ge- schichte nur verschieden gestellt und geschildert sei 4), und es fragt sich blos noch, welche Relation den Vorzug verdiene? Was die Stellung betrifft, so scheint auf den ersten Anblick die des Lukas Alles für sich zu haben. Für die Verlegung des Wohnsitzes giebt sie den erwünschten Grund; auch die Verwunderung der Nazaretaner scheint sich am besten begreifen zu lassen, wenn Jesus nur so eben erst öffentlich aufgetreten war, und so hat man noch
2) Diess hat besonders Schleiermacher in's Licht gestellt, über den Lukas S. 63.
3)Sieffert, über den Ursprung des ersten kanonischen Evan- geliums, S. 89.
4) So Olshausen, Fritzsche z. d. St. Hase, Leben Jesu §. 56. Sieffert, a. a. O.
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><divn="3"><p><pbfacs="#f0472"n="448"/><fwplace="top"type="header"><hirendition="#g">Zweiter Abschnitt</hi>.</fw><lb/>
ser Art zu betreffen <noteplace="foot"n="2)">Diess hat besonders <hirendition="#k">Schleiermacher</hi> in's Licht gestellt, über<lb/>
den Lukas S. 63.</note>, indem sich in beiden die erste Be-<lb/>
fremdung der Landsleute Jesu über seine plözlich zu Tage<lb/>
gekommenen Geistesgaben ausspricht, die sie mit seinen<lb/>
sonstigen Verhältnissen nicht sogleich zu reimen wuſsten <noteplace="foot"n="3)"><hirendition="#k">Sieffert</hi>, über den Ursprung des ersten kanonischen Evan-<lb/>
geliums, S. 89.</note>.<lb/>
Wäre nämlich nach der zunächst sich bietenden Annahme<lb/>
dem von Matthäus und Markus erzählten Auftritt der bei<lb/>
Lukas beschriebene vorangegangen gewesen: so hätten die<lb/>
Nazaretaner nicht zum zweitenmal sich wundern können,<lb/><foreignxml:lang="ell">πόϑεντούτῳἡσοφίααὕτη;</foreign> da sie ja von dieser schon das<lb/>
erstemal Proben bekommen hatten; sollte aber umgekehrt<lb/>
die von Lukas erzählte Begebenheit die zweite sein: so<lb/>
konnten sie sich dann theils nicht wieder über die <foreignxml:lang="ell">λόγους<lb/>τῆςχάριτος</foreign> an dem <foreignxml:lang="ell">υἱὸςἸωσηφ</foreign> verwundern aus demsel-<lb/>
ben Grunde, theils konnte Jesus nicht schlechtweg sagen:<lb/>σήμερονπεπλήρωταιἡγραφὴαὕτηἐντοῖςὠσ<supplied>ι</supplied>νύμῶν,<lb/>
ohne einen strafenden Rückblick auf die frühere Gelegen-<lb/>
heit zu werfen, bei welcher sie sich bereits hatte erfüllen<lb/>
wollen, aber durch ihre Unempfänglichkeit daran verhin-<lb/>
dert worden war.</p><lb/><p>Durch diese Erwägungen sind jezt die Ausleger gros-<lb/>
sentheils zu der Einsicht gelangt, daſs hier dieselbe Ge-<lb/>
schichte nur verschieden gestellt und geschildert sei <noteplace="foot"n="4)">So <hirendition="#k">Olshausen, Fritzsche</hi> z. d. St. <hirendition="#k">Hase</hi>, Leben Jesu §. 56.<lb/><hirendition="#k">Sieffert</hi>, a. a. O.</note>,<lb/>
und es fragt sich blos noch, welche Relation den Vorzug<lb/>
verdiene? Was die Stellung betrifft, so scheint auf den<lb/>
ersten Anblick die des Lukas Alles für sich zu haben. Für<lb/>
die Verlegung des Wohnsitzes giebt sie den erwünschten<lb/>
Grund; auch die Verwunderung der Nazaretaner scheint<lb/>
sich am besten begreifen zu lassen, wenn Jesus nur so<lb/>
eben erst öffentlich aufgetreten war, und so hat man noch<lb/></p></div></div></div></body></text></TEI>
[448/0472]
Zweiter Abschnitt.
ser Art zu betreffen 2), indem sich in beiden die erste Be-
fremdung der Landsleute Jesu über seine plözlich zu Tage
gekommenen Geistesgaben ausspricht, die sie mit seinen
sonstigen Verhältnissen nicht sogleich zu reimen wuſsten 3).
Wäre nämlich nach der zunächst sich bietenden Annahme
dem von Matthäus und Markus erzählten Auftritt der bei
Lukas beschriebene vorangegangen gewesen: so hätten die
Nazaretaner nicht zum zweitenmal sich wundern können,
πόϑεν τούτῳ ἡ σοφία αὕτη; da sie ja von dieser schon das
erstemal Proben bekommen hatten; sollte aber umgekehrt
die von Lukas erzählte Begebenheit die zweite sein: so
konnten sie sich dann theils nicht wieder über die λόγους
τῆς χάριτος an dem υἱὸς Ἰωσηφ verwundern aus demsel-
ben Grunde, theils konnte Jesus nicht schlechtweg sagen:
σήμερον πεπλήρωται ἡ γραφὴ αὕτη ἐν τοῖς ὠσιν ύμῶν,
ohne einen strafenden Rückblick auf die frühere Gelegen-
heit zu werfen, bei welcher sie sich bereits hatte erfüllen
wollen, aber durch ihre Unempfänglichkeit daran verhin-
dert worden war.
Durch diese Erwägungen sind jezt die Ausleger gros-
sentheils zu der Einsicht gelangt, daſs hier dieselbe Ge-
schichte nur verschieden gestellt und geschildert sei 4),
und es fragt sich blos noch, welche Relation den Vorzug
verdiene? Was die Stellung betrifft, so scheint auf den
ersten Anblick die des Lukas Alles für sich zu haben. Für
die Verlegung des Wohnsitzes giebt sie den erwünschten
Grund; auch die Verwunderung der Nazaretaner scheint
sich am besten begreifen zu lassen, wenn Jesus nur so
eben erst öffentlich aufgetreten war, und so hat man noch
2) Diess hat besonders Schleiermacher in's Licht gestellt, über
den Lukas S. 63.
3) Sieffert, über den Ursprung des ersten kanonischen Evan-
geliums, S. 89.
4) So Olshausen, Fritzsche z. d. St. Hase, Leben Jesu §. 56.
Sieffert, a. a. O.
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835, S. 448. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus01_1835/472>, abgerufen am 26.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.